Die Welt ein klein wenig gerechter machen

Im Projekt «Time for Change» treffen Menschen aus über 15 Nationen aufeinander und nähern sich künstlerisch dem Thema Ungerechtigkeit.

«Augen auf!» Letzte Vorbereitung für einen Schnitzeljagd-Posten.

«Augen auf!» Letzte Vorbereitung für einen Schnitzeljagd-Posten. Bild: Adrian Moser

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Er habe einen türkischen Popsong in seiner Muttersprache Kurdisch, in Arabisch, Deutsch und Englisch gesungen und dabei auch noch neue Freunde gefunden, sagt Achmed und strahlt. Der 22-jährige Syrer hat an einem der drei Workshops von «Time for Change» teilgenommen, ein Projekt, welches Schauspieler Dennis Schwabenland zusammen mit 14 weiteren Kulturschaffenden ins Leben gerufen hat. Ziel dieser Workshops sei es, Menschen unterschiedlichster Herkunft zusammenzubringen und so einen Austausch zu ermöglichen, erklärt Schwabenland, der die künstlerische Leitung hat.

Tatsächlich ist es eine heterogene Truppe von rund 60 Leuten, die sich da am Montagabend in den Kellerräumlichkeiten des Berner Generationenhauses einfindet: alteingesessene Bernerinnen, Neuzuzüger, Migrantinnen und Flüchtlinge; die jüngste Teilnehmerin ist 18-jährig, die älteste Ende sechzig. Wenn die verbale Kommunikation nicht klappt – immerhin kommen an die 15 unterschiedliche Muttersprachen zusammen – werden Hände und Füsse zu Hilfe genommen.

Alle drei Workshops von «Time for Change» werden von Theaterschaffenden und Wissenschaftlern geleitet, zentrales Thema ist die herrschende soziale Ungerechtigkeit, der man sich aus verschiedenen Blickwinkeln zu nähern sucht. So wurde im Workshop «Grenzenlos» zum Beispiel eine Hörcollage erarbeitet. Anhand bestimmter Themen hätten die Teilnehmenden einander Geschichten erzählt, wobei natürlich immer auch Selbsterlebtes mit eingeflossen sei, sagt Schauspieler und Kabarettist Diego Valsecchi, einer der Leiter von «Grenzenlos». Es sei spannend gewesen, wie andere Menschen ihre Probleme geschildert hätten, sagt ein 22-jähriger schüchterner Mann aus Afghanistan, der seit einem Jahr in der Schweiz lebt.

Gerechtes Bern

Im Rahmen des Workshops «Der gerechte Stadtplan» haben die Teilnehmenden eine Schnitzeljagd erarbeitet, welche durch Berns Gassen und Strassen führt und ausgewählte Plätze, Strassen und Gebäude auf ihre «Gerechtigkeit» hin prüft. Natürlich seien nicht die Orte selber gerecht oder ungerecht, sondern würden durch Aktionen von Menschen zu solchen gemacht, sagt die 55-jährige Gabriele aus Zollikofen. Entsprechend wurden für die Posten der Schnitzeljagd Interventionen erarbeitet, das heisst, dass zum Beispiel durch Ton oder Schauspiel zum Nachdenken über Gerechtigkeit angeregt werden soll. «Wird man für die Probleme anderer sensibilisiert, entsteht eine Möglichkeit zur Veränderung und somit wäre ein erster Schritt Richtung mehr Gerechtigkeit getan», sagt Gabriele.

Austausch, menschliche Interaktion und gegenseitiges Verständnis schaffen, sei ganz klar die zentrale Idee von «Time for Change», sagt Dennis Schwabenland. Und natürlich erhoffe man sich auch, dass Impulse gesetzt werden, um zu verändern, was aus Sicht der Teilnehmenden anders gemacht werden könnte. Handlungsbedarf bestehe tatsächlich, sagt die 27-jährige Promise aus Uganda. Vor zwei Jahren ist die ausgebildete Marketing Managerin in die Schweiz geflohen und kämpft seitdem mit der hiesigen Art zu kommunizieren. «In der Schweiz sind alle wahnsinnig stark mit sich selber beschäftigt.» Viele wüssten gar nicht, was vor ihrer Haustüre passiere. Deswegen seien Projekte wie «Time for Change» extrem wichtig, weil sie Menschen und ihre Schicksale und auch die Ungerechtigkeit, welche gewisse Leute tagtäglich erführen, überhaupt erst sichtbar machten.

Auch Trant, ein 60-jähriger Buchkonservator aus Schottland, der seit 10 Jahren in der Schweiz lebt, sieht Handlungsbedarf. «Die Schweizer und Schweizerinnen sind extrem gut darin, sich auf etwas zu konzentrieren, das ist ja auch eine wichtige Kernkompetenz. Aber gleichzeitig kommt durch diese Fokussiertheit die Spontaneität zu kurz, es fehlt an ‹Joie de vivre› und wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, fehlt es oftmals an Engagement und emotionaler Beteiligung. Das äusserst sich natürlich vor allem in der Haltung gegenüber Fremden. Ich selber bin ja kein Flüchtling, sondern bin mit einer Schweizerin verheiratet und lebe seit 10 Jahren hier. Und trotzdem werde ich mit den gleichen Mechanismen konfrontiert. Auch für mich ist es schwierig, Anschluss zu finden.»

Freunde finden

Ins gleiche Horn bläst die 30-jährige Vera, eine Weltenbummlerin und freischaffende Journalistin aus Biel. «Immer wenn ich von Reisen zurückkomme, empfinde ich die Schweizer und Schweizerinnen als verschlossen. Woran das liegt, weiss ich auch nicht, weil uns geht es doch finanziell extrem gut. Vielleicht haben einige einfach Angst vor dem, was sie nicht kennen.» Genau hier will «Time for Change» ansetzen, indem Möglichkeiten zum Austausch und Kennenlernen geschaffen werden. Oder wie es Philosoph Thomas Jacobi, einer der Leiter des Musikworkshops «Mächtige Klänge» ausdrückt: «Es geht um Grunderfahrungen, wie man kommuniziert, wie man aufeinander eingeht, sich gegenseitig versteht und akzeptiert.» Und wenn man dabei auch noch gleich Freunde findet: umso besser.

Die Resultate der ersten Workshop-Runde werden am Mittwoch Abend um 19 Uhr im Berner Theater Schlachthaus gezeigt. (Der Bund)

Erstellt: 14.12.2016, 07:20 Uhr

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