«Die Vorstellung des Weltgerichts ist mir in Fleisch und Blut übergegangen»

Der Blick in die Erdgeschichte relativiere aber das christliche Weltgericht, sagt Ausstellungsmacher Martin Heller.

Die Ausstellung: Eine Lichtinstallation mit potenten Glühlampen erzeugt ein kosmisches Schaudern.

Die Ausstellung: Eine Lichtinstallation mit potenten Glühlampen erzeugt ein kosmisches Schaudern. Bild: Franziska Rothenbuehler

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Herr Heller, bei der Expo.02 ging es um eine Art Leistungsschau. Jetzt haben Sie eine Ausstellung über den Weltuntergang gemacht. Ist das nicht das Gegenteil?
Das sind ja nicht meine einzigen beiden Ausstellungen. Und die Expo.02 war für uns Macher keine Leistungsschau. Aber ich sehe eher Ähnlichkeiten als Unterschiede: In beiden Ausstellungen geht es darum, unterschiedliche Geschichten zum jeweiligen Thema zu finden und zu erzählen.

Was meinen Sie damit?
Die Schweiz und den Weltuntergang kann man ja nicht ausstellen wie den Impressionismus oder die Werke von Charles und Ray Eames. Da gibt es keine Schlüsselobjekte. Man muss verschiedene Schichten freilegen und sich von allen Seiten her der Thematik nähern. Wir wollten nicht bei den Youtube-Filmen zum Weltuntergang stehen bleiben. Die hat man in zwanzig Minuten gesehen. Also haben wir uns gefragt, welche Aspekte des Themas für uns und das Publikum lohnend sind.

Trotzdem denken beim Thema viele an Meteoriten, Überschwemmungen und Atombomben.
Da haben Sie recht. Aber es gibt noch ganz andere Assoziationen. Bei mir und anderen spielt auch die katholische Erziehung eine Rolle. Als Bub kam ich bei Beerdigungen als Ministrant zum Einsatz. Da ist mir die Vorstellung des Weltgerichts, eines Tages des Zorns, in Fleisch und Blut übergegangen. Begriffen habe ich damals nicht viel davon. Aber das Bild des Erzengels Michael, der die Seelen wägen wird, um sie in den Himmel oder die Hölle zu schicken, war meine erste Vorstellung von Weltuntergang.

Wie hat sich Ihr Verständnis des Weltuntergangs bei der Vorbereitung der Ausstellung verändert?
Ich war überrascht, wie reich das Phänomen ist, wenn man auch die erdgeschichtliche Dimension einbezieht. Die christliche Vorstellung des Weltgerichtes relativiert sich allein schon dadurch, dass sie ganze 2000 Jahre alt ist. Die Naturwissenschaft blickt locker auf 4,5 Milliarden Jahre zurück.

Sie haben gelernt, dass es lange vor den Menschen Weltuntergänge gab?
Das trat mir wieder verstärkt ins Bewusstsein. In der Ausstellung sind wunderbare Fossilien zu sehen. Es sind stumme Zeugen von Weltuntergängen, die lange vor der Menschheit stattfanden. Aber auch für Individuen können Welten untergehen: wenn eine Beziehung in Brüche geht oder ein Mensch langsam dement wird. Das sind eindringliche Kontrapunkte zu den spektakulären Bildern der Hollywood-Produktionen.

Wird der nächste Weltuntergang von Menschen gemacht?
Dafür spricht vieles, leider. Aber es gibt auch riesige Lavapfropfen bei Neapel oder im Yellowstone-Park, die jederzeit ausbrechen könnten. Eigentlich müssten wir deswegen unruhiger schlafen.

Wollen Sie die Leute verängstigen?
Nein, gewiss nicht. Ich hoffe eher, dass die Besucher durch das offene Ansprechen von Ängsten sensibilisiert werden.

Wenn nicht die Lavapfropfen explodieren, geht die Menschheit wohl am Klimakollaps zugrunde. Das kann fatalistisch stimmen.
Dieses Gefühl hat wohl jeder, der über den Klimawandel liest. Aber wir denken noch gar nicht so lange über das «Raumschiff Erde» nach. Die Metapher geht auf das erste Bild unseres Planeten aus dem Weltraum zurück. Das war in den Siebzigerjahren. Das Bewusstsein über die Fragilität der Erde ist sehr jung.

Wird die Erde auch ohne Menschen weiterdrehen?
Selbstverständlich. In einem der gezeigten Filmausschnitte sagt ein Alien sinngemäss: «Uns ist egal, was ihr mit eurer Erde anstellt. Aber wir warnen euch davor, andere Planeten in Mitleidenschaft zu ziehen.» (Der Bund)

Erstellt: 09.11.2017, 20:10 Uhr

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Martin Heller
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