Die Tücken der «Freiraumversorgung»

Die Stadt Bern definiert ihre Freiräume neu. Das Beispiel Kocherpark zeigt: Das sorgt für Reibungen. Zentral ist die Frage, welche und wie viele Regeln es braucht.

Das Musikfestival Parkonia fand 2017 erstmals statt. Rund 8 000 Besucher zählte der dreiwöchige Event im Kocherpark.

Das Musikfestival Parkonia fand 2017 erstmals statt. Rund 8 000 Besucher zählte der dreiwöchige Event im Kocherpark. Bild: zvg

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Sommer 2017: Der Berner Kocherpark ist wieder ins Bewusstsein der Städter gerückt. In der Grünanlage, die Bekanntheit erlangte wegen ihrer offenen Drogenszene, spielen Bands und DJs auf, Foodtrucks sorgen für Verpflegung und es werden Filme gezeigt. Experiment gelungen, bilanziert der Gemeinderat.

Sommer 2018: Es ist kompliziert. Das Experiment der Stadt bestand nämlich darin, ihre Parkanlagen besser zu nutzen. Dabei hat sich gezeigt: Für die Anwohner dauerten die Veranstaltungen zu lange, waren zu laut und folgten zu dicht aufeinander. Nun haben die Bewilligungsbehörden an den Justierschrauben gedreht.

Weniger Konzerte, ruhigere Filme

Bei einigen Veranstaltern sorgt das für grossen Frust. «Eigentlich sind der Aufwand und das finanzielle Risiko dieses Jahr zu gross», sagt Manuel Michel, Co-Gründer des Parkonia-Festivals Letztes Jahr stellten er und sein Team den dreiwöchigen Event auf die Beine, der nun zum zweiten Mal stattfindet. «Wir dürfen nur noch 12 verstärkte Konzerte einplanen, und die Spielzeiten sind auf Freitag- und Samstagabend bis 22 Uhr beschränkt.» Letztes Jahr seien es 24 Konzerte gewesen. Damit falle ein Grossteil der Publikumsmagneten weg, was sich auch auf die Finanzierung auswirke. «Wir rechnen mit einem Rückgang der Einnahmen um 15 Prozent», sagt Michel. Auf «anwohnerfreundliche Alternativen» habe das Veranstaltungsmanagement nicht eingehen wollen. Man habe auch aufmunterndes Feedback von vielen Anwohnern erhalten. «Mittlerweile überweigt die Vorfreude auf den Event.»

Auch das Freiluftkino Kino im Kocher findet wieder statt, und auch dessen Organisatoren werden zusätzliche Lärmschutzmassnahmen ergreifen. Diese wirken sich auf die Programmgestaltung aus. Die Vorführungen beginnen, bevor es ganz dunkel ist. Unter der Woche werden ruhigere Filme gezeigt, die Filmdauer beträgt höchstens zweieinhalb Stunden.

Marc Heeb, Co-Leiter des Polizeiinspektorats, betont die «sehr liberale und einfache» Bewilligungspraxis der Stadt Bern. «Eine Stadt lebt von der Initiative der Veranstalter, aber eben auch von den Einwohnern, die etwas Ruhe möchten», sagt er. Die Justierungen seien nötig gewesen, da es letztes Jahr zu vielen Beschwerden gekommen sei.

Subventioniert statt selbsttragend

Das Spannungsverhältnis zwischen den Ruhebedürfnissen der Anwohner und der Partylaune der Besucher ist nicht neu. Am Kocherpark lässt sich aber exemplarisch eine Entwicklung aufzeigen: Bern ist bemüht, seine Freiräume neu zu definieren. Beim Parkonia führt dieser Prozess zu einer kuriosen Begebenheit: Michel und sein Team wollten ihre Veranstaltung selbsttragend organisieren, also ohne Sponsoren und Subventionen. Wegen der Auflagen sei man nun gezwungen, einen Teil des Anlasses mit Beiträgen der öffentlichen Hand zu finanzieren. Die Veranstalter haben daher bei der Stadt angefragt, die daraufhin einen Förderbeitrag in der Höhe von 7000 Franken zugesichert hat. Dies sei «absurd und eigentlich unnötig», so Michel.

Die grosse Frage ist, welche und wie viele Regeln Freiräume erfordern – und welche Rolle die Privaten dabei spielen. So hat das Stadtplanungsamt im März in einem Freiraumkonzept die Ziele und Massnahmen dargelegt, die es aus Sicht der Verwaltung im Bereich «Freiraumversorgung» braucht. Politiker von links bis über die Mitte hinaus stehen diesem Konzept mitunter kritisch gegenüber. Die Stadt solle nicht aktiv, sondern vorsichtig passiv und offen für Ideen sein, so der Tenor. Das Beispiel Kocherpark zeugt für Bernhard Eicher, FDP-Fraktionschef im Stadtrat, von einem «absoluten Missverhältnis» zwischen staatlicher Planung und privater Initiative. «Die Stadt Bern versucht fast verzweifelt, den öffentlichen Raum zu beleben, statt den Privaten mehr Raum zu lassen.»

«Es gibt keinen Zusammenhang»

Für Stadtpräsident Alec von Graffenried (GFL) ist klar, dass der «Initiative und Innovation privater Veranstalter eine bedeutende Rolle zukommt». Es sei wichtig, dass sich solche Veranstaltungen baulich nicht vom öffentlichen Raum abgrenzten. Es dürfe keine Konsumpflicht oder Zugangsbeschränkungen gebe. Diese Bedingungen erfüllen auch das Kino im Kocher und das Parkonia-Fest.

Dass die Stadt Bern die Veranstalter, die mit Auflagen zu kämpfen haben, mit Förderbeiträgen tröste, will Kommunikationschef Walter Langenegger nicht gelten lassen. «Es gibt dazwischen keinen Zusammenhang», sagt er. Der Gemeinderat unterstütze jene Veranstaltungen finanziell oder erlasse ihnen Gebühren, die er als eine Bereicherung für die Stadt betrachte. «Der Entscheid orientiert sich allein an qualitativen Kriterien», so Langenegger. (Der Bund)

Erstellt: 12.06.2018, 19:49 Uhr

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