Die Totalität ins Auge fassen

Die partielle Sonnenfinsternis ist gut und recht. Wer aber ein Spektakel erwartet, wird enttäuscht sein. Denn mit einer Finsternis, die in der Totalitätszone erlebt wird, ist das nicht vergleichbar. Es geht um nichts weniger als um den Unterschied zwischen fast und ganz.

Heute wird eine partielle Sonnenfinsternis zu sehen sein.

Heute wird eine partielle Sonnenfinsternis zu sehen sein.

(Bild: Valérie Chételat)

Dölf Barben@DoelfBarben

Die Missverständnisse sind verbreitet. Die Zeitung «Blick» schrieb auf ihrer Homepage, am Freitag werde es wegen der Sonnenfinsternis «stockdunkel». Auch auf der Internetseite des Schweizer Fernsehens ist die Rede von einem Himmels­spektakel, «das niemand verpassen will». Zweifellos: Es ist ein Spektakel, wenn man sieht, wie der Mond auf seiner ewigen Rundreise vor der Sonne vorbeizieht und einem vor Augen geführt wird, mit welch unerschütterlicher Konstanz die Himmelsmechanik abläuft.

Wer aber ein Licht- und Schattenspektakel erwartet, wird enttäuscht sein. Der Mond deckt die Sonne von uns aus betrachtet nur zu rund 70 Prozent ab; sie wird immer noch kräftig scheinen. Und da sich das Auge der Helligkeitsveränderung laufend anpasst – anders als Solaranlagen –, wird man eigentlich gar nicht viel von allem merken.

Springender Punkt: Die Totalität

Wie gross die Missverständnisse sind, merkt man, wenn Leute über die totale Sonnenfinsternis von 1999 sprechen. Viele erinnern sich noch gut daran, wie sie die Spezialbrillen trugen. Und sie glauben seither, eine Sonnenfinsternis gesehen zu haben. Was im Grunde genommen auch stimmt. Was sie aber nicht zu wissen scheinen: Der springende Punkt bei einer totalen Sonnenfinsternis ist – die Totalität. Diese erlebt aber nur, wer sich in die Totalitätszone begibt. Diese Zone ist in den meisten Fällen ein langgezogener, schmaler Streifen. 1999 führte dieser nördlich der Schweiz vorbei. Nur wer sich in dieser Zone aufhält, kann erleben, wie es sich anfühlt, wenn der Kernschatten des Mondes wie die Nadel eines Platten­spielers über einen hinwegfährt.

Der Unterschied zwischen partieller und totaler Finsternis scheint theoretisch leicht fassbar zu sein, in Wirklichkeit entpuppt er sich aber als der Unterschied. Man darf es bei Sonnenfinsternissen mehr als wörtlich nehmen: Wer im Halbschatten steht, erlebt nur eine halbe Sache, wer hingegen in der Totalitätszone wartet, erkennt, was Totalität heisst – und worin sich die Begriffe «fast» und «ganz» unterscheiden.

Wie der Blick in ein Heiligtum

In der Totalitätszone erfährt man vor allem anderen, dass der Bereich des «Fast» nicht bei 97, 98 oder 99 Prozent der Sonnenabdeckung aufhört, sondern noch später. Erst in den letzten zehn oder zwanzig Sekunden, wenn die ­allerletzten Sonnenstrahlen hinter den Mondbergen verschwinden, offenbart eine Sonnenfinsternis, was sie ist: ein Schauspiel von unvermittelter, stummer Wucht, ein Vorgang, der einem den Atem abzuschnüren vermag und einen glauben lässt, der Raum um einen herum stürze in sich zusammen.

Es fühlt sich an, so war es jedenfalls 1999 in der Nähe von Metz bei bedecktem Himmel (!), als ob alles, was passiert, nicht mehr linear, sondern exponentiell ablaufen würde – als ob man das Bewusstsein verlieren würde. Und wenn das Wetter schön ist, so wie 2006 in Aegypten, und die Korona wie ein blauer Ringdiamant in Erscheinung tritt, ist es, als ob einem erlaubt würde, in ein Heiligtum hineinzublicken.

«An erster Stelle – mit Abstand»

Thomas Baer, Leitender Redaktor der Astro-Zeitschrift «Orion», der schon zehn totale Sonnenfinsternisse erlebt hat, bestätigt es. Er spricht von nicht fassbaren Dimensionen, die während der Totalität zu erahnen seien. Von Ereignissen, die sich nicht in Worte fassen liessen und die einem niemand mehr wegnehmen könne. Von allen Naturschauspielen, die er je erlebt habe, stünden die totalen Sonnenfinsternisse «an erster Stelle – mit Abstand». Baer verweist auf den Schriftsteller Adalbert Stifter, der die Sonnenfinsternis von 1842 in Wien beschrieben hat. Treffender habe es kaum jemand auszudrücken vermocht, worum es gehe.

Und Baer sagt auch, was jedem klar ist, der eine totale Sonnenfinsternis schon einmal «total» erlebt hat. Es lohne sich unbedingt, eine solche auf die Reiseagenda zu setzen. Das wiederum ist ziemlich einfach, weil sie – wie sonst fast nichts – sehr langfristig eingeplant werden können. Und sie finden immer wieder statt, zwar nicht unbedingt in der Schweiz – die nächste Totalität ist hier erst 2081 wieder zu erleben –, aber überall sonst auf der Welt. Die nächste, «gäbig» erreichbare Finsternis findet übrigens 2017 in den USA statt – das nur als kleiner Hinweis.

Weitere Informationen zur Sonnenfinsternis: http://retro.seals.ch/cntmng?pid=smh-002:1992:72::1447

Der Bund

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