Die Stadt Bern hat plötzlich fast 138'000 Einwohner

Die Bevölkerung der Stadt Bern wächst auf einen Schlag um mehr als 4000 Einwohner, weil nun auch Diplomaten und Asylsuchende mitgezählt werden. Bern passe sich damit der Praxis des Bundesamts für Statistik an.

Die Bevölkerung in der Stadt Bern wächst – nicht so stark, wie die neusten Zahlen vermuten lassen.

Die Bevölkerung in der Stadt Bern wächst – nicht so stark, wie die neusten Zahlen vermuten lassen.

(Bild: Keystone Franziska Scheidegger)

Adrian M. Moser@AdrianMMoser

135'000 und 140'000 – diese beiden Zahlen werden seit Jahren immer wieder genannt, wenn es um die Bevölkerungsentwicklung in der Stadt Bern geht. 135'000 Einwohner sollten es gemäss den Legislaturrichtlinien des Gemeinderats bis Ende 2012 sein. Und in der «Strategie Bern 2020» hat die Stadtregierung 140'000 Einwohner als Ziel festgehalten.

Zwar stieg die Bevölkerungszahl der Stadt Bern in den vergangenen Jahren stetig an. Es zeichnete sich aber ab, dass es weder für die 135'000 Ende 2012 noch für die 140'000 im Jahr 2020 ganz reichen dürfte. Nun aber ist plötzlich alles anders: «137'818 Einwohnerinnen und Einwohner leben Ende 2012 in der Stadt Bern», teilten die städtischen Statistikdienste gestern mit.

Was im ersten Moment spektakulär klingt, entpuppt sich im zweiten als reine Definitionsfrage. Von den zusätzlichen 4162 Einwohnern sind lediglich 1226 zugezogen oder geboren worden. Die anderen 2936 sind das Resultat eines neuen Bevölkerungsbegriffs.

Zum einen zählen die Statistikdienste neuerdings auch Diplomaten und ihr Hilfspersonal sowie Asylbewerber zur Stadtbevölkerung. Zum anderen erscheinen nun alle in Bern angemeldeten Personen in der Statistik, unabhängig davon, ob und wie oft sie sich in Bern aufhalten.

Anpassung an Bundespraxis

Thomas Weber, Leiter Bevölkerungsstatistik bei den Statistikdiensten der Stadt Bern, erklärt die neue Definition damit, dass man sich an das neue Volkszählungssystem des Bundesamts für Statistik (BFS) angepasst habe. Dieses erfasst seit zwei Jahren auch Asylbewerber. Ausserdem berücksichtigen die Statistikdienste neu auch die Zahlen zu den Diplomaten und deren Personal.

Im Weiteren, so Weber, habe sich die Stadt Bern zu Veränderungen gezwungen gesehen, weil es Volkszählungen wie jene von 2000 nicht mehr gibt. In diesen wurde jeweils der «wirtschaftliche Wohnsitz» einer Person erhoben. So war es der Stadt möglich, nur jene Leute zu zählen, die tatsächlich den Grossteil ihrer Zeit hier verbringen.

Das heisst: Wer seinen Hauptwohnsitz in Zürich hat und in Bern als Wochenaufenthalter gemeldet ist, wurde gezählt. Wer seinen Hauptwohnsitz in Bern hat und in Zürich als Wochenaufenthalter gemeldet ist, wurde nicht gezählt, weil er sich nur am Wochenende in Bern aufhält.

Weil der Bund den wirtschaftlichen Wohnsitz nicht mehr erhebt, zählen die Statistikdienste nun alle, die in irgendeiner Form in Bern angemeldet sind. Das bedeutet zweierlei: Zum einen werden so mehr Menschen mitgezählt, die den Grossteil der Woche in einer anderen Gemeinde verbringen oder gar für längere Zeit im Ausland sind.

Und zum anderen werden mehr Menschen nun zusätzlich auch in Bern gezählt, die bisher nur von jener Gemeinde gezählt wurden, in der sie ihren wirtschaftlichen Wohnsitz haben. Diese erscheinen nun in beiden Bevölkerungsstatistiken. Thomas Weber sagt, dies sei gewollt. «Wir wollen wissen, wie viele Leute unsere Infrastruktur benützen.» Dass einige von ihnen auch von einer zweiten Gemeinde als Einwohner erfasst würden, sei unerheblich. «Das machen auch andere Städte so.»

«Kein politisches Kalkül»

Trotz allem stellt sich die Frage: Haben die Statistikdienste die Definition auch geändert, um dem Gemeinderat das Erreichen seiner Ziele zu erleichtern? «Nein», sagt Weber. «Die Politik hat sich nicht eingemischt.» Er verweist auf die Charta «Öffentliche Statistik Schweiz», der auch die Stadt Bern angehört. Darin ist festgehalten: «Die Statistikstellen sind bei der Erfüllung ihrer Aufgaben fachlich unabhängig, insbesondere gegenüber politischen Instanzen.»

Auch Stadtpräsident Alexander Tschäppät (SP) versichert, hinter der neuen Zählweise stecke kein politisches Kalkül. Auch für ihn seien deren Auswirkungen neu. «Ich weiss davon erst seit wenigen Tagen», sagt er.

Obwohl die Stadt mit den neuen Zahlen dem Ziel von 140'000 Einwohnern auf einen Schlag einen grossen Schritt nähergerückt ist, will er sich nun nicht zurücklehnen. «Ich werde mich im Gemeinderat dafür einsetzen, dass wir das Ziel für 2020 nach oben korrigieren», sagt er.

Und zwar möglicherweise sogar auf 145'000 statt auf 143'000. «Die neuen Zahlen sind natürlich Wasser auf die Mühlen jener, die gegen ein weiteres Bevölkerungswachstum in der Stadt Bern sind», so Tschäppät. Dennoch will er den Druck hochhalten. Nur indem man anders zähle, sei der Stadt nicht gedient, sagt er und verweist auf den «katastrophalen Leerwohnungsbestand». «Wir brauchen zusätzliche Einwohner, die auch Steuern zahlen.»

«Definition ist brauchbar»

Theo Hutter, Vizepräsident der Konferenz der regionalen statistischen Ämter der Schweiz, hält die neue Bevölkerungsdefinition der Stadt Bern für «brauchbar». Städte wie Zürich und Basel würden ähnlich zählen.

Hutter wünscht sich aber, dass nicht nur ähnlich, sondern genau gleich gezählt wird, damit die Zahlen vergleichbar werden. «Dazu braucht es eine Definition, die von allen getragen wird und die auf eine schweizweit verfügbare Datenquelle angewendet wird», sagt er. Und diese Definition müsse wohl das BFS liefern, das in dieser Sache den Lead habe.

Der Bund

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