Die SRG braucht mehr Bern

Der Radio-Standort Bern muss ausgebaut, nicht redimensioniert werden. Die SRG kann sparen, ohne ein Informations-Bollwerk zu beschädigen.

Die Präsidenteninnen und Präsidenten von fünf bernischen Parteien warnten vor einem Umzug des SRF-Radiostudios von Bern nach Zürich.

Die Präsidenteninnen und Präsidenten von fünf bernischen Parteien warnten vor einem Umzug des SRF-Radiostudios von Bern nach Zürich.

(Bild: Keystone Ennio Leanza)

Noch am Tag der No-Billag-Abstimmung hatten die damals taumelnden Topkader nach wochenlangem Druck und anschliessend eruptiver Erleichterung die SRG-Sparziele mit 100 Millionen aus Kalkül hoch angesetzt, um die Politik, die Beeinflusser und die Exponenten der Wirtschaft auf Standardtemperatur herunterzukühlen. Unmittelbar vor der für morgen Donnerstag angesagten Grossdemonstration in der Bundeshauptstadt für den Erhalt der Institution Radio Studio Bern beherrschen Hektik, Wunschdenken und Beschwichtigung den Kommandoraum des 1,6-Milliarden-Medienkolosses.

Generaldirektor Gilles Marchand und seine Kader träumen von den Newsrooms, die sie auf ihren Studienreisli besichtigt haben. Doch ihre Auslegung der Medienkonvergenz für die SRG ist verkehrt. Konvergenz mag für privatwirtschaftliche Medienhäuser heute bedeuten, aus einem Spardruck heraus im sogenannt trimedialen Newsroom alle Medienvektoren wie Print, Radio, TV und Online-Kanäle zu trimmen. Und mit einem zentral gemanagten Informationsfluss zu versorgen – Dispatcher-Journalismus.

Einem öffentlich-rechtlichen Anbieter wie der SRG bieten die Instrumente der medialen Konvergenz aber ganz andere Optionen als die strategisch biedere Idee einer Konzentration auf den Vorort Oerlikon im Ballungszentrum Zürich. Die SRG ist angehalten, Brainpower zu zeigen und ein Kontrast-Programm zu entwickeln zum ökonomisch begründeten Informations-Streamlining. Auch deshalb ist der SRG-Standort Bern in seiner vollen Leistungsbreite zu erhalten oder gar auszubauen.

Dieser Standort trägt viel dazu bei, die thematische Vielseitigkeit der SRG in der deutschen Schweiz sicherzustellen. Es braucht nicht weniger, sondern mehr Bern. Die SRF1-Morgensendung muss künftig hier produziert werden; die meistgehörte Radiosendung der Schweiz braucht im Begleitgedudel mehr politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Relevanz, die substanziellen Nachrichtenblöcke allein reichen nicht mehr. Mündige Konsumenten erwarten in der hörerstärksten Zeit von Radio SRF markant mehr Service-public-Versorgung. Mehr Kompass in diesen aufgeregten Zeiten.

Die SRG kann die von ihr anvisierten 100 Millionen locker einsparen, ohne ein Informations-Bollwerk zu beschädigen. Sie kann sparen bei den viel zu teuren Sportrechten. Sparen im Administrationsapparat. Sparen bei den Topkadern, die sich via Kaderkasse jährlich in vier Sprachregionen geschätzte 8 bis 10 Millionen Franken Konzessionsgelder zusätzlich zuschanzen. SRG-Kenner gehen in ihren Einschätzungen noch weiter: Die SRG kann gar 300 Millionen einsparen, ohne an Substanz zu verlieren – wenn sie das Potenzial der Konvergenz im Sinne des Service public nutzt.

Die einzige Überlebenschance der SRG ist ihr dezidierter Fokus auf lokale, regionale und nationale Informationsleistung. Die Unterhaltung machen andere besser und erfolgreicher. Die SRG hat eine unteilbare Wahrnehmungsverantwortung in allen Regionen. Sie wird mit einem enormen Budget ausgestattet, um diese Wahrnehmung in den Regionen intakt und differenziert halten zu können. Die SRG-Journalisten sind fähig, dank der technischen und inhaltlichen Potenziale der Medienkonvergenz ihre Themenbeschaffung zusätzlich auszubauen – sie können von überall jederzeit in allen Vektoren zuliefern.

Generaldirektor Marchand könnte die Errungenschaften der Konvergenz mit den Anforderungen des Service public verbinden, um die SRG in die Zukunft zu führen: Die Wahrnehmungsverantwortung der SRG ist insbesondere der thematischen Vielfalt verpflichtet. Die programmliche Angebotsvielfalt nährt sich in den Regionen, nährt sich durch unterschiedliche Sichtweisen von Journalisten, die standortversetzt vor Ort produzieren. Die Dispatcher im Newsroom Zürich dürfen künftig den einwandfreien digitalen Multichannel-Betrieb zeitgerecht sicherstellen. Doch die publizistischen Entscheide müssen dort gefällt werden, wo sich die thematische Vielfalt der Schweiz abbilden lässt. Vor Ort, in der Provinz. Die Schweiz ist überall Provinz, nicht nur in Oerlikon.

Bendicht Luginbühl war DRS3-Programmchef und Mitglied der damaligen DRS-Geschäftsleitung, heute Geschäftsleiter einer Beratungsfirma.

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