Die Solarpioniere im Rossfeld

Die Berner Wohngenossenschaft Rossfeld ist Pionierin eines Marktmodells für Sonnenstrom, das mit der Energiestrategie etabliert werden soll.

Dass sie Solarstrom vom eigenen Dach verbrauchen, macht die Mieter «manchmal ein bisschen stolz».

Dass sie Solarstrom vom eigenen Dach verbrauchen, macht die Mieter «manchmal ein bisschen stolz». Bild: Franziska Rothenbühler

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«Manchmal bin ich tatsächlich ein bisschen stolz», sagt Andreas Lüdi. Dann nämlich, wenn er im Keller des Reihenhauses im Berner Quartier Rossfeld auf dem Zähler sieht, wie viel Solarstrom auf dem Dach gerade produziert wird.

Die Wohngenossenschaft Rossfeld, in der er Mieter ist, hat eine bewegte Entstehungsgeschichte. Sie entstand, als die Vorbesitzerin eine Sanierung durchführen wollte. Um den möglichen Rauswurf zu vermeiden, gründeten die Mieter die Genossenschaft, welche die drei Häuser mit 42 Wohnungen kaufte – und sanierten selber.

Sie isolierten auch die Häuser besser und installierten Solarpanels auf den Dächern. Das tun etliche. Als eine der ersten in der Schweiz nutzten sie aber eine Regel, die schon 2014 eingeführt wurde. Produzenten von Solarstrom dürfen diesen im eigenen Haus verbrauchen. Das tönt banal, ist aber verknüpft mit komplizierten Abrechnungsfragen.

«Dass Konsumenten auch Strom produzieren, war Neuland.»Christoph Schafroth, Präsident Verein NEZ

Die Energiestrategie, über die das Volk am 21. Mai abstimmt, sieht deshalb Vereinfachungen vor, die den Eigenverbrauch von Solarstrom zu einem Zukunftsmodell machen sollen.

Lange Verhandlungen mit EWB

In der Tat führten gerade die Abrechnungs- und Rechtsfragen im Detail dazu, dass sich die Verhandlungen mit dem städtischen Versorger Energie Wasser Bern (EWB) in die Länge zogen. «Es waren intensive Gespräche nötig», erinnert sich Christoph Schafroth. «Dass Konsumenten auch Stromproduzenten sind, war für beide Seiten Neuland.» So forderte EWB anfänglich, dass die Mieter solidarisch für ihre Stromabrechnungen haften. «Letztlich erwies sich EWB aber als sehr konstruktiver Vertragspartner.»

Für den Betrieb der Solaranlagen und die Abrechnung des Eigenverbrauchs wurde ein Verein mit dem stolzen Namen «Verein für nachhaltige Energieerzeugung und zukunftsfähige Lebensweisen» (NEZ) gegründet. Der NEZ ist Vertragspartner von EWB und erstellt die Stromrechnungen für die Mieter. EWB liefert den Strom, der nicht auf dem Dach produziert wird, und nimmt Überschüsse ab, wenn die Solaranlagen mehr liefern, als verbraucht wird.

Bei einem Ja zur Energiestrategie sollten sich künftig lange Verhandlungen erübrigen. In der Vorlage ist der Eigenverbrauch aufgrund eines Antrags des grünliberalen Berner Nationalrats Jürg Grossen neu geregelt. Ein Hauptpunkt ist: Eine Verbrauchsgemeinschaft benötigt künftig nur noch einen EW-Zähler, der misst, wie viel Solarstrom ins Netz eingespeist und wie viel Strom vom EW bezogen wird. Die Abrechnung im Gebäude regelt die Gemeinschaft.

Obwohl Solarstrom trotz massiv gesunkener Kosten immer noch teurer ist als Strom aus dem Netz, rechnet sich Eigenverbrauch. Denn für den selbst verbrauchten Strom entfallen die Kosten für die Stromverteilung – und damit rund die Hälfte des Strompreises. Für die Mieter der Wohngenossenschaft Rossfeld bedeutet dies, dass sie insgesamt für den Strom nicht mehr bezahlen als für das Standardprodukt von EWB.

Stromnetz kann entlastet werden

2016 verbrauchten die Mieter der Genossenschaft knapp die Hälfte des Solarstroms von den eigenen Dächern selber (und der Solarstrom deckte knapp 20 Prozent des Verbrauchs). Mehrfamilienhäuser sind besser für den Eigenverbrauch geeignet als Einfamilienhäuser. Die Solarpanels sind im Verhältnis zum Haus kleiner, der Verbrauch tagsüber grösser. Verstärkt gilt dies für Gebäude, in denen gearbeitet wird, oder erst recht für solche mit sehr hohem Verbrauch wie Kühllager oder Hallenbäder.

Eigenverbrauch hat als Marktmodell für Solarstrom Potenzial, sofern er einfach geregelt wird. Im Nationalrat opponierte nicht einmal die SVP gegen den Antrag Grossen. Wohl aber, zumindest anfänglich, die Elektrizitätswirtschaft. Mit der Befreiung von den Netzkosten trügen die Eigenverbraucher weniger zur Finanzierung des Stromnetzes bei, auf das sie ja doch zum Ausgleich angewiesen blieben. Von Entsolidarisierung war die Rede.

Grossen weist dies zurück. «Man muss die Migros ja auch nicht für den Salat bezahlen, den man im Garten anbaut.» Die Eigenverbrauchsregel schaffe zudem Anreize, den Stromverbrauch so zu steuern, dass er möglichst gut mit der Solarproduktion auf dem Dach übereinstimmt. «Das schont das gesamte Stromsystem.»

Als Elektroplaner hat Grossen ein intelligent gesteuertes «SmartGrid-ready»-Gebäude entwickelt. Damit konnte er nicht nur den Energieverbrauch senken, sondern auch die maximale Belastung des Stromnetzes – um 30 Prozent.

«Eigenverbrauch von Solarstrom ist die Zukunft», glaubt auch NEZ-Präsident Schafroth. Er wohnt inzwischen nicht mehr im Rossfeld – an seinem neuen Wohnort hat er ebenfalls eine Eigenverbrauchsgemeinschaft realisiert. Auch EWB hat inzwischen Gefallen an dem Modell gefunden. Der Stadtversorger hat in einem Hochhaus in Bern-West eine Lösung für Eigenverbrauch realisiert. (Der Bund)

Erstellt: 10.05.2017, 06:50 Uhr

Seilziehen um Preis für kleine Solarstromproduzenten

Bei einem Ja zur Energiestrategie müssten die Minimaltarife der Elektrizitätswerke (EW) für Solarstrom erhöht werden, sagt Swissolar. Die Stromlobby widerspricht.
Der Stromkonzern BKW schockte viele Besitzer von Solaranlagen im Kanton Bern, als er den Abnahmepreis für ihren privat produzierten Solarstrom per 2017 auf bloss noch 4 Rappen pro Kilowattstunde (kWh) senkte.

Falls das Schweizer Volk der Energiestrategie zustimmt, müssten die EW die Minimalpreise, die sie Privaten für ihren Solarstrom zahlen, wieder erhöhen. Dies erwartet zumindest der Lobbyverband Swissolar.

Die Mindestpreise würden dann «voraussichtlich bei rund 7 bis 8 Rappen/kWh liegen». Der Preis, den Elektrizitätswerke für überschüssigen Solarstrom bezahlen, ist für Anlagenbesitzer zentral. Das gilt sogar dann noch, wenn diese ihren Solarstrom vermehrt selber brauchen (siehe Haupttext).

Die hoffnungsvolle Prognose ist allerdings vorsichtig formuliert. Sie stützt sich auf eine Interpretation des Artikels 15 im neuen Energiegesetz. Dieser sieht vor, dass ein Netzbetreiber den unabhängigen Produzenten von grünem Strom so viel bezahlen müsste, wie er sonst «für die Beschaffung gleichwertiger Elektrizität» aufwenden müsste. Im heutigen Gesetz orientieren sich die Solartarife dagegen an den «marktorientierten Bezugspreisen» für gleichwertigen Strom. Dies ermöglichte es der BKW, die Solartarife auf das Niveau der Marktpreise für Graustrom zu senken.

Solar- und Stromlobby im Clinch

Die genaue Interpretation des Gesetzesartikels wird der Bundesrat – bei einem Ja zur Energiestrategie – erst im Herbst in der Energieverordnung festlegen. Die Vernehmlassungsfrist zum Verordnungsentwurf ist aber am Montag abgelaufen. Im Entwurf nennt der Bundesrat einen Mix zwischen Marktpreisen und den Gestehungskosten eines Netzbetreibers für eigene Kraftwerke als Orientierungsgrösse.

Dieser Mix spiegle sich in den Arbeitspreisen für Strom, den ein Elektrizitätswerk seinen Kleinkunden im Monopol verrechne (abzüglich einer Gewinnmarge), heisst es bei Swissolar. Für die BKW würde dies konkret bedeuten: Sie müsste unabhängigen Produzenten rund 8,5 Rappen/kWh bezahlen – also gut doppelt so viel wie heute.

Swissolar beruft sich unter anderem auf Aussagen, die SP-Nationalrat Roger Nordmann bei der parlamentarischen Beratung machte. Nordmann ist Präsident von Swissolar, er sprach damals aber als Berichterstatter der vorberatenden Parlamentskommission. Das Preismodell scheint zudem fair zu sein: Der Solarstromproduzent erhielte für seinen Strom gleich viel, wie er dem EW bezahlen muss, wenn er Strom ab Netz bezieht.

Völlig anders ist allerdings die Interpretation des Verbandes Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE). Die Stromlobby liess die Parlamentsdebatte eigens durch ein Rechtsgutachten analysieren. Es kommt zum Schluss, dass Nordmanns Interpretation von anderen Ratsmitgliedern nicht geteilt worden sei.

In seiner Stellungnahme zur Verordnung beantragt der VSE, dass weiterhin der Graustrom am freien Markt die Messlatte für den Solarpreis bilden soll. Momentan ist der VSE im Hintertreffen. Denn er muss die Gesetzesinterpretation bekämpfen, die der Bundesrat selber in seinem Verordnungsentwurf vorgeschlagen hat. (st)

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