Die Schwierigkeiten des Schenkens

«Poller»-Redaktor Martin über die cineastische Adaption von Rennschwein Rudi Rüssel und die heikle Geschenkfrage.

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Martin Erdmann@M_Erdmann

Es war 1995 und mein Bruder bekam von mir den Tierfilm-Klassiker «Rennschwein Rudi Rüssel» zu Weihnachten geschenkt – auf VHS-Kassette versteht sich. Vielleicht fragen Sie sich nun, wieso ich ihm nicht «Ein Schweinchen namens Babe» geschenkt habe, der im gleich Jahr erschien und viel erfolgreicher war. Es war ja nicht so, dass «Ein Schweinchen namens Babe» meine cineastischen Ansprüche eines schweinischen Films nicht erfüllt hätte, es war viel mehr der Preis. Der war um ein paar Franken höher und lag für mich deshalb ausser Reichweite. Sie müssen wissen, das Geld war damals knapp. Das hatte nichts mit der Wirtschaftslage zu tun, sondern mit der Taschengeld-Politik meiner Eltern.

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Mein monatliches Budget war begrenzt, und dennoch opferte ich den Grossteil davon, um meinem Bruder «Rennschwein Rudi Rüssel» zu kaufen. Diese Geste verliert zwar etwas an altruistischem Wert, wenn ich gestehe, dass ich nichts dagegen hatte, mir den Film dann auch mit meinem Bruder anzuschauen. Was mich aber zum klaren Sieger an Heiligabend machte: Mein Bruder hatte es versäumt, mir in jenem Jahr etwas zu schenken. Diese Enttäuschung wurde übrigens nur noch von einer entfernten Verwandten übertroffen, die mir wohl aus altersbedingten Gründen schlicht einen leeren Briefumschlag mit meinem Namen darauf zukommen liess.

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Jedenfalls war 1995 das erste Weihnachtsfest, an dem ich genug Geld hatte, um damit ein adäquates Geschenk zu kaufen. Dass ich das tat, hatte einen bestimmten Grund. Dadurch konnte ich mich nämlich vom Basteln freikaufen. Es ist schliesslich weihnachtliche Tradition, dass mittellose Kinder zu grauenvoller Bastelarbeit verdonnert werden. Mir fehlte es dafür immer an Begabung wie auch Begeisterung, so­dass die Resultate meist aussahen, als wollte ich meine zu beschenkenden Verwandten verhöhnen. Weil aber deren Lobreden nach dem Auspacken wiederum für mich wie blanker Hohn klangen, entschied ich mich, sobald es mir meine monetären Mittel erlaubten, Schere und Weissleim hinter mir zu lassen.

Leider musste ich bereits im Jahr darauf feststellen, dass ich von den Fängen der Bastelei direkt in die vorweihnachtliche Kaufhaushölle gefallen bin. Wenn man mein Taschengeld durch die Anzahl Personen teilte, die ich beschenken wollte, kam ein lächerlich kleiner Betrag dabei raus. Meine Familie erhielt in jener Zeit hauptsächlich Geschenke, deren bestechende Eigenschaft darin lag, dass sie sehr billig waren.

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Inzwischen habe ich längst die finanzielle Eigenständigkeit erreicht, wodurch sich meine Geschenke-Möglichkeiten massiv vergrössert haben. Die Geldfrage hat sich nun also erledigt – aber nur, um einem andere Problem Platz zu machen. Seit dem Primarschulalter hat sich mein Umfeld stark vergrössert. Wie soll man da bloss wissen, wer nun Anrecht auf ein Geschenk hat? Personen, die ich auf der Strasse grüsse oder doch eher nur jene, die ich aus einem brennenden Haus retten würde? Das will reiflich überlegt sein. Und glauben Sie mir – nachdem ich von meinem Bruder auf die teure Rudi-Rüssel-Kassette anno 1995 kein Gegengeschenk bekommen habe, tue ich das sehr gründlich.

Martin Erdmann, «Bund»-Onlineredaktor, hat mit dieser Kolumne beinahe genug Geld verdient, um sämtliche weihnachtlichen Besorgungen zu berappen.

www.derpoller.derbund.ch

DerBund.ch/Newsnet

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