Die schwarzen Figuren

Der Berner Gemeinderat will die «Inventarisierung des Rassistischen im öffentlichen Raum». Bei vielen Darstellungen ist aber umstritten, ob sie rassistisch sind.

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Drei Jahre dauert sie nun schon an, die Diskussion, ob das Wappen der Zunft zum Mohren in Bern rassistisch sei. Die Schneider- und Tuchschererzunft hat an ihrem Haus inzwischen eine Tafel angebracht, die auf mögliche Herkünfte des Wappens mit dem schwarzen Kopf hinweist.

Und kürzlich hat der Gemeinderat bekannt gegeben, dass er einen Auftrag zur «Inventarisierung des Rassistischen im öffentlichen Raum» erteilen wolle. Es gehe darum, «den Raum in Bern zu scannen», um «Reminiszenzen an die koloniale Vergangenheit Berns» zu erkennen.

Macht man sich auf die Suche nach Darstellungen, die – neben dem Wappen der Zunft zum Mohren – womöglich in dieses Inventar gehören könnten, stellt man allerdings fest: Fast alles ist noch unklar. Die Vorschläge reichen vom Lampenständer bis zum Rathaus.

Völkerschau im Bierhübeli

«Es ist noch viel zu früh, um konkret zu werden», sagt darum auch Ursula Heitz, die Leiterin des Kompetenzzentrums Integration der Stadt Bern, das für die Koordination der Erstellung des Inventars verantwortlich sein wird. Die Arbeiten dafür würden wohl erst im Herbst in Angriff genommen, sagt sie. Fest stehe einzig dies: «Das Inventar soll helfen, die koloniale Vergangenheit der Stadt Bern bewusst zu machen.»

Eine Organisation, die mit der Erstellung des Inventars beauftragt werden könnte, ist die Berner Stiftung Cooperaxion. Die Berner NGO engagiert sich in Liberia und Brasilien und bemüht sich um Aufklärung der kolonialen Vergangenheit der Schweiz. Sie ist dabei, ein «Mapping» zu erstellen zur «bernischen Verflechtung mit der aussereuropäischen Welt». Darin geht es aber mehr um Schauplätze als um Darstellungen wie das Wappen der Zunft zum Mohren.

So weist die Organisation darauf hin, dass auf dem Waisenhausplatz und im Bierhübeli bis ins 20. Jahrhundert hinein Völkerschauen stattgefunden hätten. Auch das Berner Rathaus erwähnt Cooperaxion als «symbolischen Ort» für das Engagement der Republik Bern als Aktionärin der britischen South Sea Company, die mit Sklaven handelte.

Der Mohr als Lampenständer

Einen anderen Fokus hat der Berner Historiker Daniel V. Moser-Léchot. Er hat sich auf die Suche nach möglicherweise rassistischen Darstellungen gemacht – und ist fündig geworden. So gibt es in der Französischen Kirche einen Wappenschild, auf dem eine Afrikanerin mit blonden Haaren abgebildet ist.

Die Heiligen Drei Könige, von denen einer schwarz dargestellt wird, sind an mehreren Orten in Bern zu sehen, so etwa in einem Kirchenfenster im Münster und auf einem Teppich im Historischen Museum. Am Portal des Münsters prangen die fünf törichten Jungfrauen, von denen eine schwarz dargestellt ist. Und im Von-Wattenwyl-Haus, wo der Bundesrat seine Gäste zu empfangen pflegt, gibt es dem Vernehmen nach einen Lampenständer in Form eines Mohren mit nacktem Oberkörper.

«Gute» und «schlechte» Afrikaner

Sind diese Darstellungen von Menschen mit dunkler Hautfarbe alle rassistisch? «Nein», sagt Moser. Auffallend sei vor allem, wie deutlich Menschen mit schwarzer Hautfarbe schon seit dem Hochmittelalter entweder als «ganz gute» oder «ganz schlechte» Afrikaner dargestellt würden. Welche Darstellungen nun als rassistisch zu bezeichnen seien, sei eine schwierige Frage, auf die es – wie beim Wappen der Zunft zum Mohren – wohl oft keine eindeutige Antwort geben werde.

Moser findet es falsch, die vom Gemeinderat angestrebte Diskussion auf den Rassismus-Begriff zu beschränken. «Die Beziehungen Berns zur aussereuropäischen Welt zu untersuchen, wie Cooperaxion das tut, finde ich viel interessanter», sagt er.

Mosers Liste dürfte einem «Inventar», wie es der Gemeinderat der Stadt Bern genannt hat, zwar näherkommen als jene von Cooperaxion. Eine Übersicht über symbolträchtige Orte, die für Berns Verstrickungen in den Kolonialismus stehen, dient dem Ziel der Aufklärung aber wohl eher.

Das Kompetenzzentrum Integration steht sowohl mit Cooperaxion wie auch mit Daniel V. Moser-Léchot in Kontakt und wohl auch noch mit weiteren Fachleuten. Noch sei völlig offen, wer den Auftrag bekomme, das Inventar zu erstellen, sagt Heitz. (Der Bund)

Erstellt: 25.04.2017, 07:14 Uhr

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