«Die Reinigung des Herds erinnerte mich an meine Jugend in Sri Lanka»

Das Ayurveda-Restaurant Vanakam im Berner Haus der Religionen, in dem der Hindu-Priester kocht, ist jetzt als koscher zertifiziert – eine Premiere.

«Sasi», wie der Koch genannt wird, kam 1989 in die Schweiz.

«Sasi», wie der Koch genannt wird, kam 1989 in die Schweiz.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Markus Dütschler

Der Mann blickte in der Restaurantküche um sich, öffnete den Kühlschrank, hob Deckel von den Pfannen. Der Lebensmittelinspektor? Nein, sagte sich der Koch Sasikumar Tharmalingam: «Der hätte sich angemeldet.» Dann stellte sich der Besucher vor: Michael Kohn, Assistenzrabbiner der Jüdischen Gemeinde Bern. Er interessiere sich für Ayurvedaküche. «Ich spürte, dass er dieses Essen mag», sagt «Sasi», wie der Koch von Freunden genannt wird.

Als Rabbi und «modern orthodoxer» Jude beachtet Kohn die Speisegesetze, die weit über den Verzicht auf Schweinefleisch hinausreichen. Was auf den Teller kommt, muss koscher sein, für Juden erlaubt. Kann ayurvedische Kost koscher sein? Tharmalingam und Kohn fanden Gemeinsamkeiten: So spielt Reinlichkeit in beiden Küchen eine wichtige Rolle. Erleichternd ist, dass die Ayurveda-Küche lakto-vegetarisch ist: Milch wird verwendet, Fleisch ist tabu.

Das macht vieles einfacher, denn in der koscheren Küche wird zwischen «milchig» und «fleischig» getrennt – eine Vorschrift aus dem 5. Buch Mose 14, Vers 21: «Du sollst ein Zicklein nicht in der Milch seiner Mutter kochen.» In koscheren Haushalten gibt es darum zwei Küchen: eine milchige und eine fleischige. In der ayurvedischen Küche gibt es keine Zicklein, sodass dieses Problem entfällt. «Für mich war klar, dass in meiner Küche keine Fleischspeisen gekocht werden, auch keine koscheren», sagt Tharmalingam.

Dies sei auch seinen Hindu-Freunden wichtig gewesen. Verständlich, denn «Sasi» ist nicht nur Koch, sondern auch Priester des Hindu-Tempels im Haus der Religionen in Bern, welcher sich nebenan befindet. In der Küche bereitet «Sasi» auch die vegetarischen Opfergaben zu.

Für Hindus ist es nicht von Belang, ob das Restaurant Vanakam koscher ist, für Juden schon. Diese können zwar in spezialisierten Lebensmittelabteilungen «Gefillte Fisch» oder das Kichererbsenmus Hummus mit Koscher-Stempel kaufen, doch ein koscheres Restaurant fehlte bisher.

«Wir arbeiten nur mit neuen Pfannen, in denen noch nie Fleisch zu-bereitet wurde.»

«Es wäre doch schön, wenn Mitglieder der Jüdischen Gemeinde an einem öffentlichen Ort koscher essen könnten», fand Kohn. Also setzte er sich mit dem Koch zusammen, um die Thematik zu durchdringen. Wie so oft steckte der Teufel im Detail. So gilt ein Produkt nur schon deshalb als «trejfe» (unrein), wenn die Innenwand der Kartonverpackung mit tierischem Fett behandelt wurde. Kohn überprüfte alle Produkte und klärte über sein weltweites Rabbiner-Netzwerk ab, ob die Hersteller nach den Koscher-Vorschriften arbeiten.

Das beeindruckte «Sasi»: «Ich habe gelernt, nicht irgendetwas zu kaufen, sondern ein Produkt sorgfältig auszuwählen.» Auch er kennt die Bedeutung von verschiedenen Geschirr- und Kochsets. «Wir arbeiten nur mit neuen Pfannen, in denen nie Fleisch zubereitet wurde.» Deshalb hätten sie die alten Kippkessel, die ihnen ein Wirt anbot, nicht annehmen können – sondern erwarben für teures Geld nagelneue.

Als Kohn beim Koschermachen den Herd mit heissem Wasser reinigte, fühlte sich der Tamile «Sasi» an seine Jugendzeit in Sri Lanka erinnert: «Meine Mutter hat die Kochstelle täglich mit Wasser gereinigt und gesegnet.» Wie im Judentum habe dies hygienische und spirituelle Gründe. Spirituelle Bedeutung hat für Hindus auch das Essen. Es gehe nicht darum, sich den Bauch vollzuschlagen: «Wer gesund isst, lebt länger», davon seien Hindus überzeugt, sagt Tharmalingam. So sei es für Hindus wichtig, vor dem Meditieren die geeignete Nahrung zu sich zu nehmen. «Das Essen wirkt sich auf die Gefühle und Gedanken aus.»

Koscher gilt als schwierig und kompliziert. Tharmalingam sagt, ayurvedisch sei noch strenger. So könne der Rabbiner Töpfe und Kochwerkzeuge auf 220 Grad erhitzen, dann seien sie koscher. Doch in der ayurvedischen Küche werde aus einer Fleischpfanne niemals eine ayurvedische. Sogar wenn durch eine Lüftung einmal fleischhaltige Dämpfe hochgestiegen seien, tauge sie nicht mehr.

Wie verstanden sich die beiden religiösen Männer sonst, der Monotheist und der Polytheist? Tharmalingam relativiert die landläufige Ansicht, wonach der Hinduismus Vielgötterei betreibe. Es gebe zwar Erscheinungsformen wie den vier- oder achtarmigen Shiva oder den Elefantengott Ganesh, erläutert der Hindu-Priester. «Doch dahinter steht eine einzige Gesamtenergie, die in allem steckt und alles durchdringt.»

Der Bund

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