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«Die politische Konstellation ist günstig für sozialen Wohnungsbau»

Der Historiker Christian Lüthi erklärt, wann Städte in Wohnungsbau investiert haben.

Die Hochhausüberbauung Tscharnergut aus der Vogelperspektive.
Die Hochhausüberbauung Tscharnergut aus der Vogelperspektive.
Valérie Chételat

Köniz hat am Sonntag nach Bern (2014) und Zürich (2012) die Wohnbauinitiative angenommen. Auch im Waadtland ist am Sonntag eine Initiative zur Wohnbauförderung angenommen worden. Zeichnet sich hier eine Wende in der Wohnbaupolitik ab?

Solche Initiativen gab es seit den 1890er-Jahren immer wieder, wenn der Wohnungsmarkt angespannt war. Ich würde das nicht als Wende bezeichnen, eher als neuen Schub.

Warum ist das Thema gerade jetzt wieder aktuell?

In den letzten 15 Jahren ist die Nachfrage nach städtischen Wohnungen gestiegen. Noch in den 1980er-Jahren sprach man von der sogenannten A-Stadt, der Stadt für Alte, Arbeitslose und Arme. Das hat sich geändert. Die Stadt ist attraktiv geworden, mehr Menschen wollen hier wohnen. Entsprechend steigen die Preise der Wohnungen. Dem will die Politik mit gemeinnützigem Wohnungsbau entgegenwirken.

Gelingt das?

Ja, die subventionierte Bautätigkeit entschärft die Situation auf dem Wohnungsmarkt. Allerdings wirkt sie erst mit einer gewissen Verzögerung. Denn in den letzten 30 Jahren wurden nur wenige gemeinnützige Wohnungen gebaut.

Warum hat die Politik den Wohnungsmarkt in letzter Zeit den Privaten überlassen?

Das liegt einerseits an der politischen Konstellation. Wohnbauförderung ist vor allem ein linkes Anliegen. Andererseits hatten die Städte lange ein Problem der Abwanderung. Der Druck war also nicht gross.

Gibt es überhaupt eine aktive Wohnbaupolitik?

Ja. Auch der Bund und die Kantone sind Akteure, die zwar nicht selber bauen, aber den sozialen Wohnungsbau von Genossenschaften subventionieren. Die Stadt Bern baute von 1889 bis 1892 die erste eigene Siedlung im Wylerfeld. Im 1. Weltkrieg richtete die Stadt Notwohnungen in Baracken und Schulzimmern ein.

Für Flüchtlinge?

Nein. Der Krieg kurbelte gewisse Branchen an. Diese Kriegswirtschaft zog die Menschen zur Arbeit in die Stadt. Aber gleichzeitig wurde während des Krieges weniger gebaut und es kam zur Wohnungsnot. Das war in beiden Weltkriegen so.

Und nach dem Krieg blieben die Leute in der Stadt?

Ja. Bis in die 1960er-Jahre zogen die Leute in die Städte. In den 20er- und 30er-Jahren entstanden die Siedlungen im Murifeld und im Weissenbühl. Nach dem 2. Weltkrieg bauten Genossenschaften die grossen Siedlungen wie das Tscharnergut.

Warum wehrt sich der Hauseigentümerverband nun so heftig gegen die Wohnbauinitiativen?

Die Genossenschaften streben keinen Gewinn an. Daher sind ihre Wohnungen billiger. Das wirkt sich auf den gesamten Markt aus.

Inwiefern?

Wenn die Wohnungsnot durch die Genossenschaftswohnungen gelindert wird, bleiben die Mietpreise stabil. Private Eigentümer können mit Häusern also weniger Geld verdienen, als wenn die Mieten ungebremst steigen.

Wann und warum griff die Politik jeweils in den Wohnungsmarkt ein?

Vor allem bei Wohnungsnot und in Phasen linker Mehrheiten. Ende der 1880er-Jahre setzen sich in Bern Freisinnige und die neu entstandende Sozialdemokratie gegen die konservative Mehrheit durch. Nach dem Ersten Weltkrieg und in den 1950er-Jahren war es ähnlich. Dank der guten Konjunktur drängten die Menschen in die Stadt, und die öffentliche Hand hatte genügend Geld, um Wohnungen zu subventionieren oder selbst zu bauen. Heute haben die urbanen Zentren wieder rot-grüne Mehrheiten. Die politische Konstellation ist also günstig für sozialen Wohnungsbau.

Dann entspringt der aktuelle Druck auf die Gemeinden, Wohnungen zu subventionieren, einer rot-grünen, urbanen Wählerschaft, die alles haben und wenig dafür zahlen will?

Na ja, alle wollen wenig zahlen. Das ist ein Grundmechanismus. Dass nun viele in die Städte drängen, ist ein Ergebnis ihrer verbesserten Attraktivität. Doch auch die bürgerlichen Politiker wollen eine attraktive Stadt.

Daher wurde die Länggasse vom günstigen Arbeiter- zum teuren Trendquartier. Wie kam das?

Im 19. Jahrhundert wuchs die Stadt über die Grenzen der Altstadt hinaus. Die Länggasse war ein Industriequartier mit Fabriken und Arbeiterhäuschen. Später wurden kleine Häuser abgerissen und an ihre Stelle grosse gebaut. In den 1980er-Jahren drängten vor allem Büros in die Länggasse. Dann überarbeitete die Stadt ihren Bauklassenplan, um die Verdichtung zu regulieren. Heute sind frühere Arbeiterwohnhäuser an ruhigen Lagen, wie in der Muesmatt, sehr gesucht.

Auch sozialer Wohnungsbau fördert das Bilden von Milieus. Ist das nicht ein Problem?

Bis zu einem gewissen Grad ist es normal, dass Siedlungen und Quartiere von bestimmten sozialen Schichten geprägt sind. Schon in der Altstadt wohnte die Oberschicht an den sonnigen Lagen, während die Unterschicht in den schattigen Gassen lebte. Zu einem Problem wird es erst, wenn die verschiedenen Gruppen nicht mehr miteinander kommunizieren und gar Mauern bauen, wie in Nordirland.

Wie steht Bern betreffend sozialen Wohnungsbau im Vergleich zu andern da?

Zürich hat mit rund 20 Prozent einen höheren Anteil gemeinnütziger Wohnungen als Bern mit 8 Prozent. Zürich ist grösser, und die Politik hat den sozialen Wohnungsbau stärker gefördert. Aber auch in Winterthur und Biel ist der Anteil höher als in Bern. Diese Städte sind zwar kleiner. Aber dank der Industrie hatten sie eine starke Arbeiterbewegung.

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