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Die Politik reicht an die Türschwelle

Rund 50 Gläubige trafen sich zum Freitagsgebet im türkisch-islamischen Zentrum Ostermundigen. Der Imam sprach nicht über das Minarettverbot, sondern darüber, geduldig zu sein.

Das Freitagsgebet in Ostermundigen. (Valérie Chételat)
Das Freitagsgebet in Ostermundigen. (Valérie Chételat)

Etwa 50 Paar Schuhe reihen sich nach dem Mittag im Schuhgestell des Gebetsraums in Ostermundigen aneinander. Wer glaubt, dass am ersten Freitagsgebet nach dem Ja zur Minarett-Initiative mehr Muslime die Worte des Imams hören wollen, irrt. Das Gestell ist nicht einmal zu einem Drittel gefüllt. Es sind so viele Gläubige wie üblich ins türkisch-islamische Zentrum gekommen, bestätigt dessen Präsident Hasan Irmak. Eine Abstimmung ändere nichts in dieser Hinsicht. «Die Leute müssen arbeiten», sagt Irmak, der auch Präsident des Berner Kantonalverbands der Muslime «Umma» ist.

Vor allem Türken sind da. Das Publikum sei «multikulturell», sagt Ahmet Cindir, Mitglied des Vereinvorstands, in reinem Berndeutsch. Diskutiert wird auch in Arabisch und Albanisch – aber nicht über das Minarettverbot. «Die Politik macht an der Türschwelle halt», sagt der Türke Cetin Tiryaki. «Hier geht es um Religion. Wir sind zum Beten da.» Der einzig weltliche Rat des Imams: Parkieren vor dem Gebäude rufe die Polizei auf den Plan.

Der Geduldige gewinnt

Die Männer haben sich im grossen Gebetssaal versammelt. Den Frauen steht ein separater Raum zur Verfügung. Er bleibt heute leer. Das Freitagsgebet ist nur für erwachsene Männer Pflicht – mindestens alle drei Wochen ist der Besuch obligatorisch. Schliesslich ist das Freitagsgebet eine der fünf Säulen des Islam. Die Männer sitzen auf dem Boden, lehnen sich an eine Wand oder einen Pfeiler. Erst kürzlich hat eine Schweizer Firma 280 Quadratmeter Gebetsteppich aus türkischer Fabrikation im Saal verlegt. Pünktlich auf den Beginn des Fastenmonats Ramadan öffnete das türkisch-islamische Zentrum an der Oberdorfstrasse im September seine Türen. Nach mehreren Einsprachen war im Frühjahr die Baubewilligung erteilt worden. Den Wunsch, ein Minarett zu bauen, hat der Verein nie gehegt. Irmak sagt: «Ein Minarett gehört auf eine Moschee.» Sie aber hätten nur einen Gebetsraum. Ausserdem ist ein Minarett selbst bei einer Moschee mehr Kür als Pflicht. «Das ist Geschmackssache», sagt Irmak.

Im Gebetsraum ruft der Imam, in helle Robe gekleidet und mit roter Kopfbedeckung gekleidet, mit «Allahu Akbar» zum Gebet. Was folgt ist die Freitagspredigt, arabisch «Salat» genannt (siehe Zweittext). In arabischer Sprache trägt der Imam melodisch eine Sure vor. Anschliessend übersetzt er sie und erklärt den Anwesenden die Bedeutung auf Türkisch: Nur wer sich Gott zuwende und Geduld habe, sei im Leben ein Gewinner, heisst es heute. Geduldig sein – eine Botschaft an die Schweizer Muslime? «Der Imam hat nicht über Minarette gesprochen», wird Irmak später sagen. Aber dieser wähle die Sure natürlich auch aus aktuellem Anlass aus.

Nicht böse, aber beleidigt

«Viele Menschen glauben jetzt, wegen dieses Abstimmungsresultats seien die Muslime wütend. Wir sind aber nicht böse darüber», sagt Cetin Tiryaki. Warum auch, fragt er. Schliesslich sei es ein demokratischer Entscheid gewesen. «Aber es schmerzt mich als Türke, der 30 Jahre hier gelebt hat, wie jetzt über die Schweiz geredet wird.» Vereinspräsident Irmak fürchtet, dass das Image der Schweiz im Ausland Schaden nehmen könnte. Zorn oder gar Hass vonseiten der Muslime wäre aber ein falsches Zeichen.

Dennoch fürchtet Tiryaki, dass einige Muslime sich vor den Kopf gestossen fühlen. Einer, der diese Befürchtung bestätigt, ist der mazedonisch-schweizerische Doppelbürger Meksud Rifat. Rifat fühlt sich ob des Entscheids beleidigt. «Ich habe immer geglaubt, Politiker seien dazu da, Probleme zu lösen. Stattdessen haben sie ein Problem geschaffen.» Anstatt die Integration zu fördern, würden die Muslime an eine Wand gedrückt und weggestossen – Worte, die Tiryaki nicht gerne hört. Es wäre ein Fehler, dieser Tendenz zu erliegen und den Volksentscheid als Absage an die Integrationsbemühungen der Muslime zu werten, mahnt er, der Seite an Seite mit Rifat betet. Vorstandsmitglied Ahmet Cindir glaubt ganz einfach, dass das Schweizer Volk die Muslime falsch verstanden habe. «Wenn sie uns besser kennengelernt hätten, sähe das Ergebnis anders aus», sagt er. Vieles, was mit dem Glauben nichts zu tun habe, werde mit dem Islam in Verbindung gebracht: Zwangsheirat, Ehrenmord und die Unterdrückung der Frauen etwa. «Das ist nicht der Islam», sagt Vereinspräsident Irmak. Er glaubt aber, dass die Abstimmung für Muslime letztlich positiv sei: «Mehr werden sich über die Religion informieren wollen.»

«Wir müssen uns mehr zeigen»

Um den Islam in ein anderes Licht zu rücken, geht man in Ostermundigen in die Offensive. «Wir müssen uns mehr zeigen. Nicht, dass man meint, wir schliessen uns hier ein», sagt Cindir. Am 19. Dezember will der Verein die Nachbarschaft ins Zentrum einladen. Doch nicht alle muslimischen Vereine geben sich so offen. Ein anderes islamisches Zentrum hat die Anfrage des «Bund» bestimmt zurückgewiesen. Man wolle keine Presse beim Gebet, hiess es. Der Vorstand des türkisch-islamischen Zentrums in Ostermundigen will die gestrigen Worte des Imams schon übernächste Woche in die Tat umsetzen: Geduldig sein heisse nicht, untätig abzuwarten, sondern auch etwas zu tun.

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