Die Politik im Haus Gottes

Weil das Rathaus umgebaut wird, tagt der Berner Stadtrat im Berner Münster und muss für einmal ohne WLAN auskommen.

Das Berner Münster wird künftig von Politikern belegt.

Das Berner Münster wird künftig von Politikern belegt.

(Bild: Adrian Moser)

Sophie Reinhardt@sophiereinhardt

An ihrer nächsten Sitzung sprechen die Stadträte von der Kanzel herab. Ihnen bleibt gar keine andere Wahl: Weil das Berner Rathaus im Umbau ist, zügelt das Stadtparlament für seine Sitzung vom 29. Juni ins Berner Münster. Und dort wird die mobile Kanzel den Ratsmitgliedern als Rednerpult dienen.

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Stadtratspräsident Christoph Zimmerli hat die Traktandenliste der ehrwürdigen Stätte angepasst. Auf umstrittene Abstimmungs- und Sachgeschäfte wird im Münster verzichtet. Stattdessen darf das Stadtparlament etwa den Jahresbericht 2016 und andere Papiere durchwinken. Offen ist, ob während der Sitzung im Kirchengemäuer allfällige unheilige Allianzen verboten bleiben.

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Dass der Stadtrat im Münster auf hitzige Streitereien verzichten wird, ist übrigens keine Folge von Auflagen seitens des Münsters, sondern allein dem «feinen Gespür des Stadtratspräsidenten zu verdanken», sagt Münster- Sigrist Felix Gerber. Das Münster ist an sich streiterprobt. Gerber erinnert an die historischen Zeiten, als sich im Kirchenschiff noch bis zu 3000 Stimmberechtigte stehend versammelt und dabei wohl auch das eine oder andere Wortgefecht ausgetragen hatten.

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Stehen müssen die Stadträte diesmal nicht. Sie dürfen auf den harten Kirchenbänken Platz nehmen nach einer eigens für die besondere Gelegenheit erstellten Sitzordnung. Reihe eins bis sechs links der Rednerkanzel sind für die SP und die Juso reserviert. Dahinter reihen sich die Junge Alternative, das Grüne Bündnis und die GFL ein. Rechts und ganz nahe der Kanzel darf sich die CVP niederlassen. Die BDP hat sie an ihrer Seite, die SVP und die FDP im Rücken. Die zwei Vertreter der anderen Partei mit christlichem Bezug müssen dagegen in grosser Ferne zur Kanzel Platz nehmen: für die EVP-Stadtratsmitglieder Bettina Jans-Troxler und Matthias Stürmer ist die zweithinterste Reihe reserviert worden. Das tiefere Geheimnis dieser Sitzplangestaltung wollte Zimmerli gegenüber dem «Bund» nicht lüften.

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Der Umzug ins Münster ermöglicht trotz verhaltener Traktandierung mindestens einen politischen Durchbruch. So werden etwa die Gebete von Erich Hess erhört. Der SVP-Stadtrat fordert schon lange, im Rathaus sei «aus Respekt» jede Kopfbedeckung zu verbieten. Für die Sitzung im Münster hat nun Zimmerli tatsächlich explizit mitgeteilt, Kopfbedeckungen seien unerwünscht. Das dürfte etwa SP-Stadtrat Halua Pinto de Magalhães treffen, der wegen seiner Dächlikappe verschiedentlich von Hess eins aufs Dach bekam. De Magalhães zeigt sich kompromisswillig. Es sei für ihn kein Problem, für einmal ohne Käppi zu kommen.

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Womöglich sind andere Einschränkungen für die politische Elite gar noch einschränkender. Für sie gibts im Münster weder WLAN noch Steckdosen. Verzichten müssen sie auch auf den Snackautomaten. Im Gotteshaus fehlt ein solcher. Als einschneidend könnte auch empfunden werden, dass dem Rat im Münster kein Drucker zur Verfügung stehen wird. Die Chance, in Eile verfasste Vorstösse subito auszudrucken und zu verteilen, wird diesmal nicht vorhanden sein.

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Aber der Stadtrat kompensiert all diese Defizite auch nicht, indem er die speziellen Dienstleistungen des Sitzungsorts nutzt. So hat der Rat laut Sigrist Gerber kein Interesse an einem Orgelpräludium angemeldet. Auch das aufliegende Kirchengesangbuch wird keine Verwendung finden. Selbst auf pfarrherrlichen Zuspruch wird verzichtet. Den Sigristen verwundert es nicht: «Ich halte es für unwahrscheinlich, dass eine seelsorgerische Betreuung nötig wird.»

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Für den Stadtpräsidenten gäbe es übrigens einen eigenen Zugang zum Münster, die sogenannte Schultheissenpforte. Stadtpräsident Alec von Graffenried vergass aber bislang, das Bedürfnis anzumelden, standesgemäss durch diese an der Nordseite des Münsters gelegene Pforte einzutreten. Der nicht ganz handliche Schlüssel der Pforte liegt laut Gerber nämlich noch immer gut verstaut im Tresor.

Der Bund

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