Die neue Realität

«Poller»-Kolumnist Martin Erdmann stellt sich den grossen Fragen des Lebens: Gibt es eine Existenz ohne Facebook-Likes?

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An dieser Stelle folgt nun etwas trockener Stoff. Denn um dem Kern der heutigen Kolumne näherzukommen, bleibt uns nichts anderes übrig, als den staubigen Deckel der Mottenkiste für abgegriffene Fragen der Philosophie hochzuklappen. Schieben wir zuerst einmal die Suche nach dem Sinn des Lebens beiseite, tasten sorgsam um die Frage, ob Gott tot ist, herum und wühlen uns an der Definition von Gut und Böse vorbei. Moment, ich glaube, hier sind wir richtig. Gleich neben der Abhandlung, ob nun Huhn oder Ei zuerst war, stossen wir auf eine besonders diffizile Angelegenheit: Im Wald fällt ein Baum um. Macht dieser Vorgang ein Geräusch, auch wenn niemand in der Nähe ist, der es hören kann?

An diese Frage musste ich denken, als ich letztens etwas über das Chuenisbärgli gelesen habe. Die berühmte Skirennstrecke in Adelboden hat digital aufgerüstet. Das altbewährte Konzept, bestehend aus Gefälle und Schnee, scheint nicht mehr den Ansprüchen der modernen Welt zu entsprechen. Wer nun Gefälle samt Schnee bewältigen will, kann sich neu dabei filmen lassen, um das Video danach in den sozialen Medien zu verteilen. Kaum hatte ich das gelesen, krachte der umstürzende Baum mitten in meine Gedanken.

Aus dem verursachten Staub stieg ein grässlicher Verdacht in die Sphären meines Bewusstseins. Vielleicht ist das Ski-Video vom Chuenisbärgli wie das Geräusch des umstürzenden Baums: Wir brauchen Zeugen, um uns seiner Existenz sicher sein zu können. Woher weiss ich also, ob ich tatsächlich das Chuenisbärgli hinuntergerutscht bin, wenn es niemanden gibt, der mir auf Facebook dafür ein Daumen hoch gibt? Woher weiss ich überhaupt, dass ich existiere, wenn mein Chuenisbärgli-Video nicht mit Kommentaren wie «sehr cool» oder «wachs mal deine Ski» unterlegt wird? Hieven Social-Media-Reaktionen Gegebenheiten nicht erst in den Zeitstrahl der Realität? Kann etwas wirklich geschehen sein, wenn ich es nicht auf Instagram gepostet habe?

Ich bin inzwischen zum Schluss gekommen, dass es unser herkömmliches 1.0-Leben gar nicht mehr gibt. Durch den technischen Fortschritt hat sich die Wirklichkeit längst von uns abgekoppelt. Unsere wahren Ichs existieren nun im virtuellen Raum, und wir posten ihnen regelmässig Bilder von glutenfreien Gerichten und künstlerisch anspruchsvollen Cappuccinos, damit sie sicher genug Likes kriegen, um nicht zu verhungern. Natürlich könnte jetzt diese moderne Wirklichkeit mit dem Sittenzerfall der Gegenwart begründet werden. Doch der Antrieb dazu ist über Jahrtausende gereifter menschlicher Narzissmus. Der Drang nach modulierter Selbstdarstellung ist uralt und schmiegte sich stets an die neusten Errungenschaften der Technik. So waren Steinbüsten sozusagen die Mütter aller Selfies, bald abgelöst von Ölgemälden, Dia-Abenden, Polaroidfotos, Photoshop, Sepia-Filter.

Martin Erdmann ist «Bund»-Redaktor und bittet Sie, diese Kolumne auf Facebook zu liken, damit er sicher sein kann, diese überhaupt geschrieben zu haben. (Der Bund)

Erstellt: 14.02.2018, 06:49 Uhr

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