«Die Medizin muss neue Wege gehen»

Das Inselspital sammelt mit Crowdfunding Geld für die Hirntumor-Forschung. Neue Strategien können bisherige Finanzierungsmethoden ergänzen, sagt Neurochirurg Philippe Schucht.

Neurochirurgen operieren unter dem Mikroskop.

Neurochirurgen operieren unter dem Mikroskop. Bild: Tanja Läser, Insel Gruppe AG

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Herr Schucht, Sie wollen mit Crowdfunding die Hirntumorforschung antreiben. Wäre das nicht die Aufgabe von Forschungsinstituten oder der öffentlichen Hand?
Mit dem Horao-Projekt geht es nicht darum, Forschung zu finanzieren. Was wir brauchen, sind Ideen für die Lösung eines ganz konkreten Problems in der Neurochirurgie, nämlich die Grenzen von Hirntumoren mit dem Mikroskop zu erkennen. Das jetzt gesammelte Geld soll dereinst das Preisgeld in einem Wettbewerb um die beste Idee sein.

Wo liegt denn das Problem?
Mit den gängigen Mikroskopen sieht man den Unterschied zwischen gesundem Hirngewebe und dem Gewebe eines Tumors nicht. Bei der Operation von Hirntumoren besteht für Neurochirurgen also das Risiko, zu wenig oder zu viel Gewebe zu entfernen. Was wir brauchen, ist eine Technologie, die uns den Grad der Ordnung im Gewebe zeigt: Gesundes Gewebe ist organisiert, das eines Hirntumors dagegen chaotisch. Damit könnte man quasi indirekt die Grenze erkennen.

Gibt es denn keine Forschung in dem Gebiet?
Die gibt es durchaus. Wir wollen mit dem Projekt keine bisherige Forschung ersetzen, sondern mit moderneren Methoden Know-how einholen. Die Idee orientiert sich am Crowd Innovation Lab der Universität Harvard, wo man unter anderem untersucht, wie sich Forschung beschleunigen lässt. Die Nasa hat die Methode mit dem Wettbewerb zum Beispiel bereits erfolgreich eingesetzt. Die Medizin denkt hier in alten Rastern, ich glaube, es ist Zeit, über den eigenen Schatten zu springen und vor allem auch Innovationen anderer Branchen besser zu nutzen.

Andere Branchen?
Genau. Wir haben die Hoffnung, dass irgendwo auf der Welt schon jemand eine ähnliche Technologie entwickelt hat oder am Entwickeln ist. Dass jemand, der gar nicht unbedingt Arzt ist, uns sagt: «Das kenne ich aus meinem Gebiet, das müsste man nur noch anpassen.» Das Preisgeld soll der Anreiz dafür sein.

Eigentlich bieten Sie also eine Prämie für Forschung, die woanders finanziert wurde.
Ja und nein. Wir wollen nicht, dass jemand ein Forschungsteam auf die Beine stellt, sondern wir suchen Ideen und Hinweise auf bestehende Technologien und Know-how.

Trotzdem: Ist das ethisch nicht heikel? Erfolgreiches Crowdfunding hängt letztlich auch davon ab, wie attraktiv ein Projekt für die Masse ist, und nicht, wie nötig es für die Forschung ist.
Nein, das Ziel ist ja nicht, Grundlagenforschung zu betreiben. Die ist und soll auch staatlich reguliert sein, dafür sind Institutionen wie der Schweizerische Nationalfonds (SNF) da. Mit Beratern vom Nationalfonds wurde das Projekt ja gerade auch entwickelt.

Aber es wäre doch gerade die Aufgabe des SNF, solche Forschung selbst zu finanzieren.
Um vom Nationalfonds Gelder zu erhalten, gibt es strenge Kriterien. Man muss ein etablierter Forscher sein, das Projekt muss ein gewisse Grösse haben und der Prozess kann dauern. Das ist auch richtig, es spricht für den Forschungsplatz Schweiz.

Glauben Sie denn, dass es irgendwo auf der Welt eine Lösung für das Mikroskop-Problem gibt?
Davon bin ich felsenfest überzeugt. Ich bin sogar sicher, dass es schon mehrere solche Lösungen gibt – man muss sie nur finden.

Selbst wenn irgendwer ein solches Mikroskop entwickelt hat, kann man das doch kaum einfach in den Operationssaal verpflanzen.
Wenn sich aus dem Wettbewerb konkrete, weiterentwickelbare Ideen ergeben, käme die klassische Forschungsfinanzierung zum Zug – wie etwa der Schweizerische Nationalfonds.

Sie wollen 50'000 Franken sammeln. Wird das alles Preisgeld?
Ja, ich kann mir aber vorstellen, dass es mehrere Preise geben wird. Es kommt allerdings darauf an, wie der Ideenwettbewerb schlussendlich ausgestaltet wird.

Profitiert das Inselspital davon?
Vom gesammelten Geld geht alles ans Projekt Horao. Im Übrigen wird das Projekt zwar vom Inselspital unterstützt, ist aber unabhängig davon. Einzig der Ruf als innovativer Forschungsstandort wird hoffentlich profitieren. (Der Bund)

Erstellt: 03.08.2017, 19:44 Uhr

Projekt Horao

Seit Donnerstag ist auf Wemakeit.com die Spendensammlung für das Projekt Horao eröffnet, wie das Inselspital mitteilt. Nun hat das Team 45 Tage Zeit, um die angestrebten 50'000 Franken zu sammeln, Donnerstagabend sind bereits über 8000 Franken zusammengekommen. Ist das Projekt erfolgreich, starten die Mediziner in einem zweiten Schritt einen Wettbewerb zwischen Forscher- und Entwicklungsteams. Wer spendet, erhält je nach Betrag Dankesgeschenke wie ein T-Shirt, bei grösseren Beträgen ist die Gegenleistung etwa, das Neurochirugie-Team einen Tag lang zu begleiten. Laut Philippe Schucht ist Horao griechisch und lässt sich übersetzen als «mit dem Verstand sehen».
www.horao.eu

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