Die Legende der scharfen Knolle

Der traditionelle Zibelemärit lockt heute wieder tausende Menschen in Berns Innenstadt. Doch kennen Berner die Geschichte hinter dem Markt? «Der Bund» hat dem Feiervolk auf seinen historischen Zahn gefühlt.

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Genauso kunstvoll verflochten wie die Zwiebelkränze selbst, sind die Legenden, die sich um die Entstehung des Berner Zibelemärits ranken. Man kann es den feierwütigen Bernerinnen und Bernern an diesem Novembermorgen nicht verübeln, dass die Historie des Tags, angesichts von Glühwein und Zwiebelkuchen, in den Hintergrund rückt. Schon kurz nach Sonnenaufgang ist der Andrang in den Gassen und auf den Plätzen Berns riesig. Doch wissen die Besucher des Markts eigentlich, was es mit dem Knollenkult auf sich hat?

Die Legende um den Stadtbrand ist weit verbreitet

Auf die Frage nach der Entstehungsgeschichte des Zibelemärits erwähnen die meisten Befragten einen Brand, der sich einst in Bern ereignet haben soll und als Ursprung für den Zibelemärit gilt. Tatsächlich brannten Anfang des 15. Jahrhunderts fast Dreiviertel der hölzernen Häuser in Bern bis auf die Grundfesten nieder. Zur Hilfe eilten den Bernern damals die freiburgischen Bauern. Sie leisteten Unterstützung beim Löschen des Feuers und halfen die Bundesstadt aus Sandstein neu zu errichten.

Das Gerücht, dass der traditionelle Zibelemärit als Dank für die hilfsbereiten freiburgischen Bauern ins Leben gerufen wurde, ist sehr weit verbreitet. Die Berner sollen ihnen aus Erkenntlichkeit für ihren Beistand die Erlaubnis erteilt haben, ihre Waren auf einem Markt in der Stadt zu verkaufen. Tatsächlich jedoch geht die Geschichte des Zibelemärits nicht bis ins späte Mittelalter zurück.

Zeitungen schreiben 1860 erstmals von einem «Zwiebelmarkt»

Der in den Neunziger Jahren verstorbene Berner Historiker Rudolf J. Ramseyer beschäftigte sich intensiv mit der Entstehung des Volksfests und datiert seine Geburt auf die Mitte des 19. Jahrhunderts. Von einem Zibelemärit schrieben die regionalen Zeitungen laut Ramseyer erstmals um 1860.

Mitte des 19. Jahrhunderts strömten Bäuerinnen aus der Region Mont Vully nach Bern auf den Martinimarkt, den es bereits seit dem späten Mittelalter in der Bundeshauptstadt gab. Ihre Absicht war es das Gemüse verkaufen, das sie in ihrer Heimat, einem fruchtbaren Hügelzug oberhalb des Murtensees, kultiviert hatten. Sie boten vor allem Zwiebeln feil, aber auch Endiviensalat, Sellerie, Nüsse und Kernobst. Die fröhliche Art der Verkäuferinnen und die gute Qualität ihrer Waren brachten den Markt mehr denn je zum Blühen. Bald schon stand der Auftakt des Marks ganz im Zeichen der scharfen Knolle.

Folglich ist der Zibelemärit keine Revanche für die überschwängliche Nachbarschaftshilfe der Freiburger. Die wahre Geschichte liest sich weit weniger spektakulär. Das Konfetti und die Gummihämmerli sind laut Ramseyer wohl auch auf den Martinimarkt zurückzuführen. Als farbenfrohes Fest markierte er seit dem Mittelalter den Übergang von der Sommer- zur Winterzeit. Vom altertümlichen Martinimarkt ist bis heute nur noch der Zwiebelmarkt erhalten geblieben.

Auch 2016 lockt wieder der «Zibeler»

Auch in diesem Jahr begannen sich die Gassen der Altstadt wieder kurz nach vier Uhr allmählich zu beleben. Ein scharfer Wind pfiff um die Hausecken und wirbelte die ersten Konfetti auf. Da und dort waren Marktfahrer noch mit dem Arrangieren ihrer Auslagen beschäftigt. Der «Zibeler» gehörte am frühen Morgen jeweils den Einheimischen, die über den Bundesplatz schlenderten oder an der «Front» ihren Zwiebelzopf kauften.

Gemüsebauern aus dem Umland bieten auch in diesem Jahr wieder Dutzende Tonnen Zwiebeln an, aber auch Knoblauch, Rüebli, Lauch und Schwarzwurzeln. Üppige Zwiebelzöpfe und -Kränze, kunstvoll geflochten und dekoriert, warten an den vielen Ständen auf Abnehmer. Es mangelt auch nicht an Imbissständen, Freilufttheken und Souvenirständen. Erste Besucher genehmigten sich bereits nach Sonnenaufgang einen wärmenden Glühwein.

Tagsüber drängen sich dann zehntausende Menschen in den Gassen. Mehr als 100 Reisecars aus dem In- und Ausland bringen Schaulustige in die Bundesstadt. Kinder und Jugendliche finden ihren Spass an der Konfettischlacht und erschrecken Passanten mit quietschenden Plastikhämmerchen.

Die jüngere Generation interessiert sich leider immer weniger für die wahren Traditionen des Zibelemärits. Für viele von ihnen bietet der vierte November lediglich einen Anlass zum Feiern. Wenn man die strahlenden Gesichter in Berns Gassen sieht, ist dies jedoch nicht als Tragödie zu werten.

DerBund.ch/Newsnet

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