«Die Kosten zu senken hat noch kein System geschafft»

Andreas Raabe, der Direktor der Neurochirurgischen Klinik am Inselspital, hat die Einführung des DRG-Systems in Deutschland erlebt. In der Schweiz sei man heute wachsamer als damals in seiner Heimat.

Richtige wirtschaftliche Anreize seien richtig, sagt Chefarzt Andreas Raabe. Dass das Gesundheitssystem mit DRG günstiger werde, glaubt er nicht.

Richtige wirtschaftliche Anreize seien richtig, sagt Chefarzt Andreas Raabe. Dass das Gesundheitssystem mit DRG günstiger werde, glaubt er nicht.

(Bild: Manu Friederich)

Matthias Raaflaub

Es habe gar keine politische Diskussion gegeben, 2004 in Deutschland. Vor sieben Jahren hat der «grosse Kanton» die Fallpauschalen in den Spitälern eingeführt. Das DRG-System ist eine deutsche Entwicklung, doch krähte vor seiner Einführung kein Hahn danach. «Die Kosten waren gestiegen und gestiegen. Allen war klar, dass sich da etwas ändern muss», sagt Andreas Raabe, Chefarzt und Direktor der Universitätsklinik für Neurochirurgie am Inselspital in Bern. Die Ärzte hätten geglaubt, DRG sei nur ein weiteres Abrechnungssystem.

Das schlechte Beispiel

Raabe arbeitete bis 2008 als leitender Arzt in Frankfurt. Die Einführung der Fallpauschale erlebt er am Inselspital nun zum zweiten Mal. Seine Erfahrung ist jetzt gefragt, da das Inselspital seinen Betrieb auf die Neuerungen abstimmt. In der Schweiz sei man heute schon viel wacher, als man es in Deutschland vor der Einführung der Fallpauschale war. Vorhersehbare Schwierigkeiten und Probleme würden bereits differenziert diskutiert. «Vielleicht auch darum, weil man um die Erfahrungen aus Deutschland weiss», sagt er.

Viele der Argumente gegen die Fallpauschalen werden mit dem Hinweis auf das Nachbarland vorgebracht. Unter den Fallpauschalen solle die Qualität sinken, das Verhältnis der Ärzte zum Patienten leiden, das Spitalpersonal unter einem noch grösseren Kostendruck stehen. In Deutschland zeigte sich nach der Einführung rasch, dass das System den Spitälern enge wirtschaftliche Grenzen setzte und die Abgeltungen, so sagt Raabe, zu knapp berechnet waren. Der Zwang, das System auf Kosteneffizienz zu trimmen, sei für die Patienten spürbar geworden. «Fast alle Abteilungen, die ich kenne, haben Personal abbauen müssen», sagt Raabe. Unter dem Strich sei «mehr Leistung auf weniger Personal» zugekommen. Mit Stellen sei beinahe umgegangen worden wie in der Privatwirtschaft. «Wenn es um ein Allgemeingut, die Gesundheit des Patienten geht, ist das schwer verständlich.»

Nur was schriftlich ist, gibt Geld

Die Spitalärzte hätten ihre Zeit statt mit Patienten mit dem Codieren von Diagnosen und der Erfassung von Leistungen verbringen müssen. Also damit, dem Krankheitsbild des Patienten eine Reihe von Nummern zuzuordnen. Anders als es in den bernischen Spitälern vorgesehen ist, übertrug man in Deutschland erst den Ärzten die Verantwortung dafür. «Es läuft dem ärztlichen Denken und Handeln zuwider, vom Patientenbett zur Abrechnung zu wechseln.»

Doch die sogenannte Codierung ist für die Spitäler ab nächstem Jahr das A und O. Nur für Befunde, Untersuchungen, Behandlungen und Eingriffe, die schriftlich festgehalten sind, können sich die Spitäler vom Kanton und den Krankenkassen bezahlen lassen. Damit sie gleich entlöhnt werden wie bisher, müssen sie Diagnosen peinlich genau festhalten. Auch was früher als Nebenerscheinung kaum beachtet wurde, ein zu hoher Blutdruck oder ein Husten etwa, werde künftig in den Akten vermerkt werden müssen, sagt Raabe. «Vielleicht wird man in 500 Jahren die Diagnose-Statistiken finden und meinen, dass die Schweiz im Jahr 2012 von einem ausserirdischen Virus getroffen worden sei, weil die dokumentierten Befunde massiv zugenommen haben.»

Obwohl Raabe glaubt, dass die Schweizer Spitäler professionell auf DRG reagieren, sagt er: «Die Spitalärzte befürchten, dass auf sie mehr Papierarbeit zukommt.» Aus seiner Erfahrung verbinde er DRG mit «mehr Bürokratie – weniger Ärzte. Ich hoffe, dass das in der Schweiz nicht so ist.»

Falsche Hoffnungen

Wie in der Schweiz war auch in Deutschland das Ziel hinter der Einführung des DRG-Systems, Kosten zu senken. Deutsche Spitäler wurden bis 2004 mit einem Tagessatz bezahlt. Es lohnte sich, Patienten einige Tage länger im Spitalbett liegen zu lassen. Um solche Fehlanreize auszumerzen, müsse man den ökonomischen Ansatz des Fallpauschalensystems befürworten, sagt Raabe. Dass dabei die Fallschwere erfasst und auch abgegolten werde, sei «von der Idee her gut».

Kosten zu senken, sei jedoch eine falsche Hoffnung. Raabe sagt: «Das hat noch kein System geschafft. Ich befürchte, sie werden weiter steigen.» Denn nicht Ärzte und Spitäler seien für den Trend verantwortlich. Weit gewichtigere «Systemfehler» sieht Raabe in dem ungebremsten Boom zu neuen Medikamenten, die zwar nur wenig wirksamer, aber weit teurer sind als ihre Vorläufer und rasch zu neuen Standards erhoben würden. Oder, dass teure Therapien in Fällen angewandt würden, wo sie kaum mehr sinnvoll seien. «So müsste die Diskussion um Gesundheitskosten eigentlich geführt werden», sagt Raabe.

Ist es aber nicht auch seine Neurochirurgische Klinik, welche mit modernsten Geräten für teure Eingriffe sorgt? Nein, meint Raabe. Mehr Behandlungen durchführen als nötig, «Fälle produzieren», könne seine Klinik gar nicht. «Gehirntumore kann man nicht steigern», sagt er. Im Gegenteil: Indem die Universitätsspitäler neue Technologien und Methoden einführten und damit arbeiteten, ermöglichten sie erst, dass der medizinische Fortschritt weitergehe und Innovationen von anderen Spitälern zu geringeren Kosten übernommen werden könnten. «Die Innovation muss auch unter DRG gefördert werden», sagt Raabe.

Der Bund

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