Die Knochenfrau

Kommt die Polizei bei kniffligen Kriminalfällen nicht weiter, dann hilft Sandra Lösch. An der Universität Bern leitet sie Abteilung für Forensische Anthropologie.

Der Gruselfaktor habe sie nie abgeschreckt, sagt Sandra Lösch.

Der Gruselfaktor habe sie nie abgeschreckt, sagt Sandra Lösch. Bild: Raphael Moser

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Knochen liegen einzeln eingetütet auf dem Tisch. «Das hier sind Wirbelknochen», sagt Sandra Lösch und zeigt auf einige kleinere Proben. Wir stehen im Büro der forensischen Anthropologin in der Berner Innenstadt. Die Knochen sind bräunlich verfärbt, stellenweise etwas porös. «Hier sieht man Abnützungserscheinungen», sagt Lösch, «der Betroffene litt vermutlich an einem Bandscheibenvorfall.» Gelebt hat der Mensch, den wohl Rückenschmerzen plagten, vor rund 5000 Jahren im bernischen Oberbipp.

Alte Knochen sind Löschs Metier und Passion. Die 40-jährige Deutsche leitet die Abteilung für Forensische Anthropologie an der Universität Bern, das einzige derartige Institut in der Schweiz. Löschs Team kümmert sich nicht nur um archäologische Funde, auch die Ermittlungsbehörden verlassen sich immer wieder auf die Dienste der Knochenexpertinnen. Wenn die Polizei beispielsweise im Wald menschliche Überreste findet, helfen die Anthropologinnen dabei, das unbekannte Opfer zu identifizieren.

Die Oberbipper Knochen aus der Jungsteinzeit verdanken die Forscherinnen einem aufmerksamen Landwirt, der 2012 den Archäologischen Dienst kontaktierte. Ein riesengrosser Stein im Acker hatte ihn schon lange bei der Arbeit behindert. Also schenkte der Bauer seinem Enkel einen Baggereinsatz zum siebten Geburtstag. Mit schwerem Gerät wollten Opa und Enkel den Stein entfernen, der sich jedoch als viel zu gross und als Teil eines Dolmengrabes entpuppte. «Der Landwirt hat vorbildlich gehandelt», sagt Lösch. Dank seines Anrufs stiess das Team auf eine unversehrte Grabanlage aus dem vierten vorchristlichen Jahrtausend. «Das ist ein sehr seltener Fund, die meisten Dolmengräber sind längst geöffnet.» Brauchbare DNA-Proben kann man nur entnehmen, wenn alles möglichst intakt ist.

Areal sofort abgesperrt

Im Berner Fall half die Natur bei der Konservierung. Wasser hatte den Dolmen wohl noch in der Jungsteinzeit überschwemmt, Sedimente schliesslich die unteren Stützen bedeckt, auf denen der querliegende, obere Stein ruhte. Keiner ahnte bis zum Baggereinsatz, was sich unter dem kleinen Hügel verbarg. Lösch liess das Areal sofort absperren, kleinste Partikel moderner Menschen hätten die Funde verfälscht. Mit Mundschutz und Handschuhen entnahmen die Forscher Proben und froren sie gleich ein. Zu wertvoll sind die Informationen, die das Team den alten Knochen mit heutigen Methoden entlocken kann.

Dass sie sich einmal der Analyse alter Knochen widmen wollte, wusste Sandra Lösch schon als Kind. «Alles, was mit der Frühgeschichte des Menschen zu tun hatte, faszinierte mich immer schon», sagt sie. Ein Buch mit dem Titel «So lebten sie zur Zeit der Urmenschen» habe sie auf den Geschmack gebracht. Aufgewachsen ist Lösch im nordbayrischen Erlangen. Um ihrer Leidenschaft nachzugehen, entschloss sie sich für ein Studium der Biologie mit Hauptfach Anthropologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. «Das naturwissenschaftliche Element war mir wichtig», sagt sie, und es komme ihr heute zugute.

In ihrer Doktorarbeit vertiefte sie sich zudem in die Paläopathologie, erforschte also die Herkunft von Erregern. In einem mittelalterlichen Gräberfeld in Bayern suchte sie nach Spuren von Tuberkulose-Erkrankungen. Auch in Bern will sie in Zukunft Zeit für diese Disziplin einplanen, ihr Institut bekommt bis ins Jahr 2021 ein Speziallabor.

Wir stehen inzwischen in der Knochensammlung, und Lösch hält den Abguss einer verwachsenen Wirbelsäule in die Höhe. Die Brustwirbel krümmen sich steil nach vorne. «Das kann die Tuberkulose anrichten», sagt sie. Den Abdruck nutzt sie in der Arbeit mit den Studierenden. An zwei Beckenknochen zeigt sie ausserdem, wie man bei Knochenfunden ohne DNA-Test das Geschlecht bestimmt. Bei Frauen ist das Becken wegen der Babyköpfe, die hindurchpassen müssen, an der Innenseite viel runder geschwungen als bei Männern.

Boom dank Fernsehserien

Die forensische Anthropologie erlebte in den letzten zehn Jahren einen unglaublichen Boom. Die verschiedenen Fernsehserien, die die Arbeit der Knochenspezialisten zeigten, seien wohl nicht ganz unschuldig an diesem Erfolg. «Wir bekommen ständig Anfragen von Interessierten, die sich für ein Praktikum bewerben möchten», sagt Lösch. Dabei sei es äusserst schwierig, sich in diesem Berufsfeld durchzusetzen. «Man muss sehr hartnäckig und zielstrebig sein.» Denn die Stellen und die Karrierechancen sind rar, die Arbeit ist fordernd. Lösch hat eine acht Monate alte Tochter und arbeitet trotzdem Vollzeit. Möglich sei das nur, weil ihr Mann sie unterstütze.

Erst kürzlich musste Lösch wieder ausrücken, um der Polizei bei einer Exhumierung zu helfen. Wegen ihrer Schweigepflicht darf sie keine Details verraten. Mit einer Haaranalyse lässt sich heute rekonstruieren, wo sich ein Mensch die letzten Monate seines Lebens aufgehalten hat. Die Forensiker untersuchen die chemische Struktur eines Haares und können die stabilen Isotope, deren Zusammensetzung sich je nach Region unterscheiden, bestimmen. Ein Monat Ferien in der Karibik etwa lässt sich dann in einer Haarsträhne nachweisen. Und der Zahnschmelz verrät, wo jemand in jenen Jahren, in denen der jeweilige Zahn angelegt wurde, lebte. So konnte Lösch bei einem unbekannten Toten, den die Berner Ermittlungsbehörden identifizieren mussten, einst nachweisen, dass der Mann seine Kindheit auf dem Balkan verbracht hatte. Dabei können die Anthropologinnen auf eine noch nicht fertige Datenbank zurückgreifen. Eine solche ist im Moment in internationaler Zusammenarbeit im Aufbau. «Die Forscherinnen gehen dann beispielsweise in den Ferien zum Coiffeur und fragen nach Haarresten, um die typische chemische Signatur einer Region im Haar zu rekonstruieren», sagt Lösch.

Die forensische Anthropologie ist eine Frauendomäne. In Löschs Team arbeiten nur Forscherinnen. «Die Interdisziplinarität ist eine wichtige Qualität in unserem Metier, was eine Stärke der Frauen ist», sagt Lösch. Gleichzeitig seien die Karrierechancen nicht gross, was Männer vermutlich davon abhalte. Der Gruselfaktor der Arbeit habe sie nicht abgeschreckt. «Vor allem bei der Arbeit mit den Knochen ist es leichter zu abstrahieren.» Wenn die Leiche noch ein Gesicht habe, falle ihr das deutlich schwerer, erzählt die Forscherin. «Wer wird schon gerne an die eigene Sterblichkeit erinnert?»

Die Analyse der Toten aus Oberbipp läuft in mehreren Forschungsprojekten weiter. Rund 40 Menschen verschiedenen Alters lagen unter dem Dolmen begraben. Gestorben sind sie nicht alle zur gleichen Zeit, also nicht im Krieg oder an einer Seuche. Es waren vor allem natürliche Todesfälle. Woran man in der Jungsteinzeit halt so starb, zum Beispiel an einer Blutvergiftung. (Der Bund)

Erstellt: 04.08.2018, 08:08 Uhr

Artikel zum Thema

SVP will die Archäologie im Gesetz schwächen

Kies statt Knochen: Eine Notgrabung entzweit die Gemüter im Grossrat. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Immobilien

Kommentare

Abo

Das digitale Monatsabo für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital ohne Einschränkungen. Für nur CHF 32.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Gross ist die Hoffnung: In Kashmir sucht ein indisches Mädchen am letzten Tag von Navratri, einem der wichtigsten Feste im Hinduismus, nach versenkten Münzen. (17. Oktober 2018)
(Bild: EPA/Jaipal Singh) Mehr...