Die Klimaerwärmung bringt bunte Sommervögel

Für einmal hat die Klimaerwärmung auch schöne Seiten. Sie beschert dem Norden neue Schmetterlingsarten.

Der Brombeer-Perlmutterfalter breitet sich gen Norden aus.

Der Brombeer-Perlmutterfalter breitet sich gen Norden aus. Bild: zvg / Martin Albrecht

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In Selina Strösslers Wohnung in Bern fühlen sich die Raupen dieses Jahr besonders wohl. Zuerst ist eine über die Decke spaziert. Strössler beförderte sie an die frische Luft. Dann entdeckte die junge Frau auf dem Nachttischchen eine zweite Raupe, eine dritte im Bad. «Seit Januar habe ich bestimmt 25 Tierchen aus meiner Wohnung geworfen», erzählt sie.

Selina Strössler befürchtete bereits einen Schädling im Küchenschrank. Doch dort war nichts. Da Stösser im Naturhistorischen Museum arbeitet, fotografierte sie ein Räupchen und zeigte das Bild einem Kollegen, der sich mit Insekten auskennt. Und Strösslers Wohnung ist nicht die einzige, die von Raupen heimgesucht wird. Im Museum hätten bereits mehrere Personen angefragt, wie mit Raupen in der Wohnung umzugehen sei, sagt sie.

Der Schmetterlingsspezialist Hans-Peter Wymann identifizierte Strösslers Untermieter als Flechtenbärchen. Dieses ist eine Schmetterlingsart, die als Raupe in Felslandschaften mit Flechten und auf Dächern von alten Häusern überwintert. Als es bereits früh im Januar warm geworden sei, sagt Wymann, seien die Tiere aktiv geworden. Wegen des Kälteeinbruchs hätten sie dann die Wärme in den Wohnungen gesucht.

Sind die Raupen Vorboten des Klimawandels? «Nein», sagt Wymann. Die Raupen in den Berner Wohnungen seien eher Folge des Wetters. «Und grosse Wetterschwankungen gab es immer.» Doch habe die Klimaerwärmung durchaus Auswirkungen auf die Insektenwelt.

Gut für einige bedrohte Arten

Seit etwa zehn Jahren beobachte er gewisse Arten aus dem Süden auch im Mittelland, sagt Wymann. Etwa der Karstweissling, der Brombeer-Perlmutterfalter oder der Südliche Kurzschwänzige Bläuling lebten früher nur südlich der Alpen. «Jetzt sind sie auch hier daheim.» Rund ein Dutzend Arten hätten damit begonnen, ihr Territorium gegen Norden hin auszudehnen. Ihre einzige Gemeinsamkeit sei, dass sie Wärme mögen. «Darum führe ich ihr Vorkommen hier auf den Klimawandel zurück.»

Denn schon ein halbes Grad mehr könne genügen, dass sich die Arten nach Norden auszudehnen begännen. Vermutlich sei der Hitzesommer 2003 Auslöser der Entwicklung gewesen. Diese schreite aber rasch voran. Für einige Arten sei das durchaus positiv. Denn der Kurzschwänzige Bläuling sei auf der Liste der bedrohten Arten. «Nun gibt es ihn wieder zahlreicher.»

Schlecht für Kälteliebende

Andererseits ist die Erderwärmung für Arten problematisch, die es lieber kälter mögen. Sie zögen sich zurück oder verschwänden, wie Wymann erklärt. Zum Beispiel das Grosse Wiesenvögelchen. Bis vor ein paar Jahren sei es im Raum Zürich beobachtet worden. Doch nun sehe man es nur noch in höheren Gegenden, wo es kühler sei. Die wärmeliebenden Schmetterlinge dehnen ihren Lebensraum nämlich nicht nur horizontal, sondern auch vertikal aus. Und im Gegenzug ziehen sich kälteliebende Arten in immer höhere Gebiete zurück.

Ein grosses Problem wird der Klimawandel für hochalpine Arten. Ihr Lebensraum wird immer kleiner. Denn die Untergrenze ihres Lebensraums klettert immer weiter nach oben. «Noch sind diese Arten nicht vom Aussterben bedroht, aber sie verschwinden sukzessive aus der Schweiz», sagt Wymann. (Der Bund)

Erstellt: 13.03.2018, 07:59 Uhr

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