Die jungen Wilden

Jubel, Tränen und Dosenbier: Mit Juso-Politiker Mohamed Abdirahim ziehen gleich mehrere Polit-Grünschnäbel in den Stadtrat ein.

Mohamed Abdirahim will für den Berner Westen «wenn nötig» etwas Radau machen.

Mohamed Abdirahim will für den Berner Westen «wenn nötig» etwas Radau machen.

(Bild: Adrian Moser)

Adrian Müller@mueller_adrian

Keiner jubelte im Rathaus so gefühlvoll wie Juso-Politiker Mohamed Abdirahim: Minutenlang flossen beim dunkelhäutigen Politiker aus Bümpliz die Tränen, als seine Wahl in den Stadtrat feststand. Mit Dosenbier in der Hand lag sich die Fangemeinde der Jungsozialisten in den Armen und feierten überschwänglich ihren zweifachen Sitzgewinn – und musste Abdirahim ein bisschen stützen.

Am Tag danach ist die Stimme von Abdirahim nach einer kurzen Nacht noch etwas belegt. «Ich bin immer noch extrem aus dem Häuschen. Ich, im Stadtrat – das ist kaum zu glauben!» Mit dem 23-Jährigen bekommt die Afro- Community aus Bern-West eine Stimme im Stadtrat. Trotz Migrationshintergrund ist Abdirahim durch und durch ein Bärner Giel. Seine Eltern, eine Engländerin und ein US-Amerikaner mit somalischen Wurzeln, zogen einst mit dem sechsjährigen Mohamed aus dem Wallis nach Bümpliz.

In Bern-West absolvierte er seine gesamte Schulzeit. «In der Schule war ich eher ein Bengel als ein Engel. Ich habe grossen Respekt für meine Lehrer», sagt der konfessionslose Krauskopf, der nun ausgerechnet an der Pädagogischen Hochschule studiert und ein Praktikum als Büroassistent macht.

Ein Mann der Strasse

Wie hat der politische Grünschnabel überhaupt die Wahl in den Stadtrat geschafft? «Ich bin ein Mann der Strasse», sagt Abdirahim. Nicht in den sozialen Medien, sondern an unzähligen Standaktionen hat er für jede der 2192 Stimmen gekämpft. 16 Stimmen Vorsprung auf Parteikollegen Nicolà Bezzola gaben den Ausschlag.

«Bern ist eine linke, tolerante Hochburg, und so sollte sie auch bleiben.»Mohamed Abdirahim, Juso-Stadtrat

Im Stadtrat will sich das Vorstandsmitglied der Homosexuellen Arbeitsgruppe Bern (HAB) neben Migrationsthemen für schwul-lesbische und transsexuelle Anliegen einsetzen. «Bern ist eine linke und tolerante Hochburg, und so sollte sie auch bleiben.» Und Bümpliz im Parlament eine Stimme gehen. «Ich will für den Westen wenn nötig etwas Radau machen und einen Gegenpol zu Hess und Co. bilden.»

Abdirahim ist nur einer von mehreren Jungpolitikern von Splitterparteien, die neu in den Stadtrat ziehen. Neben der 20-jährigen Annina Joos (Junge Alternative JA!) ziehen Tabea Rai (23, Alternative Linke) und die auch bereits auf dem nationalen Politparkett bekannte Tamara Funiciello (26) in den Stadtrat. «Wir werden unsere laute und provokative Politik auch in den Stadtrat bringen», kündigt die Präsidentin der Jungsozialisten Schweiz an.

Ein Anti-Trump-Reflex?

Ein Plus von vier Sitzen: Wieso konnten gerade die Jungpolitiker der Linksaussenparteien bei den Wählern derart punkten? «Die vielen Krisen auf der Welt machen den Menschen Angst. Die Leute suchen darum nach Parteien, die ihnen Alternativen aufzeigen», mutmasst Funiciello.

Von einem gewissen «Anti-Trump-Reflex» spricht Maurice Lindgren, der für die Junge GLP einen Stadtratssitz geholt hat. «Die Generation Y bringt sicher einen frischen Wind ins Parlament», sagt der 29-Jährige. Trotz der grossen ideologischen Distanz zu den Linksaussenparteien sieht er gemeinsame Themen für die Jungpolitiker. «Wir alle schätzen ein attraktiveres und mancherorts auch lärmiges Nachtleben in Bern.

Da gibt es noch viel herauszuholen», sagt Lindgren. Er hofft, nicht nur in diesem Punkt den Links-rechts-Graben überwinden zu können. Jungpolitiker hätten andere Ideen und Lösungsansätze für anstehende Probleme. «Als Smartphone-Generation sind wir hoffentlich weniger skeptisch gegenüber neuer Sharing-Technologie wie dem Taxi-Dienst Uber.»

Ein Barnomade

Nicht die fortschreitende Digitalisierung, sondern das Ja zur Masseneinwanderungsinitiative hat Abdirahim politisiert. «Da habe ich gemerkt, dass ich etwas machen muss. In der Schweiz darf keine Zweiklassengesellschaft entstehen», sagt der Bümplizer, der übrigens nach eigenen Angaben eher selten in den Ausgang geht. Nicht nur in die Reitschule. «Ich bin ein Barnomade», sagt er.

Der Bund

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