«Die Innenstadt soll kein Drive-In werden»

Die Stadt Bern will bis 2028 insgesamt 2100 Parkplätze aufheben. Die SP Bern-Nord will aber mehr. Vorstandsmitglied Christian Boesch fordert zudem ein Parkkartenverbot für SUV.

Weniger Autos machen Bern attraktiver, sagt Christian Boesch von der SP Bern-Nord.

Weniger Autos machen Bern attraktiver, sagt Christian Boesch von der SP Bern-Nord.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Martin Erdmann@M_Erdmann

Herr Boesch, wie frei ist man in Bern künftig noch in der Wahl des Fortbewegungsmittels?
Auch wenn das Parkierungskonzept in geplanter Form in Kraft tritt, wird die Bevölkerung frei entscheiden können, wie sie sich fortbewegen will.

Das Parkierungskonzept macht Autofahren jedoch deutlich unattraktiver. Die Rechte spricht von Umerziehung und Zwängerei. Sind diese Vorwürfe denn völlig falsch?
Diese Vorwürfe kann ich absolut nicht nachvollziehen. Denn das Konzept hat gar nicht die Absicht, die Freiheit der Verkehrsteilnehmenden einzuschränken. Aber es überrascht mich nicht, dass solche Einwände zum Beispiel von SVP-Politikern kommen, die stadtbekannt dafür sind, ihr Auto gerne an den unmöglichsten Orten abzustellen.

Die Stadtberner Bevölkerung fährt seit Jahren immer weniger Auto. Wieso braucht es dann noch zusätzliche Massnahmen?
Gerade weil sich das Bedürfnis der Bevölkerung gewandelt hat, ist es wichtig, dass das Reglement an diese angepasst wird. Aber das Konzept geht aus unserer Sicht zu wenig weit.

Wie meinen Sie das?
Es reicht nicht, Parkplätze aufzuheben. Auch die Erstellungspflicht bei Neu- und Umbauvorhaben muss gedrosselt werden. So läuft man ständig in Gefahr, Parkplätze zu erstellen, die schlussendlich gar nicht gebraucht werden. Das ist nicht nur eine Platz-, sondern auch eine Geldverschwendung.

Die Parkkarte soll künftig teurer werden. Wird Autofahren ein Privileg der Besserverdienenden?
Natürlich gibt es Menschen mit eher niedrigem Einkommen, die auf ihr Auto angewiesen sind. Zum Beispiel Handwerker. Doch für diese gilt schliesslich schon jetzt eine Sonderregelung.

Doch wieso denn diese Preiserhöhung?
Dadurch kann zum Beispiel eingeschränkt werden, dass Leute mit einem Privatparkplatz sich günstig eine Parkkarte kaufen und ihren Parkplatz dadurch an Dritte weitervermieten.

Genauso wehren Sie sich dagegen, das Lenker von überbreiten Personenwagen eine Parkkarte erhalten. Wieso?
Das Parkierungskonzept sieht vor, dass für solche Autos die Parkplatzmarkierungen vergrössert werden. Das sehen wir jedoch als Platzverschwendung. SUV-Halter sollen ihre Autos auf den vielen Einstellhallen und Privatabstellplätzen parkieren. Der Gebrauch von SUV soll durch die Stadt Bern nicht aktiv gefördert werden.

Besonders in der Innenstadt sollen Parkplätze gestrichen werden. Ist das nicht gewerbefeindlich?
Nicht jeder Parkplatz in der Innenstadt dient dem Gewerbe. Natürlich stehen die Anlieferungsplätze nicht zur Debatte. Die soll es weiterhin geben. Aber wir sind sogar der Überzeugung, dass weniger Autos dem lokalen Gewerbe einen Nutzen sein können.

Wie kommen Sie darauf?
Die Innenstadt soll kein Drive-in sein. Viele Leute fühlen sich durch die Autos bedrängt. Nimmt der motorisierte Verkehr ab, steigt die Attraktivität, um in der Innenstadt einzukaufen.

Verkehrsplanung ist in Bern praktisch eine Glaubensfrage mit verhärteten Fronten. Kann man als linker Politiker Autofahrern überhaupt noch entgegenkommen?
Aus unserer Sicht sind diese Fronten völlig unnötig. Denn durch die Förderung von Velo und öffentlichem Verkehr würde auch mehr Platz für die Autofahrer entstehen. Es würden alle davon profitieren.

Autofahrer stehen dieser Logik eher skeptisch gegenüber. Wieso diese politischen Gräben?
Das Auto diente lange als Symbol der persönlichen Freiheit. Die Leute haben Angst, dass wir ihnen diese wegnehmen. Darum geht es uns aber nicht, wir wollen nur, dass die Rahmenbedingugen an die geänderten Mobilitätsbedürfnisse angepasst werden und durch die Freiheit der Autofahrenden nicht die Freiheit aller anderen zu stark eingeschränkt wird.


Was halten Sie von diesem Vorhaben? Wie sieht die Situation für Sie aus? Vermissen Sie einen Parkplatz? Oder hat es immer noch zu viel Autos in Ihrem Quartier? Diskutieren Sie mit im «Stadtgespräch»:
stadtgespraech.derbund.ch

Der Bund

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