«Die heutige Jugend ist ziemlich verwöhnt»

Till Ruprecht ist 16 und interessiert sich vor allem für eines: das Posaunespielen. Vor einer unsicheren Zukunft als Künstler fürchtet er sich nicht.

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Angst vor der Zukunft? Das habe er nicht, sagt Till Ruprecht. Und das, obwohl er beileibe keinen Beruf mit klaren Aussichten ausgewählt hat. Der 16-Jährige spielt Posaune und macht an der Swiss Jazz School (SJS) den Vorkurs für das Studium an der Hochschule der Künste (HKB). Für angehende Musiker gibt es vor allem zwei Optionen: Profimusiker zu werden oder Unterricht zu geben. Till würde gerne dereinst vom Musikmachen leben können.

Doch er weiss auch, dass ein Jazz-Abschluss nicht reicht, um Profimusiker zu werden: «Es braucht Glück und die richtigen Kontakte». Und wie beurteilt er seine Aussichten als Musiklehrer? Till differenziert: «Posaune ist ein seltenes Instrument. So wäre ich zwar einer der wenigen Posaunenlehrer – hätte aber sicher auch weniger Schüler.» Für ihn sei es – nachdem er die Bubenträume Postauto- oder Tram-Chauffeur hinter sich gelassen habe – eigentlich immer klar gewesen, dass er Musiker werden wolle.

Wer erwartet, dass ein Musiker ein Exzentriker sein muss, könnte von der Begegnung mit Till enttäuscht sein: Unauffällig gekleidet, mit schwarzen Hosen und einem schwarzen Kapuzenpullover, erscheint er am Treffpunkt vor der Jazzschule am Eigerplatz. Für die kleine Verspätung entschuldigt er sich sofort. Dass die Jugend unanständig sei, hält er für ein ungerechtfertigtes Vorurteil. «Die meisten in meinem Alter sind ganz coole Typen, wenn man sie etwas versteht.»

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Nein, um seine Zukunft macht sich Till nicht grosse Sorgen. Anders seine Eltern: Diese würden sich schon manchmal fragen, wie er mit dem angestrebten Beruf sein Leben finanzieren soll. «Dennoch unterstützen sie mich.» Ganz unschuldig an seiner Leidenschaft sind Tills Eltern nämlich nicht: «Schon als Dreijähriger nahmen sie mich oft mit an Jazzkonzerte.» Die Posaune habe ihm da immer am besten gefallen. Als seine Eltern mit dem fünfjährigen Till in der Musikschule vorsprachen, beschied man ihnen, er sei noch zu jung, um Posaune zu lernen. Ein Jahr später versuchten sie es nochmals. Obwohl Till mit sechs eigentlich immer noch zu jung war, durfte er trotzdem zum Unterricht.

Jazzschule mit Ausnahmebewilligung

Nicht nur Tims Weg in die Musikschule war ungewöhnlich. Auch an die Jazzschule kam er auf einem eigenen Weg: Seine Mitschüler sind fast alle im Gymnasium – so wie es das Reglement der Schule vorschreibt. Ihm hat es für den Gymer nicht gereicht. Doch mit einer Ausnahmebewilligung kann Till die Schule dennoch absolvieren. Jeweils am Morgen arbeitet er beim Klavierhändler Pianoeforte im Breitenrain. Dort macht er ein einjähriges Praktikum als Klavierbauer und -stimmer. Den Nachmittag widmet er meist der Musik, jeweils donnerstags und freitags ist Unterricht. Die Musik ist auch in seiner Freizeit das Wichtigste: Er spielt in wechselnden Jazzformationen. Wenn er nicht Musik macht, geht er öfters Fussball spielen mit seinen Freunden, im Winter gerne mal Ski fahren.

Dass er, ohne das Gymnasium zu absolvieren, an die Jazzschule durfte, ist für Till der Beweis: «Die heutige Jugend ist ziemlich verwöhnt. Nach der Schule steht niemand einfach auf der Strasse.» Es werde für jeden eine Anschlusslösung gesucht. Und dank dem Schweizer Bildungssystem sei es auch jedem möglich, seine Träume früher oder später zu verwirklichen.

Er sei sehr zufrieden, sagt Till, grössere Sorgen gäbe es eigentlich nicht in seinem Leben. Wenn ihn etwas stört, dann ist es, dass die heutige Jugend so stark auf die neuste Technik fokussiert sei. «Wenn man mit jemandem spricht, weiss der oft gar nicht, um was es geht, weil er gerade in das Handy starrt.» Aber er selbst sei da nicht anders. Es sei einfach faszinierend, was man mittlerweile mit dem einen Gerät alles machen könne, von den einfachen SMS bis zum Steuern des Fernsehers. Und nicht zuletzt: Musik. Mit der App Garageband muss Till auch unterwegs nicht auf seine grösste Leidenschaft verzichten. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.01.2016, 07:24 Uhr

Tills Lieblingsvideo auf Youtube

«Irgendeines der vielen Musikvideos von Jacob Collier.»

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#blackboxjugend

Das mit der Jugend ist eine merkwürdige Sache. Früher oder später rutscht man hinein. Und wenn sie überstanden ist, gehört sie für immer der Vergangenheit an. Manche zeigen dann Schwierigkeiten loszulassen, andere sind froh, die Adoleszenzphase endlich abgeschlossen zu haben.

Doch egal, wie die Jugendzeit verbracht wurde, eines bleibt: Erinnerungen. An diesen werden die nachrückenden Generationen unweigerlich gemessen und bewertet. Missverständnisse sind dabei unumgänglich. Egal wie jung geblieben man sich fühlt, der Anschluss an die Jugend ist schnell verloren. Plötzlich versteht man nicht mehr so recht, über was die da reden, man wundert sich über Hobbys und Frisuren. Gleichzeitig geistern vielen noch die glorifizierten Bilder der eigenen Jugend im Kopf herum. Im Vergleich mit der heutigen Jugend tun sich da schnell Gräben und Unverständnis auf.

Um Dinge zu erklären, die vielleicht gar nicht verstanden werden können, wird gerne auf die Statistiken zurückgegriffen. So auch, wenn es um die Jugend geht. Das jährlich erscheinende Jugendbarometer soll zeigen, wie die Jugend so tickt. 2015 war hier beispielsweise zu entnehmen, dass die Jugend eher Nein zu Drogen sagt, Geld auf die Seite legt und Karriere machen will.

Doch wer sind die Menschen hinter den Zahlen? Wie leben sie? Was beschäftigt sie? Und fühlen sie sich überhaupt verstanden? Um einen Einblick in das Leben der heutigen Jugend zu gewinnen, haben wir einen Aufruf gestartet. Menschen zwischen 15 und 20 Jahren aus Bern und Umgebung haben sich gemeldet. Zehn davon haben wir getroffen und mit ihnen über ihren Alltag gesprochen.

Sie sind uns im Video Rede und Antwort gestanden und haben uns einen Einblick in ihr Fotoalbum gewährt. Zehn Tage lang publizieren wir je ein Porträt, welches Sie vielleicht überrascht, womöglich den Kopf schütteln lässt oder ganz einfach nur um ein paar Jahre zurückversetzt.

Das Dossier: www.jugendserie.derbund.ch

Mitreden auf Twitter: #blackboxjugend

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