«Die Gründung des Monti war ein Bauchentscheid»

Johannes Muntwylers Betrieb, der Zirkus Monti, gastiert derzeit auf der Berner Allmend. Ohne Tiere - aber mit viel Atmosphäre.

Johannes Muntwyler ist seit elf Jahren Zirkusdirektor.

Johannes Muntwyler ist seit elf Jahren Zirkusdirektor. Bild: Franziska Rothenbühler

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Der Direktor steht in Galauniform am Zelteingang und nickt den hereinströmenden Gästen zu. Hier und da schüttelt er eine Hand. Nach der Vorstellung steht er im Buffetzelt für einen Schwatz bereit. Die Kinder blicken scheu und staunen. Viel mehr sehen die Gäste des Zirkus Monti nicht von Johannes Muntwyler. Denn seit zwei Jahren tritt der 52-Jährige nicht mehr in der Manege auf. Muntwyler arbeitet im Hintergrund und ist doch der wichtigste Mann im Zirkus. Nun kommt er in Jeans und blauem Polopulli in den Wagen Nummer 1, das Sitzungszimmer. «Das ist unser ältester Wagen», erzählt Muntwyler. Sein Vater habe ihn bei der Zirkusgründung von einem Schausteller gekauft. «Es war eine wilde Zeit.»

Die Clownfamilie Muntwyler

Johannes Muntwyler war damals 20 Jahre alt und Jongleur beim Zirkus Olympia. Sein Vater, ein Lehrer aus dem aargauischen Wohlen, hatte ihn mit seiner Begeisterung für den Zirkus angesteckt. Die Familie Muntwyler war während dreier Jahre im Zirkus Olympia als Clownfamilie aufgetreten. «Die Gründung des Monti war ein Bauchentscheid, nachdem ein anderes Projekt gescheitert war», erzählt Muntwyler. Die Familie habe nur sehr wenig über das Zirkusmachen gewusst. Als das Monti-Zelt wenige Wochen vor der Premiere aus Italien geliefert wurde, gab es keine Aufbauanleitung dazu. «Es war ein Albtraum», sagt Muntwyler heute und lacht. Der Vater organisierte eine Tournee mit beinahe 100 Gastspielen. «Ich weiss nicht, wie er das geschafft hat.» Die Mutter stellte Artisten an und nähte Kostüme, Johannes kümmerte sich um die Fahrzeuge.

«Ein grosser Teil meiner Arbeit hat mit der Vorstellung nur indirekt zu tun.»

Noch heute spritzt er die meisten Fahrzeuge selbst in der Malerwerkstatt des Winterquartiers. Er organisiert die Tournee, entscheidet über Anschaffungen, verhandelt mit Ämtern, kontrolliert Rechnungen, beantwortet Mails. Kurz: Er organisiert zusammen mit seiner Partnerin Armelle Fouqueray, seinem ältesten Sohn Tobias, seiner Mutter Hildegard und einem Kernteam den Zirkus Monti, Montis Variété und die Zeltvermietung. Die beiden jüngeren Söhne Mario und Nicola sind noch in Ausbildung beziehungsweise auf andern Bühnen unterwegs. Der Vater, Guido Muntwyler, ist vor 17 Jahren gestorben. Seit 2005 ist Johannes Direktor im Zirkus Monti.

Kein Ort für tiefgründige Themen

Das Begrüssen der Gäste sei eine der wichtigsten Aufgaben des Direktors, sagt Muntwyler. «Alles andere könnte ich delegieren.» So ganz stimmt dies allerdings nicht. Denn zusammen mit seiner Familie fällt er die wichtigsten Entscheide zum Programm. Täte er das nicht, hätte der Zirkus nicht diesen besonderen Stil, für den er bekannt ist.

Anders als im traditionellen Zirkus bildet die Vorstellung ein Ganzes. Die Artisten inszenieren eine Welt, vermitteln Stimmung und erzählen manchmal eine Geschichte. Die Grenzen des Genres verschwimmen Richtung Theater und Tanz. «Wir wollen etwas Eigenes machen», sagt Muntwyler. Daher habe der Zirkus Monti von Anfang an mit Künstlern zusammen­gearbeitet, die nicht aus der Zirkuswelt kamen. Trotzdem sind für Muntwyler die Grenzen zu Theater oder Tanz klar. «Der Zirkus soll unterhalten.» Er sei nicht der Ort für komplizierte und tiefgründige Themen.

Dem Kreativteam wird Luft gelassen

Um seinem Zirkus die Monti-Handschrift zu geben, wählt Johannes Muntwyler mit seiner Familie die Regisseure des Programms sorgfältig aus. Mehrmals haben sie den inzwischen verstorbenen Clown Dimitri und seine Tochter Masha verpflichtet. Gemeinsam mit der Regie entwickeln Muntwylers ein Konzept, suchen Artisten und Musiker. So stellen sie das sogenannte Kreativteam zusammen. Während dieses das Stück entwickelt und probt, lassen sie es gewähren: «Die Künstler brauchen Luft und Zeit, um zu arbeiten.»

Erst drei Wochen vor der Premiere mischen sich Muntwyler und seine Partnerin Fouqueray – sie ist ebenfalls Artistin – in den künstlerischen Prozess ein. Sie geben Rückmeldung, kritisieren, verlangen Änderungen bis hin zum Streichen einzelner Szenen oder Figuren. «Das ist für die Artisten manchmal schwierig», sagt Muntwyler. Doch nur in sehr seltenen Fällen fänden sie mit den Künstlern keine Einigung.

Das Handy klingelt. Ein Mitarbeiter braucht Anweisungen für die Verhandlung mit einem Vertragspartner. «Ein grosser Teil meiner Arbeit ist das Organisieren und hat mit der Vorstellung nur indirekt zu tun», sagt Muntwyler und lächelt. (Der Bund)

Erstellt: 17.10.2016, 08:27 Uhr

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Von der Lehrer- zur Zirkusfamilie

1985 feierte der Zirkus Monti die erste Premiere. Guido Muntwyler realisierte einen Jugendtraum, als er Ende der 70er Jahre mit seiner Frau Hildegard, Tochter Franziska und den Söhnen Johannes, Nick und Andreas im Zirkus Olympia als Clown auftrat. Nach drei Jahren wollten die Eltern dann nicht wie geplant ins aargauische Wohlen in den Schuldienst zurückkehren, sondern suchten eine Möglichkeit, im Zirkus zu bleiben. Weil die geplante Beteiligung an einem bestehenden Zirkus scheiterte, gründete die Familie einen eigenen.
Johannes Muntwyler, der bereits ausgebildeter Artist war und in diversen Zirkusbetrieben Erfahrung gesammelt hatte, unterstützte die Eltern von Anfang an. 1999 starb Guido Muntwyler alias Clown Monti mit 67 Jahren. Johannes führte den Zirkus zusammen mit Mutter Hildegard und den Brüdern Niklaus und Andreas weiter. 2005 stiegen diese aus: Niklaus arbeitet als Tierlehrer, Andreas ist Seiltänzer und führt im Zirkus des Bruders ab und zu Regie. Seit 2011 verzichtet der Zirkus Monti auf Tiere. (nj)

Monti gastiert bis nächsten Sonntag auf der Berner Allmend; www.monti.ch

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