«Die grosse Mehrheit hier lehnt Gewalt ab»

Laut Ex-Stadtpräsident Klaus Baumgartner (SP) haben viele Bewohner Oberbottigens den Eindruck, die Stadt schiebe ihre Problemfälle in den Westen ab. Daher gebe es Sympathien für die jungen Männer, die mit Gewalt gegen die Hausbesetzer vorgegangen sind.

Rechtlich gibt es noch keine Zone für alternatives Wohnen in Riedbach.

Rechtlich gibt es noch keine Zone für alternatives Wohnen in Riedbach.

(Bild: Adrian Moser)

Bernhard Ott@Ott_Bernhard

Der Angriff «SVP-naher, aufrechter Bauernsöhne» auf die Bewohner eines besetzten Hauses in Matzenried stiess in Oberbottigen auf offene Sympathie (der «Bund» berichtete). «Das Haus wurde illegal besetzt und illegal geräumt», sagt der Niederbottiger Grossrat Thomas Fuchs (SVP). Für einmal sei er sich mit seiner einstigen parteiinternen Widersacherin Ursula Begert einig. Die Ex-Gemeinderätin hatte vermutet, dass die Angreifer nach dem Ja des Volkes zur Zone für alternatives Wohnen weiteren Bestrebungen dieser Art einen Riegel schieben wollten.

«Bloss mit dem Säbel gerasselt»

Auch beim Oberbottiger EVP-Stadtrat Matthias Stürmer stossen die jungen Angreifer auf ein gewisses Verständnis. Laut der Berichterstattung in der Presse hätten die jungen Männer «bloss mit dem Säbel gerasselt». Ob sie tatsächlich mit Schlagstöcken auf die Besetzer eingeschlagen haben, sei nicht erwiesen. Auch sei es «lächerlich», sich über allfällige Naziallüren der Angreifer zu empören, wenn im Umfeld der Reitschule ebenfalls regelmässig zu Gewalt aufgerufen werde. Sowohl die Hausbesetzung als auch die Reaktionen darauf hätten ihn überrascht, sagt Stürmer. «Ich habe ein völlig neues Quartier kennen gelernt.» Er sei überzeugt, dass es sich beim Überfall auf das besetzte Haus um einen Einzelfall gehandelt habe. «Es gibt nicht einmal einen Dorfplatz, geschweige denn eine krasse Dorfjugend. Hier ist weniger als nichts los», sagt Stürmer.

Gefühle der Benachteiligung

Falls es trotz der Einsprachen tatsächlich zur Einrichtung einer alternativen Wohnzone in Riedbach kommen sollte, müsse man aber mit «Reibungsflächen» rechnen, sagen sowohl Fuchs als auch Stürmer. Auch der einstige Berner Stadtpräsident und Oberbottiger Klaus Baumgartner (SP) geht davon aus, dass es zwischen der Reaktion einiger junger Dorfbewohner auf die Hausbesetzung und der zu erwartenden Reaktionen auf die Einrichtung der Zone in Riedbach Parallelen geben könnte. Er wolle sich eigentlich nicht mehr zu politischen Fragen äussern und lebe für Oberbottiger Verhältnisse noch nicht lange im Dorf, sagt Baumgartner. «Erst vor dreizehn Jahren zog ich mit meiner Frau hierher.» Aber im ländlichen Westen gebe es eine gewisse Skepsis gegenüber der Stadt. «Viele Leute haben den Eindruck, dass die Stadt ihre ungelösten Problemfälle in den Westen abschiebt.» So werde die Zone für alternatives Wohnen ja nicht der erste Standplatz im Westen sein, befinde sich der Standplatz der Schweizer Fahrenden doch schon seit jeher im Weiler Buech.

Auf der Basis dieser Gefühlslage gebe es eine gewisse Sympathie für junge Menschen, die sich wehrten. «Die grosse Mehrheit in Oberbottigen lehnt Gewalt und Selbstjustiz ab. Sie lehnt aber ebenso das gewaltsame Eindringen in leer stehende Häuser zwecks Besetzung ab.» In diesem Sinne gebe es nicht nur Sympathien für die jungen Angreifer, sagt Baumgartner. «Es wird auch begrüsst, dass die Staatsanwaltschaft Bern-Mittelland nun eine Untersuchung gegen die unbekannten Gewalttäter wegen Nötigung eingeleitet hat.»

«Vielleicht ein Vorgeschmack»

Laut EVP-Stadtrat Stürmer ist der Überfall auf das besetzte Haus «vielleicht ein Vorgeschmack» auf die Spannungen, die es nach dem Bezug der Zone für alternatives Wohnen geben könnte. Einige Junge würden «angestachelt durch ein SVP-lastiges Elternhaus» und seien empfänglich für die Propaganda eines Thomas Fuchs, der «Gefühle der Benachteiligung bewirtschaftet». Die Verunsicherung unter den Bewohnern im ländlichen Westen sei jedenfalls gross, da sich der Gemeinderat bis heute um die Ausarbeitung eines Nutzungsreglementes für die Zone gedrückt habe. Der Standplatz für alternative Wohnformen sei zu klein, mit Konflikten wegen Lärm und Littering müsse gerechnet werden. «Das Projekt war von Anfang an nicht durchdacht.» Die Stadt habe einen abgelegenen Platz für die Stadtnomaden gesucht – und sei vom Ja des Volkes offensichtlich überrascht worden, sagt Stürmer.

Der Bund

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