Die grosse Eisschmelze

Hintergrund

Moränenwälle zeugen im Hinteren Lauterbrunnental von früheren Hochständen der Gletscher und führen vor Augen, dass das Eis seit 1850 stark geschwunden ist.

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Anita Bachmann@anita_bachmann

Andreas Wipf ist im Hinteren Lauterbrunnental ein bekanntes Gesicht. Beim Berggasthaus Tschingelhorn erkennt ihn ein Gast an einem der Tische, die am Wanderweg stehen: «Wachsen sie wieder?», fragt der Einheimische. «Mindestens für die nächsten 10 bis 20 Jahre bin ich nicht optimistisch», entgegnet Wipf. Die Rede ist von den Gletschern, die im Hinteren Lauterbrunnental Tschingel-, Wetterlücken-, Breithorn-, Hindre und Vordre Schmadrigletscher heissen. Seit über 20 Jahren schmelzen sie – und zahlreiche andere Gletscher rund um den Globus – aufgrund steigender Temperaturen stetig. Mehr oder weniger stark, je nachdem, wie hoch und in welcher Exposition sie liegen, wie gross und wie hoch hinauf ihr Einzugsgebiet reicht und wie die Topografie beschaffen ist. Wenn sich die Gleichgewichtslinie, die Grenze zwischen Nähr- und Zehrgebiet eines Gletschers, immer weiter nach oben verschiebt, verliert er zusehends an Masse – wird kürzer und dünner, Jahr für Jahr.

Klimawandel für alle erlebbar

Für solch rasch ablaufende, gut sichtbare Veränderungen will das Buch «Gletscher der Schweiz» sensibilisieren. Der fortschreitende Gletscherschwund mache den aktuellen Klimawandel für alle erleb- und nachvollziehbar, schreiben Andreas Wipf und Christoph Käsermann im Vorwort ihres Buchs, das Wandervorschläge zu Eisströmen in den Kantonen Bern, Wallis und Waadt enthält. Eine der Touren führt ins Hintere Lauterbrunnental, das Wipf, der sein Geografiestudium vor zwei Jahrzehnten mit einer gletschergeschichtlichen Forschungsarbeit abgeschlossen hat, eingehend studiert hat. Mehrere Sommer lebte er während des Studiums in der einfachen Schmadrihütte. Seither kehrt er einmal pro Jahr zurück, um von einigen Standorten aus Vergleichsfotos von den Gletschern zu machen.

Jetzt steht Wipf auf einem Felsblock auf der Alp Obersteinberg, neben weidenden Schafen. 1991 hat er von hier aus eine Vergleichsaufnahme zu einem über 100-jährigen Schwarzweissfoto vom Wetterlückengletscher gemacht. «In den letzten 20 Jahren ist er wieder um einiges kleiner geworden», sagt er. Die Tannen sind gewachsen und verdecken die Sicht auf den Gletscher. Am Vordre Schmadrigletscher sind die Veränderungen noch augenfälliger: Er hat sich über eine Felsstufe zurückgezogen und den untersten Teil seiner Zunge verloren.

Zeugen früherer Hochstände

Um Prognosen über die Zukunft der Gletscher machen zu können, sei es wichtig, die Bandbreite vergangener Gletscherschwankungen und der verursachenden Klimaveränderungen zu kennen, sagt Wipf. Nach der letzten Eiszeit schmolzen die Gletscher in die Alpentäler zurück – unterbrochen von Zwischenhalten und Wiedervorstössen. Deren Spuren sind im Hinteren Lauterbrunnental von blossem Auge zu sehen: Viele unterschiedlich hohe und zum Teil bewachsene Moränenwälle zeugen von früheren Hochständen der Gletscher. «So gut, wie man das hier sieht, ist das im Alpenraum einmalig», sagt Wipf.

Am Horizont ragt die 1850er-Moräne des Tschingelgletschers auf. Die Jahreszahl steht für den letzten Gletscherhochstand, eine der grössten Ausdehnungen in den vergangenen 11'500 Jahren. Eine wichtige Marke in der jüngeren Gletschergeschichte: Seither sind die Eismassen stark geschmolzen. Für das Schweizerische Gletscherinventar wurden die Ausdehnungen von 1850 rekonstruiert, für die Gletscher im Hinteren Lauterbrunnental von Andreas Wipf. Dazu dienten ihm historische Fotografien, Werke von Landschaftsmalern, die in jener Zeit entstandene Dufourkarte, das erste amtliche Kartenwerk der Schweiz, und aktuelle Luftaufnahmen.

Das Alter der Wälle

Neben den Moränen von 1850 erheben sich ältere Wälle. Deren Alter lässt sich mit der Radiokarbonmethode bestimmen, ein Verfahren, das auf dem Zerfallsgesetz radioaktiver Kohlenstoffe basiert. Um an fossile Böden zu gelangen, Erde, die sich in einer eisfreien Periode auf dem Wall gebildet hatte, grub Wipf metertiefe Löcher. So konnte er nachweisen, dass es neben dem 1850er-Wall einen ähnlich grossen gibt, der vor 3000 Jahren entstand. Auch eine Reihe anderer Wälle konnte datiert werden: Zeugen von Minivorstössen – einem Zucken der Gletscher – sind mehrere bis vier Meter hohe Steinwälle, die sich um 1880/90, 1920/30 und 1970/80 bildeten.

Mit der Radiokarbonmethode lässt sich auch das Alter von Holz bestimmen, das einige Gletscher nun auf dem Rückzug freigeben. Holz bedeutet, dass dort einmal Bäume wuchsen und die Gegend über längere Zeit eisfrei war. Man dürfe sich aber nicht damit trösten, dass die Gletscher schon einmal kleiner waren als heute, sagt Wipf. Denn aufgrund aktueller Klimaszenarien sei nicht zu erwarten, dass die Gletscher in den nächsten Jahrzehnten wieder wüchsen. Im Gegenteil.

Die Gletscher rauschen ins Tal

Die Gletscher sind Andreas Wipfs zweite Heimat – und er schwankt zwischen Bewunderung für ihre Schönheit und Bedauern über ihr Schwinden. «Es ist ein trauriges Bild», sagt er auf der grossen Mittelmoräne, die der Wetterlücken- und der Tschingelgletscher formten, als alle fünf Gletscher der Gegend noch eine zusammenhängende Eisfläche bildeten.

Schlecht steht es auch um den Oberhornsee, einen kleinen moränenumrahmten See, der früher vom Schmelzwasser des Breithorngletschers gespeist wurde. «Ein Anziehungspunkt», wie Wipf sagt. Weil sich dieser Gletscher stark zurückgezogen hat, entwässert er heute nur noch via Schmadribach: Der Oberhornsee droht auszutrocknen.

Die schmelzenden Gletscher bringen auch Gefahren mit sich. Vom Hubelgletscher im Hinteren Lauterbrunnental zum Beispiel floss vor sieben Jahren unvermittelt unterirdisch gestautes Gletscherwasser aus, löste einen Murgang aus und liess die Tschingellütschine über die Ufer treten.

Auf der Oberhornmoräne, dem höchsten Punkt der Rundwanderung, ist endlich auch der flache Tschingelgletscher zu sehen. Er hat seit 1850 mehr als zwei Kilometer an Länge verloren. Nach der Abzweigung Schmadrihütte geht es nur noch bergab und auf geländerlosen Holzstegen über zahlreiche Bäche, deren Farbe milchig grau ist. Sie führen an diesem warmen Herbsttag viel Schmelzwasser – die Gletscher rauschen ins Tal. Klimaszenarien für die Schweiz, Seite 40

Der Bund

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