Die gottlose Strophe sorgt für Zorn

An der 1.-August-Feier der Stadt Bern wird eine alternative Landeshymne gesungen. Traditionalisten empören sich.

In Bern ist ein Hymnenstreit entbrannt.

In Bern ist ein Hymnenstreit entbrannt.

(Bild: Valérie Chételat)

Martin Erdmann@M_Erdmann

Eigentlich könnte man meinen, dass der 1. August für Erich Hess ein Tag der Freude ist. Doch im Hinblick auf die diesjährigen Feierlichkeiten der Stadt Bern auf dem Münsterplatz wird der SVP-Nationalrat vom Zorn ergriffen. Der Grund liegt in der dritten Strophe der Landeshymne, die im Plenum gesungen werden soll. Diese entspringt nämlich nicht der Originalfassung, sondern wurde durch eine neue Version der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG) ersetzt. «Es ist eine absolute Frechheit, was sich die Stadt erlaubt», sagt Hess.

Die SGG, die unter anderem das Rütli verwaltet, hat 2014 einen Wettbewerb angeregt, um eine zeitgenössische Nationalhymne zu schaffen. Anstatt Gott und Vaterland wird darin die Bundesverfassung gelobpreist. Beispiel:

Freiheit, Unabhängigkeit, Frieden. Offen für die Welt, in der wir leben, woll'n wir nach Gerechtigkeit streben.

Hess stört sich daran, dass am Schweizerpsalm herumgeschraubt wird. Dass die Religion darin keinen Platz findet, ist ihm aber besonders ein Dorn im Auge. «Wir sind ein christlich-abendländisches Land, in dem die Mehrheit Weihnachten und Ostern feiert.» Hess werde die städtische Feier zwar nicht boykottieren, doch bei der dritten Strophe werde er das Zelt verlassen. «Das singe ich auf keinen Fall.»

Schweiz vorerst gerettet

Für EVP-Grossrat Ruedi Löffel ist der Schweizerpsalm eine Herzensangelegenheit. «Er löst in mir grosse Emotionen aus.» Textliche Änderungen findet er unnötig. «Es ist nicht unbedingt schlecht, an Traditionen festzuhalten.» Ihn schmerzt es, dass in der SGG-Version der «Schöpfergott» aussen vor bleibt. «Es ist schade, dass man sich immer weniger an Gott wendet. Vermutlich ist das ein Ausdruck davon, dass es uns einfach zu gut geht.»

Letztendlich solle jedoch das Volk entscheiden, was es singen wolle. Würde es ihn befremden, wenn die neue Version plötzlich zur offiziellen Fassung gekürt werden würde? «Bestimmt. Doch schlussendlich wird dadurch nicht der Untergang der Schweiz ausgelöst.»

Für wenige wichtig

Die SGG hat sich vor der Bundesfeier schriftlich an sämtliche Schweizer Gemeinden gewendet, mit der Bitte, ihre Version zu singen. In Bern stiess man damit auf offene Ohren. «Ich habe die Idee mit den Zuständigen der Stadt und der Musikschule besprochen. Es gab keine Einwände», sagt Stadtratspräsident und Feierverantwortlicher Thomas Göttin (SP). Man dürfe eine Debatte über Wert und Inhalt der Landeshymne führen.

Wie gut kennen Sie die Nationalhymne?

Ist es nicht etwas mutlos, den neuen Teil in der dritten Strophe zu verstecken? Göttin winkt ab. Das habe praktische Gründe, sagt er. «Wir wollen mit der Strophe starten, die alle kennen und mitsingen können.» Sattelfeste Hymnensänger gäbe es jedoch nicht viele. «Die Hymne ist für ein paar wenige sicher sehr wichtig, für viele wohl aber nicht so sehr.»

Künftig kann sich Göttin vorstellen, die inoffizielle Hymne als Ergänzung beizubehalten. «Aber das werden künftige Stadtratspräsidenten entscheiden.»

Nicht mehr zeitgemäss

SGG-Geschäftsleiter Lukas Niederberger wundert es nicht, dass der vorgeschlagene neue Hymnentext in Bern gesungen wird. «Die Stadt verfügt über eine offene Regierung, die den Diskurs zulässt.» Wie viele Gemeinden dem Berner Beispiel folgen werden, kann er nicht sagen. Dafür findet er für die Notwendigkeit der textlichen Erneuerungen klare Worte. «In unserer religionsneutralen Gesellschaft ist es problematisch, einen Psalm, also einen religiösen Text, als Landeshymne zu haben.»

Zudem seien darin vorkommende Wörter wie Strahlenmeer oder Alpenfirn in der Alltagssprache nicht mehr anzutreffen. «Mit dem neuen Text kann sich die grosse Mehrheit der Bevölkerung identifizieren.»

So klingt die Version der SGG:

DerBund.ch/Newsnet

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