«Die Geschichte Chinas fand auf dem Rücken der Frauen statt»

Xiaolu Guo hat das China ihrer Kindheit als eine Welt der Gewalt erlebt. Doch auch der Westen hat sie enttäuscht.

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Frau Guo, China könnte mit Xi Jinping wieder einen neuen Präsidenten auf Lebenszeit, den ersten seit Mao Zedong. Wiederholt sich die Geschichte?
Es ist sehr enttäuschend, dass das erneut passiert. Viele hatten die Hoffnung, dass Xi Jinping es nicht nötig haben würde, sich durch eine Verfassungsänderung unsterblich zu machen.

Immerhin ist das China von heute eine nicht ganz so arge Diktatur wie es dies zur Zeit Maos war.
Ich mag den Begriff «Diktatur» nicht, weil er zu reduktionistisch ist. Er wird heute auf jedes System angewendet, das nicht den westlichen Vorstellungen einer liberalen Demokratie entspricht.

Wie würden Sie das chinesische System denn beschreiben?
Ich kann es nicht beschreiben. Ich bin nur eine kleine Schriftstellerin und mir fehlt das Vokabular dafür. Ich will nicht etwas derart Komplexes wie das System in China in zwei Sätzen beschreiben.

Im Westen hat man lange gedacht, dass der freie Markt automatisch zur Demokratie und zur Achtung der Menschenrechte in China führen würde. Warum ist das nicht eingetroffen?
Was heisst denn freier Markt? Wo gibt es den freien Markt? In den USA? Dort gibt es eine Form von Nationalkapitalismus. In einem kleinen Dorf in Süditalien? In der Stadt Bern? – Nein. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie eine freie Marktwirtschaft erlebt, weder in China noch in den USA noch in Europa. Die Idee des freien Marktes ist eine komplette Illusion. Und was heisst Demokratie? Welche Demokratie, in welchem Land? Vielleicht ist die Demokratie in der Schweiz ja derart toll, dass ich sie kennen lernen müsste. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich will nicht nihilistisch sein. Aber diese Begriffe sind derart übernutzt und missbraucht, dass ich fast eine Allergie dagegen entwickelt habe.

Reden wir über Menschenrechte. Warum werden diese in China bis heute nicht geachtet?
In Bezug auf die Menschenrechte hat das heutige China im Vergleich mit der Zeit der Kulturrevolution, der Zeit von Maos Machtergreifung oder der Kaiserzeit eine grosse Entwicklung hinter sich. Natürlich werden auch heute die Menschenrechte nur wenig beachtet. Ich bin politisch sehr engagiert und habe mich oft zu diesen Fragen geäussert. Aber ich bin dabei auch vorsichtig geworden. Wer in Sachen China die Sprache des Kalten Krieges benutzt, wird im Westen gelobt. Wenn man sich dieser Sprache verweigert, erntet man hingegen Skepsis und Zweifel.

Ist das der Grund dafür, dass Sie mit «Es war einmal im Fernen Osten» ein sehr persönliches Buch geschrieben haben und kein Buch über China?
Das Buch ist persönlich, aber es ist zugleich auch ein Buch über das kollektive Bewusstsein in China in den letzten drei Jahrzehnten. Die Kultur in Ostasien ist nicht individualistisch. Das Buch zeigt mein kleines Leben im Ozean der kollektivistischen Erfahrung. Alle, die in den frühen Siebzigerjahren in China geboren wurden, haben ähnliche Erfahrungen wie ich gemacht. Sie könnten meinen Namen durch andere ersetzen.

Sie haben als Mädchen westliche Literatur verschlungen und als Filmstudentin die westlichen Arthouse-Regisseure bewundert. Warum waren Sie derart enttäuscht, als Sie im Westen lebten?
Das Bild des Westens in China ist durch US-amerikanische Serien geprägt, die ein wohlhabendes Mittelklasseleben vermitteln. Mein Bild des Westens wurde geprägt durch die amerikanische Beatnik-Literatur, durch Autoren wie Allen Ginsberg und Jack Kerouac.

Diese Autoren haben Hymnen auf den westlichen Individualismus geschrieben.
Absolut. Ich war fasziniert davon. Die Generation meiner Eltern war unfähig, über ihre persönlichen Anliegen zu sprechen, weil es offiziell keine persönlichen Anliegen gab. Meine Generation war auf der Suche nach Authentizität, nach einer eigenen Sprache, die sich von der omnipräsenten Sprache der Ideologie des Staates unterschied. Dabei fand ich Vorbilder nicht nur in den USA, sondern auch bei den französischen Autoren der Epoche wie Simone de Beauvoir, Jean-Claude Sartre, Marguerite Duras. So hat sich mein Bild des Westens gebildet. Gelandet bin ich aber schliesslich in Grossbritannien, wo es nicht einmal anständigen Kaffee gab, sondern nur bitteren, englischen Breakfast-Tee. Ich brauchte Jahre, um dort meine eigene Sprache zu finden.

Und diese Sprache war zufällig Englisch.
Ich wurde englischsprachig. Es ist eigenartig. Ich bin gebürtige Chinesin, Bürgerin des Vereinigten Königreiches und Europäerin im Geist.

Denken Sie auf Englisch?
Das hängt vom Ort ab, an dem ich mich befinde. Wenn ich in Europa bin, denke ich auf Englisch. In China verbalisiere ich meine Gedanken auf Chinesisch – aber auch das hängt vom Ort ab. Bin ich in meiner Heimatprovinz Szechuan, denke ich im dortigen Dialekt, der sich stark vom Mandarin Pekings unterscheidet.

Kehren Sie gelegentlich noch nach China zurück?
Bis zum Tod meiner Eltern vor vier Jahren habe ich jeweils drei bis vier Monate pro Jahr in China verbracht. Seither gehe ich weniger oft dorthin zurück. Europa ist meine Heimat.

Wurden Ihre Werke auf Chinesisch übersetzt?
Die letzten drei, vier Titel sind in geringer Auflage in Taiwan erschienen. In China selber dürfen meine Bücher nicht publiziert oder verkauft werden. Beim neuen Buch «Es war einmal im Fernen Osten» wollte ich selber, dass es nicht auf Chinesisch übersetzt wird, weil einige Figuren noch am Leben sind.

Haben Sie Bedenken wegen Ihres Bruders, der noch in China lebt?
Mein Bruder kann kein Englisch. Ich weiss nicht, ob er es überhaupt lesen würde oder ob er sehr verärgert wäre. Wir sind «kalte Menschen».

Sie beschreiben einen «harten Kern» in Ihrem Innern, der sich bereits während Ihrer lieblosen Kindheit gebildet hat.
Genau. Mein Bruder und ich sind eigentlich sehr sentimental, haben aber Angst vor Sentimentalitäten und verstecken unsere Gefühle.

Ihre Mutter war Revolutionsgardistin. Sie hatte ein «Herz aus Stein». Sie wurden weggegeben, geschlagen und von Fremden vergewaltigt. Waren dies die Ursachen zur Bildung des «harten Kerns»?
Letztlich war es wohl mein bäuerlicher Geist, der mich gerettet hat. Chinesische Bauern überstehen alle Taifune. Sie fangen immer wieder von vorne an mit säen. Bauern sind praktisch veranlagt und resilient. Überall, wo ich bin, versuche ich, Wurzeln zu schlagen und neu zu starten. Der ursprüngliche Titel meines neuen Buches lautete denn auch «Eine globale Bäuerin». Ich bin immer eine Bäuerin geblieben – bis hin zum Essen und anderen alltäglichen Dingen.

Sie beschreiben das Leben als Frau in China als «Fluch».
Vor Maos Tod war die Gleichberechtigung der Frau Teil der Ideologie. Gleichzeitig wurden aber Frauen prämiert, die zehn oder zwölf Kinder auf die Welt brachten. Meine Grossmutter mütterlicherseits hatte eine Medaille als «Heldenmutter», weil sie zwölf Kinder hatte. Dieselben Mütter mussten meist harte Arbeit in den Fabriken verrichten. Die Belastung dieser Frauen war immens. Nach Maos Tod wurde die Ein-Kind-Politik verkündet und Abtreibungen wurden zur Normalität, weil es auch keine systematische Verhütung gab. Die moderne Geschichte Chinas fand auf dem Rücken der Frauen statt. Die Frauen waren das Demonstrationsobjekt staatlicher Ambitionen.

Sie selber wollten nie Mutter werden. Nun haben Sie eine fünfjährige Tochter. Was hat Ihre Einstellung geändert?
Wenn ich in China geblieben wäre, hätte ich wohl nie ein Kind gehabt. Ich gehöre nicht zu jenen Frauen, für welche die Kinderlosigkeit ein Unglück oder ein bewusster Entscheid ist. Die Kinderfrage ist für mich keine ideologische Frage. Vor einigen Jahren hatte mir eine deutsche Hardcore-Feministin in einer Bar gesagt, ich würde denselben Fehler machen wie die deutschen Feministinnen, wenn ich ein Kind gebären würde. Ich hatte vorher nie darüber nachgedacht, ob ich Feministin bin oder nicht. Für mich war eines Tages einfach völlig klar, dass ich ein Kind haben wollte. Ich kann mich noch genau an die Woche erinnern, in der mir es bewusst wurde.

Hat das Kind Ihr Leben verändert?
Das würde ich so nicht sagen. Aber meine Tochter hat die Einstellung zu meiner Arbeit als Schriftstellerin verändert. Heute sehe ich das künstlerische oder kommerzielle Scheitern eines meiner Bücher nicht mehr als das Ende der Welt an. Ich kann ja wieder ein neues Buch schreiben. Aber wenn ein Kind stirbt, ist es endgültig.

Sie haben drei Leben gelebt: in der Zeit der Kulturrevolution, in der Epoche der Wirtschaftsreformen und schliesslich im Westen. Welches hat Sie am meisten geprägt?
Die ersten Jahre des Lebens sind doch die wichtigsten, nicht wahr? Ich wuchs bis zum siebten Lebensjahr in einem feudalistisch-barbarischen Umfeld auf, in einer Welt der Gewalt, ohne Eltern, ohne Liebe. Meine Tochter führt ein völlig anderes Leben. Auch mein Leben im Westen unterscheidet sich von ihrem: Ich führe das Leben einer Migrantin der ersten Generation, habe Jahre mit dem Erlernen der Sprache und mit Warten in den Büros von Immigrationsbehörden verbracht. Meine Tochter wächst in London in einem wohlhabenden Umfeld auf. Wir leben in völlig unterschiedlichen Welten, auch weil ich relativ alt Mutter wurde.

Möchten Sie etwas von Ihrem «bäuerlichen Geist» an Ihre Tochter weitergeben?
Ich würde das ja gerne tun, aber sie wächst in einer anderen Kultur auf. Ich liebe zum Beispiel chinesische Gerichte mit Reisnudeln. Sie hätte diese Gerichte aber gerne im Ofen überbacken. Für mich war es nicht wichtig zu wissen, ob unsere Wohnung einen Backofen hat. Fürs Kochen brauche ich nur einen Wok. Ein weiterer Punkt sind die Süssigkeiten: Meine Tochter kommt in der Schule ständig in Kontakt mit Süssigkeiten wie Kuchen und Pudding. Sie fragt mich immer wieder, warum wir zu Hause keine Süssigkeiten essen oder warum es nie ein Cake mit Schokoladenguss gibt. Ich bin aber allergisch auf Kuchen mit Schokolade und auf Milchprodukte.

Spricht Ihre Tochter Chinesisch?
Sie versteht mich, wenn ich mit ihr Chinesisch spreche. Aber sie antwortet mir nie, weil sie Chinesisch als künstlich empfindet. Kein anderer Mensch in ihrem Umfeld spricht Chinesisch. Ich denke, dass der Einfluss des Umfelds bei ihr auf die Dauer stärker sein wird. Die Macht kommerzieller Interessen im Westen ist gewaltig: Weihnachtsgeschenke, Prinzessinnen, Ostereier. Meine Tochter ist ein Produkt dieser Welt. Es ist sehr schwierig, dem etwas entgegenzusetzen.

Von kommerzieller Macht vereinnahmt wurde auch die chinesische Kunstszene der frühen Neunzigerjahre, deren Werke heute ein Vermögen wert sind. Im Buch schildern Sie aber eine absurde Szene von Freaks am Rande Pekings.
Mein Vater war ein offizieller Maler. Er malte vor allem schöne Naturszenen. Die Kunstszene in Peking war aber Punk, ein Aufstand des Individualismus. Auch die Musik war provokativ und hässlich. Zuerst habe ich diese Hässlichkeit gehasst. Aber je mehr ich von dieser Kunst sah oder hörte, desto besser fand ich sie.

Im Buch wirkt die Untergrundszene aber weniger authentisch als irgendwie clownesk.
China ist eines der letzten Länder der Welt, das modernisiert wurde. Jede moderne chinesische Kunst der letzten dreissig Jahre basiert auf der Imitation westlicher Vorbilder. Es ging um Provokation. Und die beschriebenen Nackt-Performances auf der chinesischen Mauer zum Beispiel waren der direkteste und rascheste Ausdruck von Provokation. Erst später gab es Installationen. Der im Westen berühmte Ai Weiwei ging als junger Künstler nach New York und brachte verfeinerte westliche Kunstvorstellungen nach China zurück.

Sie beschreiben einen Schweizer Kunsthändler, der damals die Werke dieser Szene aufgekauft hat. Ist das der einstige Schweizer Botschafter Uli Sigg?
Das könnte sein. Aber damals waren nicht nur Kunsthändler aus der Schweiz in Peking aktiv, sondern auch welche aus Deutschland und den USA. (Der Bund)

Erstellt: 14.04.2018, 07:59 Uhr

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