Die friedliche Revolte der Engel

Der Verein Ressourcenengel sagt der Wegwerfgesellschaft den Kampf an. Er will nicht nur Lebensmittel aus Containern retten, sondern auch leerstehenden Immobilien neues Leben einhauchen.

Der Verein Ressourcenengel hat sich in der Rathausgasse 64 eingenistet - illegal.

Der Verein Ressourcenengel hat sich in der Rathausgasse 64 eingenistet - illegal.

(Bild: Adrian Moser)

Martin Erdmann@M_Erdmann

Seit Jahren steht die Liegenschaft an der Rathausgasse 64 leer. Vorher wurde dort zonenwidrig ein Bordell betrieben, seither wartet das heruntergekommene Gebäude auf eine Sanierung, deren Zeitpunkt noch in den Sternen steht. Umso mehr überrascht es, dass das Parterre plötzlich frisch gestrichen und gereinigt daherkommt. Da waren Engel am Werk – die Ressourcenengel. Hier wollen sie sich einquartieren.

Ressourcenengel ist ein Verein, der sich für die Erhaltung und Nutzung von vorhandenen Ressourcen einsetzt. «In dieser Sache muss man sich selber organisieren. Wir sehen uns als Gegengewicht zur Wirtschaftselite», sagt Gründungsmitglied Frederik Rechsteiner. Für den Berufsmusiker sind das nicht einfach leere Worte. Während vier Jahren hat er sich ausschliesslich von Lebensmitteln ernährt, die er aus Abfallcontainern verschiedener Lebensmittelläden gefischt hat.

Fleisch für das Feuer

Wenn Rechsteiner erzählt, was er auf seinen Containertouren alles gefunden hat, dann tut er dies mit einer Mischung aus Verwunderung und Wut. «Ich stiess einmal auf eine Box gefüllt mit gefrorenem Fleisch. Sie war mit ‹zum Verbrennen ›beschriftet. Das ist doch Wahnsinn!»

Es sind solche Beispiele, wegen denen Rechsteiner den Kampf gegen Lebensmittelverschwendung in die eigene Hand nimmt. Aus der Politik erwartet er keine Hilfe. «Da nennen sich Politiker immer bodenständig, doch sie schauen nicht einmal, dass Kartoffeln aus der Schweiz verwendet, statt aus dem Ausland importiert werden.»

Bio für wenig Geld

Ressourcenengel-Mitglied Nicole Andexer arbeitet vollzeitlich in einem Restaurant. Auch in ihrer Freizeit bringt sie Lebensmittel unter die Leute – solche, die in den Läden niemand will. «Wenn Gemüse formal nicht der Norm entspricht, dann wird es nicht mehr gekauft, obwohl es von gleicher Qualität ist wie Normgemüse», sagt Andexer.

Letzten Monat zog sie mehrmals mit einem Leiterwagen, gefüllt mit ebensolchem Gemüse, durch die Berner Altstadt, um es den Passanten zu verkaufen. Der Preis sei dabei Nebensache. «Alle können so viel zahlen, wie ihnen das Gemüse wert ist. Auch Menschen mit wenig Geld sollen die Möglichkeit haben, Biogemüse zu kaufen.» Die Aktion kam an. Selbst Stadtpräsident Alexander Tschäppät konnte Andexer zu ihren Kunden zählen. «Er kaufte rund 20 kleine Kartoffeln für fünf Franken.»

Tschäppät, der Kartoffelkäufer

Wenn Anderex den Leuten erzählt, dass dieses Gemüse normalerweise verbrannt wird, um Biogas zu erhalten oder von den Bauern in der Erde gelassen wird und dort langsam verdirbt, können das diese kaum glauben. Dabei handle es sich nicht um kleine Mengen. Von ihrem Lieferanten könnte sie pro Woche zwei Tonnen Gemüse beziehen, das es wegen optischer Makel nicht in den Verkauf schafft. «Eigentlich dürfte das gar nicht weitergegeben werden. Oft werden die Produzenten von den Lebensmittelkonzernen mit Verträgen geknebelt.»

Andexer sieht Aufklärungsarbeit als wichtigen Punkt, um Lebensmittelverschwendung zu verhindern. «Viele Menschen haben keine Ahnung, wie verschwenderisch in der Lebensmittelproduktion gearbeitet wird.» Das liege daran, dass viele Leute neben der Arbeit gar keine Zeit hätten, um sich damit auseinanderzusetzen.

Engel in der gesetzlichen Grauzone

Zurück an der Rathausgasse 64. Hier soll der Hauptsitz des erst rund einen Monat alten Vereins entstehen. Stefan Theiler, Besitzer des DVD-Verleih Dr. Strangelove, ist ebenfalls Mitglied bei den Ressourcenengeln. Ihm schweben einige Ideen vor, wie das frisch gestrichene Parterre künftig genutzt werden könnte. «Wir planen Filmabende, Volksküche, eine Bibliothek und sogar einen Bioladen.» Auf jeden Fall solle der Raum aber für alle offen stehen.

Diese Pläne könnten jedoch schnell in sich zusammenfallen. Denn ein Nutzungsvertrag mit der Axpel AG, Besitzerin der Liegenschaft, besteht nicht. Von einer Besetzung wollen die Engel jedoch nicht sprechen. «Dieser Begriff gibt es bei uns nicht. Wir sprechen von einer modernen Nutzung», sagt Andexer.

Man sei sich aber schon bewusst, dass man sich in einer «gesetzlichen Grauzone» bewege. «Ich sehe das ganze Projekt als friedliche Revolution. Wir schaden niemandem und nehmen niemandem etwas weg», sagt Andexer. Es gehe nur darum, Möglichkeiten zu nutzen.

DerBund.ch/Newsnet

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