Die Freiwilligenarbeit in Berns alter Feuerwehrkaserne rollt an

Das breite Interesse hatte die Zentrumsleitung zunächst etwas überfordert. Drei Freiwillige erzählen von ihren Plänen in der alten Feuerwehrkaserne.

Rahime Kasim-Dittli, Catherine von Graffenried und Simon Zysset sind drei Freiwillige, die wissen, wie sie helfen möchten.

Rahime Kasim-Dittli, Catherine von Graffenried und Simon Zysset sind drei Freiwillige, die wissen, wie sie helfen möchten.

(Bild: Valérie Chételat)

Rund 250 Leute nahmen im Oktober an den Informationsanlässen über Freiwilligenarbeit im Asylzentrum Bern Viktoria teil. Mit dieser Zahl an Freiwilligen nahm das Engagement eine neue Dimension an, welche die Zentrumsleitung zuerst bewältigen musste. Zum Vergleich: In Riggisberg gibt es etwa 40 Freiwillige.

Das grosse Interesse freut Dominik Wäfler, Leiter Kollektivunterkünfte der Flüchtlingshilfe der Heilsarmee. «Ich finde es schön, wenn sich die Leute engagieren wollen», sagt er. Die Aktualität des Themas sei momentan enorm, deshalb wollten die Leute einen Beitrag leisten.

An den Anlässen wurden Ideen gesammelt und auf Pinnwänden nach Themen sortiert. Die Freiwilligen konnten sich dort eintragen, wo sie sich engagieren möchten. Das Spektrum der Ideen reichte von Krabbelgruppen über Begegnungscafés bis hin zu Sportangeboten für Frauen.

Unter den 250 Freiwilligen in Bern finden sich auch Simon Zysset, Rahime Kasim-Dittli und Catherine von Graffenried. Von Graffenried hat bereits Spaziergänge mit Flüchtlingen unternommen. Zysset hat sich bereit erklärt, die Deutschkurse zu koordinieren, und Kasim-Dittli von der «Gruppe im Quartier» will die Bewohner der Feuerwehrkaserne auf unterschiedliche Weise im Quartier integrieren.

Schnellstarts sind nicht möglich

Obwohl die Flüchtlinge nun bereits über einen Monat in der Asylunterkunft leben, mussten sich die motivierten Freiwilligen mit ihrem Einsatz bisher noch gedulden. Zum einen weil «die Flüchtlinge zuerst Zeit brauchen, um sich einzuleben», sagt Wäfler. Zum anderen müssen die vielen Angebote auch koordiniert werden.

«In dieser ersten kreativen Phase sind sehr viele Ideen zusammengekommen, die erst geprüft werden müssen», sagt er. Zudem habe die Zentrumsleitung auch eine Schutzpflicht gegenüber den Bewohnern. «Wir müssen wissen, wer diese Leute sind, die helfen wollen», sagt Wäfler.

«Wir müssen wissen, wer die Leute sind, die helfen wollen.»Dominik Wäfler, Leiter Asylheime

Die Angebote der engagierten Berner und Bernerinnen konnten also nicht gleich am ersten Tag starten und müssen zum Beispiel auch aufeinander abgestimmt werden. Dafür will die Quartiergruppe eine Webseite aufschalten, damit ähnliche Angebote nicht zur gleichen Zeit stattfinden und sich konkurrenzieren – zur Orientierung für die Flüchtlinge und die Freiwilligen.

Zu zweit oder in Gruppen lernen

Simon Zysset ist froh, dass die Organisation allmählich Form annimmt. «Nun ist der Zeitpunkt da und es wäre gut, wenn es anfängt.» Die Leute möchten sich gerne engagieren, deshalb sei es jetzt wichtig, dass sie hören, wie es weitergehe, sagt er. In den nächsten Tagen würden deshalb alle Freiwilligen, die sich gemeldet haben, kontaktiert, damit das Vorgehen geklärt werden könne.

So zum Beispiel beim Deutschunterricht. «Es wird zwei Arten von Deutschunterricht geben», sagt Zysset. Entweder könne man sich zu zweit treffen und den Unterricht auf individuelle Weise gestalten. Dafür reicht es, wenn ein Freiwilliger gut Deutsch spricht. Die zweite Variante sieht strukturierte Deutschkurse vor.

Für diese sollten die Kursleiter bereits ein wenig Erfahrung im Unterrichten haben und sich dazu verpflichten, mindestens einmal in der Woche präsent zu sein. «Die Leute, die den Flüchtlingen Deutsch beibringen wollen, müssen sich also entscheiden, auf welche Weise sie dies tun wollen», sagt Zysset. Bei der Vorbereitung gebe es momentan ziemlich viel zu tun. Danach werde er sich etwa einen halben Tag pro Woche engagieren.

Mit Flüchtlingen ins Kino gehen

Rahime Kasim-Dittli will sich ebenfalls engagieren und gemeinsam mit der Quartiergruppe eine «Willkommensatmosphäre» schaffen. Deshalb plant sie mit der Quartiergruppe unter anderem regelmässige «Willkommensessen» für die Flüchtlinge.

Diese könnten zum Beispiel einmal im Monat stattfinden – bei jemandem zu Hause, im Breitschtreff oder etwa in Schulkantinen. Dann soll es auch Quartierführungen und eine Kaffeestube geben. Je nachdem, wie viele Freiwillige dort mitmachen wollen, könnten diese wöchentlich stattfinden.

«Schön wäre es natürlich, wenn die Leute aus dem Quartier kommen und ein Austausch zwischen ihnen und den Flüchtlingen entsteht», sagt Kasim-Dittli. Auch kulturelle Aktivitäten möchte die Quartiergruppe anbieten und mit Flüchtlingen etwa ins Kino oder ins Theater gehen. Dies sei natürlich von der Finanzierung abhängig.

Vieles ist in dieser Phase also noch offen und hängt vor allem von den Flüchtlingen selber ab. «Wir müssen schauen, wo deren Bedürfnisse liegen.» Die «Gruppe im Quartier» wolle den Flüchtlingen nichts aufzwingen und respektiere deren Privatsphäre. «Es wird für uns ein laufender Lernprozess sein.»

«Spazieren, gucken, reden»

Kontakt zu den Flüchtlingen hatte bereits Catherine von Graffenried. Einen Monat lang holte sie diejenigen, die wollten, zum Spaziergang ab. Unter dem Motto «Spazieren, gucken und Deutsch reden» führte sie die Bewohner aus Bern Viktoria während des ganzen Oktober in der Nachbarschaft herum.

Dies will sie auch weiterhin tun, aber nicht mehr jeden Tag. Auf die Idee kam sie, als sie im September an einer Veranstaltung den Heimleiter der Asylunterkunft, Martin Trachsel, kennen lernte. Dieser habe vor allem Leute gesucht, die sich praktisch engagieren wollen. «Dieses Pragmatische hat mir gefallen», sagt sie.

Auch Dominik Wäfler begrüsst praktische Angebote. «Jede Form von Aktivität ist bei den Flüchtlingen willkommen.» Er hofft, dass diese Euphorie auch weiterhin anhält. Jetzt sei es noch zu früh, um abzuschätzen, wie viele Freiwillige längerfristig noch dabei sein werden. «In einem Monat können wir das besser beurteilen», sagt er.

Der Bund

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