Die Frau, die die Gesichter des Verbrechens malt

Weil Fotografieren im Gerichtssaal verboten ist, zeichnet sie Bilder. Sie rätselt gerne mit, ist aber froh, nicht Richterin zu sein.

Erika Bardakci-Egli in ihrem Büro im Medienzentrum Bundeshaus.

Erika Bardakci-Egli in ihrem Büro im Medienzentrum Bundeshaus.

(Bild: Adrian Moser)

Im Gerichtssaal blickt sich Erika Bardakci-Egli erst einmal um. Wer sitzt wo? Wie viele Richter hat es? Wie sitzen Angeklagte und Zeugen da? Die 46-jährige Grafikerin aus Bern arbeitet bei der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG) im Medienzentrum des Bundeshauses als Gerichtszeichnerin. Das ist allerdings keine Vollzeitbeschäftigung, sondern eher ein «Hobby», wie sie sagt.

Die meiste Zeit gestaltet sie am Computer Grafiken für die Tagesschau und andere Sendungen des Schweizer Fernsehens. Ein paar Mal pro Jahr aber packt sie Papier und Stifte ein, fährt ans Gericht und zeichnet mutmassliche Mörder, Vergewaltiger, Räuber. Als eine von Wenigen erfährt sie die Geschichten, die sich hinter Schlagzeilen über den «Heiler von Bern» oder den «pädophilen Betreuer H. S.» verbergen, von den Beteiligten selber.

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Nachdem sie eine Weile zugeschaut hat, beginnt Bardakci-Egli mit Zeichnen. Dabei konzentriert sie sich auf die Beziehungen, die Haltung und die Charakterzüge der Personen. So bekommt sie nur halb mit, was gesprochen wird. «Es ist wie Radiohören.» Einige Gerichtszeichner benutzten gar Ohrstöpsel, um sich besser konzentrieren zu können.

Auf Bardakci-Eglis Zeichnungen sind die Gesichter der Angeklagten nie genau zu sehen – eine Vorgabe des Arbeitgebers. Auf einem Bild des sogenannten Heilers hat sie den Mann mit verschränkten Armen und Beinen gezeichnet, um den Hals baumelt markant ein goldenes Jesuskreuz. Der Musiklehrer, der wegen vorsätzlicher HIV-Infizierungen zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, beteuerte vor Gericht bis zum Schluss seine Unschuld.

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Durch ihren Mann, einen Anwalt, hat Erika Bardakci-Egli schon länger einen Zugang zur Gerichtswelt. «Den Job mache ich aber vor allem, weil ich sehr gerne Menschen abzeichne.» Aus künstlerischer Sicht sei es egal, ob ein Ladendieb oder ein Serienmörder Modell steht. Interessanter seien markante Gesichtszüge. Zudem beobachtet sie genau, wie sich der Angeklagte, Richterinnen, Anwälte und Zeugen verhalten und präsentieren. Der Gerichtssaal ist auch eine Bühne.

Gerichtszeichner, die stillen Beobachter auf den Pressetribünen der Gerichte, gibt es wahrscheinlich seit dem 19. Jahrhundert (siehe Kasten). Das gesellschaftliche Interesse an Kriminalität, Verbrechen und Devianz und deren bildliche Darstellung ist allerdings viel älter. Im Mittelalter stellten Bilderhandschriften wie der Sachsenspiegel Gerichtszenen dar. Und zur Erziehung der Bevölkerung verteilte die Obrigkeit im 16. Jahrhundert Flugblätter, auf denen die Taten bestimmter Verbrecher, meist mitsamt deren Hinrichtung, abgebildet waren.

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Bardakci-Egli will kein moralisches Urteil fällen mit ihren Zeichnungen. Wie die Kollegen von der Presse sieht sie sich als Informantin der Öffentlichkeit. «Ich vermittle einen Eindruck von einem Ort, an dem die meisten Menschen noch nie gewesen sind und wohl auch nie sein werden.» Dieser Eindruck beschränke sich allerdings auf die «Spitze des Eisbergs». Nur bei Fällen, die national Aufsehen erregen, beauftragen die Medien eine Gerichtszeichnerin oder einen Gerichtszeichner. Der «Heiler»-Prozess war so ein Fall. Ausnahmsweise wurde Erika Bardakci-Egli damals an mehrere Verhandlungstage und die Urteilsverkündung geschickt. Der Fall ging ihr nahe, weil der Täter aus demselben Quartier war wie sie. «Was, wenn ich zufällig meine Kinder in den Musikunterricht zu ihm geschickt hätte?», fragt sie rhetorisch.

Dass sie den Gerichtssaal nachdenklich oder überrascht verlässt, kommt immer wieder vor. Das Verbrechen hat viele Gesichter. «Manchen Tätern hätte ich die Tat nie zugetraut», sagt Bardakci-Egli. «Sie haben etwas Einnehmendes. Andere stossen mich von Anfang an ab.» Besonders wenn jemand seine Unschuld beteuert, findet sie es schwierig, sich ein Urteil zu bilden. «Ich bin froh, bin ich nicht der Richter.»

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