Die Essensecke im Bahnhof erhält Zuwachs

Im Bahnhof Bern haben zwei neue Take-aways eröffnet. Wo sich im letzten Jahrhundert die Leute im Bahnhofbuffet trafen, um zu dinieren, stressen sie heute essend auf den Zug.

  • loading indicator

Er hat eine Mütze auf, an der ein Herz angebracht ist: «I love my Bahnhof» steht darauf. Er verteilt mit anderen Leuten eine Werbezeitschrift des Bahnhofs, wo «Love­storys» drinstehen, Geschichten von Menschen, die den Bahnhof lieben. «Tatsächlich Liebe. Der Bahnhof Bern», lautet der Titel des Magazins. Die restlichen Seiten sind gefüllt mit Gutscheinen für die Shops des Zentrums. «I love my Brezel, I love my Style, I love my Döner», steht auf den Coupons.

«Die Welt ist krank», sagt der Mann bei einem Gespräch und zieht mit der Hand die Lippen zu einem Lächeln hoch. Er verteile den ganzen Tag diese Werbung in Form einer Liebesbotschaft. «Aber wenn ich die Leute da vorbeiströmen sehe, sehe ich nur Stress in den Gesichtern.»

***

Frau und Herr Köhler sitzen im Restaurant Côté Sud im ersten Obergeschoss des Bahnhofs bei einem Cappuccino. Der Kaffee sei gut. «Schön grosse Tassen», sagt Herr Köhler. Das Ehepaar hat den alten Bahnhof noch erlebt, der dann zwischen 1957 und 1974 vom Sack- zum Transitbahnhof umgebaut wurde. «Da hat man vom Bahnhofbuffet noch auf die Gleise schauen können», sagt Frau Köhler.

«Das Ambiente des alten Buffets war wunderbar», sagt Herr Köhler. «Da gab es grosse, lange Holztische. Es wurde gemeinsam geraucht, getrunken und hervorragend gegessen.» Damals waren die Bahnhöfe mit ihren traditionellen Buffets Treffpunkte. Man traf sich, um gediegen zu dinieren, um Vereinssitzung abzuhalten, ein Feierabendbier zu trinken, aber auch um zu Mittag zu essen, während man auf den Zug wartete.

«Wenn ich von Bern nach Basel musste», sagt Herr Köhler, «nahm ich mir einen halben Tag Zeit fürs Billettlösen und das Essen im Buffet.» Jahrelang habe er sich mit seinem Bruder im Oltner Bahnhofbuffet verabredet, weil der Bruder in Zürich und er selbst in Bern gewohnt habe.

***

Nach dem Umbau des Berner Bahnhofs war das Buffet auf drei Stockwerke verteilt, hatte wie die Bahn drei Klassen und fast dreihundert Angestellte. Als am 23. Mai 1982 der Taktfahrplan eingeführt wurde, fielen die langen Wartezeiten weg – und mit den Schweizer Bahnhofbuffets ging es bergab.

Die neue Bahnhofgestaltung vor zehn Jahren beerdigte schliesslich das letzte Stück Bahnhofbuffet in Bern. Neben den Leuten, die versuchen, die Werbemagazine an die vorbeiströmenden Passanten zu bringen, werden gerade zwei neue Take-away-Buden eröffnet. Die Leute stehen Schlange, bevor die Töpfe mit Reis und Nudeln vom neuen Imbiss «Rice up!» überhaupt richtig zu dampfen begonnen haben. Damit ist der zehnmonatige Umbau des sogenannten Foodcorners im Bahnhof beendet.

***

Bestellen kann man bei «Rice up!» und der neuen Dönerbude «Seven Spices» aber noch bei Menschen – im renovierten McDonald’s nebenan nehmen auch Bestellmaschinen die Wünsche entgegen. Stehtische findet man im ganzen Foodcorner nur wenige. Eine Handvoll Sitzgelegenheiten gibt es seit kurzem am Treffpunkt. Die werden aber von Reisenden benützt.

Zielgruppe der Läden am Foodcorner sind offensichtlich Leute, die das Essen im geheizten Zug vertilgen wollen. Mit einer Schale mit Chilled Rice Noodles, Grilled Chicken Satay mit grünem Curry und Herb Salad weiss man darum nicht mehr, wo man bei dieser Kälte essen soll. An den 20-Minuten-Kasten gelehnt, isst man, während man aufpassen muss, dass einen niemand mit dem Rollkoffer über die Füsse fährt. Gesichter eilen dreissig Zentimeter vor einem vorbei und blicken auf die Nudeln. Man schnauft durch, wenn das Mittagessen endlich erledigt ist.

***

«Wenn früher in Bern die Nachtklubs schlossen, gingen wir danach immer ins Bahnhofbuffet», sagt ein älterer Mann, der im Sous-Sol Kaffee trinkt. «Wir plauderten und tranken da weiter, bis wir zur Arbeit mussten.» Noch heute sei er oft am Bahnhof, schlendere einfach durch die Menschen, bis er einen Bekannten treffe. Der Bahnhof sei ein Ort, wo immer etwas laufe, wo immer etwas zu sehen sei, sagt er und zwinkert. «Es kommt aber kaum mehr jemand hierher, um zu verweilen. Es ist traurig. Jetzt ist dieses Take-away ja neuerdings in.»

Peter Bichsel hat einst im Rahmen eines Dokumentarfilms in Paris fünf Tage fast ausschliesslich am Bahnhof Gare de L’Est verbracht. Er wollte nicht enttäuscht werden von der Stadt der Liebe und der Kunst, über die er tausend Sachen gelesen und gehört hatte. Deshalb wagte er sich kaum aus dem Bahnhof. Er sagte dazu: «Der Bahnhof ist der Ort, wo auch die Fremden dazugehören.» Und wahrscheinlich hatte er auch einmal recht. Doch so einsam und fremd man sich heute vorkommt, wenn man einen halben Tag am Berner Bahnhof verbringt, wird einem schmerzhaft klar: Peter Bichsel ist ein alter Mann.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt