Die erste Liebe ging, die Marroni blieben

«Wieder Montag»

Der Marronimann Fritz Bleuer ist seit 40 Jahren auf dem Bärenplatz in Bern. Früher verkaufte der 62-Jährige doppelt so viele Marroni, ans Aufhören denkt er trotzdem nicht.

Marronimann Fritz Bleuer sagt von sich selber, er sei ein «Schnurri».

Marronimann Fritz Bleuer sagt von sich selber, er sei ein «Schnurri».

(Bild: Tobias Anliker)

Wenn der Herbst beginnt, ist Fritz Bleuer wieder da. Er hängt seine Jacke an die Innenseite der Tür, stellt das Radio ein und öffnet die Wände links, rechts und vorne. Aus dem kleinen Haus wird ein Verkaufsstand. Die Marroni schöpft er aus einer Holzkiste in die Eisenpfanne, rührt, pickt verbrannte Früchte heraus, verpackt Portionen in braune Papiertüten. Ins eine Fach kommen die Marroni, das andere ist für die Schalen.

100 Gramm, 150 Gramm, 200 Gramm sind die häufigsten Bestellungen an diesem Vormittag. Es ist Samstag, 10 Uhr. Fritz – er gehört zu den Menschen, die man intuitiv duzt – hat Zeit zum Reden. Rushhour ist erst gegen 17 Uhr, dann strömen die Leute aus der Innenstadt auf dem Heimweg bei ihm am Bärenplatz in Bern vorbei. «Ich freue mich immer auf den Herbst», sagt Fritz Bleuer. «Immer noch.»

Vor 40 Jahren begann Fritz beim damaligen Besitzer auszuhelfen, dem Tessiner Aurelio Maletti, der neben einem Lebensmittelladen den Marronistand betrieb. Von Maletti hängt ein Foto an der Rückwand. Als würde er seinem Sohn, der den Marronistand heute führt, bei der Arbeit zuschauen. Marco Maletti verkauft zusammen mit Fritz Bleuer die Marroni.

Fritz befand sich im dritten Jahr des Gymnasiums, als er von der Schule flog. «Ich ging eigentlich gerne hin – vor allem wegen der Pausen», sagt er. Er lernte nicht und kam trotzdem lange durch, doch am Ende waren es zu viele Ungenügende. Dabei liebt er Sprachen und hat auch ein Talent dafür, wie er sagt. «Italienisch lernte ich auf der Strasse und dank der damaligen Freundin.» Die erste Liebe ging vorbei, das Marronihaus blieb. Ausserhalb der Saison hatte er verschiedene Jobs, die Palette war breit, sie reichte vom Bademeister bis zum Betreuer. Am Filmfestival Locarno, wo er als Ton- und Filmtechniker arbeitete, nahm es ihm den Ärmel rein. Ab da hatte er zwei Saisonjobs. Nach dem Festival reist er zurück nach Bern – und ist fürs nächste halbe Jahr «Marronimann», wie die Marroniverkäufer in der Umgangssprache heissen.

In Bern ist der 62-Jährige mit den abstehenden grauen Haaren, der Brille und der schwarzen Weste unterdessen ein Stadtoriginal geworden, das diesen Titel auch wirklich verdient. Neben der Laufkundschaft gibt es einige Stammgäste, und selbst, wer noch nie in seinem Leben Marroni gekauft hat, kennt Fritz wahrscheinlich vom Sehen. «Ich bin im Marronihäuschen ja exponiert wie in einem Schaufenster», sagt er. Keine zehn Minuten vergehen, bis ihn jemand grüsst. Ein Handballkollege von früher kommt mit der Familie vorbei. Eine Frau mit einem riesigen Blumenstrauss in den Armen sagt, sie warte in einem Café beim Kornhausplatz. Fritz richtet es ihrem Mann aus, der kurze Zeit später am Stand steht. Ein älterer Herr bestellt eine Portion geschälter Marroni. «Das ist aber eine Ausnahme», sagt Fritz.

Als junger Mann zog er aufs Land, wohnte in Hippie-WGs. Seine Eltern arbeiteten im Marzilibad. Der Vater verliess die Familie eines Nachts, als Fritz 16 Jahre alt war. Der stille Abgang passte. «Er redete nie viel», sagt Fritz. «Ich bin das Gegenteil geworden, ein ‹Schnurri›.» Für die Kinder, die auf die Holzkiste vor dem Stand klettern und das Geld über die Theke reichen, hat er stets einen Spruch parat.

Der Marronimann ist nicht nur Mar­roniverkäufer, sondern auch Geschichtenerzähler und Zuhörer. Hüter der kleinen und grossen Geheimnisse, der Enttäuschungen und Freuden. Ein Stadtchronist auch. Am Anfang kosteten 100 Gramm Marroni einen Franken, heute 3.50 Franken. Die zweite Frau im Bundesrat, Ruth Dreifuss, kaufte bei Fritz ein. Er hat Nationalräte nach verlorenen Abstimmungen getröstet und war Zeuge der Verwandlung des Bärenplatzes in eine Restaurantmeile.

Beim Blick auf die Take-away-Stände, die den Bärenplatz am Samstag dominieren, seufzt er. In den Neunzigerjahren hätten die Marroni noch keine Konkurrenz auf der Strasse gehabt. «Wir verkauften doppelt so viel.» Genaue Zahlen will er nicht nennen. Aufgeben kommt aber nicht infrage. «Solange es mir Spass macht und die Gesundheit mitspielt, höre ich nicht im offiziellen Pensionsalter auf.»

Der Bund

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