Die einstige «Bronx von Bern» wird gentrifiziert

Das Lorrainequartier verändert sich derzeit stark: Traditionslokale müssen weichen – und Leute mit höheren Einkommen werden angelockt. Ein Gesellschaftswissenschaftler erklärt die Vorgänge.

Das Lorrainequartier verändert sich derzeit stark.

Das Lorrainequartier verändert sich derzeit stark.

Herr Zimmermann, im Lorrainequartier wurden in den letzten Jahren mehrere, im Quartier stark verwurzelte Lokale durch hippere Läden abgelöst. Kann man hier von einer Verdrängung sprechen? Man kann hier tatsächlich von einer Verdrängung sprechen. In der Wissenschaft wird dieser Prozess Gentrifizierung genannt. Dieser Begriff geht auf die britische Soziologin Ruth Glass zurück, die die Verdrängung von traditionellen Arbeiterfamilien im Londonder Stadtbezirk Islington untersuchte. Das Modell der Gentrifizierung beschreibt einen Zyklus: Zentrumsnahe, oft heruntergekommene Arbeiterquartiere mit günstigem Wohnraum ziehen eine spezifische Schicht an: Studenten, Kreative, Künstler; Leute mit schwachem ökonomischen, aber starkem kulturellen Kapital. Diese werden «Pioniere» genannt. Mit der Ankunft des kreativen Milieus verändert sich auch das Quartier: Bars und Kulturbetriebe kommen hinzu.

Wächst die kulturelle Attraktivität? Das kann man so sagen. Dies zieht jene an, die wir in der Wissenschaft «Gentrifier» nennen. Wertend werden sie auch als «Yuppies» bezeichnet. Im Unterschied zu den ersten Zuzügern verfügen die «Gentrifier» über ein höheres Einkommensniveau – höher, als das der ursprünglichen Quartierbewohner. Sie fühlen sich durch das wachsende kulturelle Angebot im Quartier angesprochen. Ihr höherer Einkommenslevel erlaubt es den Wohneigentümern dann, den Mietzins anzuheben. Wohnungen werden saniert, der Mietzinslevel in dem Quartier steigt insgesamt. Mit den Zuzügern kommen in der Regel auch finazkräftigere Teile der Kreativwirtschaft: kapitalstarke kreative Betriebe wie etwa Werbebüros, die Büroflächen beanspruchen. Diese Veränderungen führen schliesslich zum Wegzug traditioneller Quartierbewohner, die sich die Mietpreise nicht mehr leisten können. Auch die ersten Zuzüger, die kreativen Pioniere, werden durch die höheren Preise schliesslich verdrängt.

Hat die Lorraine denn genau diese Entwicklung durchgemacht? Was ich oben beschrieben habe, ist ein Modell. Die Realität sieht meist etwas anders aus. Tatsächlich aber hat sich die Lorraine in den letzten 20 Jahren stark verändert. Die Gentrifizierung setzte hier Anfangs der Neunziger ein. Vorher wurde das Quartier bisweilen noch die «Bronx von Bern» genannt. So ist beispielsweise der Ausländeranteil in der Lorraine stark gesunken und liegt heute unter dem städtischen Durchschnitt. Auch zahlreiche Liegenschaften wurden in dieser Zeit saniert. Und dennoch bleibt die Lorraine ein Spezialfall. Wir haben hier nach wie vor eine bunte Durchmischung: Neben teuren Wohnungen gibt es immer noch durch die Stadt vergünstige Wohnungen und anderen billigen Wohnraum, neben jungen Betrieben wie dem Wartsaal oder dem Okra gibt es nach wie vor alternative Kulturbetriebe wie die Brasserie.

Was bremst in der Lorraine die Gentrifizierung? Dass sich die Durchmischung hält, ist in der Lorraine massgeblich den Genossenschaften zu verdanken. Sie entstanden im Zuge der ersten Gentrifizierungswelle und halten dem Mietzins-Druck entgegen. Die Genossenschaften sind ja Wohneigentümer und können so den Mietzins mitbestimmen. Ein Beispiel hierfür ist etwa der Q-Hof.

Wer sind letztlich die Verlierer der Gentrifizierung? Das sind klar die einkommensschwachen Schichten, die sich die Wohnungen nicht mehr leisten können und wegziehen müssen.

Wie ist der Prozess denn aus städteplanerischer Perspektive zu betrachten? Das ist ein Politikum. Städte stehen heute im Wettbewerb zueinander, wie kaum je zuvor. Es wird viel unternommen, um die städtische Attraktivität zu steigern – als Unternehmensstandort, wie als Wohnort: Einkommensstarke Schichten sollen angelockt werden. Andererseits gibt es auch einen Konsens, dass soziale Durchmischung erwünscht ist. Gentrifizierung und in der Konsequenz die Verdrängung einkommensschwacher Schichten ist dem nicht zuträglich.

Wie sieht die Zukunft der Lorraine aus? Schaut man sich die Zahlen an, muss man annehmen, dass sich die Gentrifizierung weiter fortsetzt.

DerBund.ch/Newsnet

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