Die echten «Beizen» sind schon lange geschlossen

Mit dem Côté Sud schliesst eines der letzten volkstümlichen Restaurants in der Berner Innenstadt. Die Alternativen liegen im Quartier.

2003 etwa schloss der «Braune Mutz» in der Altstadt und auch die «Traube» verschwand - beides Lokale mit einem etwas raueren Charakter.

2003 etwa schloss der «Braune Mutz» in der Altstadt und auch die «Traube» verschwand - beides Lokale mit einem etwas raueren Charakter.

Christian Zellweger@@chzellweger

Bei «Bund»-Lesern sorgte die vor zwei Wochen angekündigte Schliessung des Côte Sud für Unruhe. In Leserbriefen und Beiträgen im «Stadtgespräch» bedauerten sie das Ende des Restaurants im ersten Stock des Hauptbahnhofs. Es gehe nicht einfach ein Restaurant zu, sondern einmal mehr ein niederschwelliger Treffpunkt im Zentrum für Leute, die sich in «schicken» Lokale wie dem Tibits nicht wohlfühlten – oder sich solche Lokale nicht leisten könnten.

Stimmt diese Wahrnehmung? Bei den Leuten, die von der mobilen Interventionsgruppe Pinto aufgesucht würden, sei das Côté Sud überhaupt kein Thema gewesen, sagt Silvio Flückiger von Pinto: «Von ihnen war kaum jemand dort.» Ohnehin habe «die eigentliche Verschiebung in der Gastrolandschaft schon vor Jahren stattgefunden». 2003 etwa schloss der Braune Mutz an der Genfergasse, auch die Traube (später Sassafraz) verschwand, beides Lokale, die einen raueren Charakter hatten.

Damals habe die Stadt reagiert, mit der Eröffnung des Alkoholikertreffpunkts La Gare und der Drogenanlaufstelle, die Randständigen auch Aufenthaltsmöglichkeiten biete, sagt Flückiger. Zusätzlich gehe seit 2005 die Zahl der Menschen zurück, «die ihren Lebensmittelpunkt im öffentlichen Raum haben» – wie es Flückiger formuliert, gerade in der teuren Innenstadt. Wichtiger seien deshalb Quartierbeizen oder Treffpunkte, die von Quartiervereinen betrieben würden.

Andere Möglichkeiten für Ältere

Auch bei Pro Senectute Bern, die unter anderem im Generationenhaus in der Nachbarschaft des Bahnhofs eine Beratungsstelle betreibt, war die Schliessung des Côté Sud kein Thema, sagt die Geschäftsführerin der Sektion Region Bern, Ruth Schindler. Viele ältere Leute schätzten es zwar, beim Essen unter Menschen zu sein. Dafür gebe es in Bern jedoch ein breites Angebot.

Tobias Burkhalter, Berater von Gastrounternehmen und Präsident von Gastrobern, sagt, es sei vor allem eine «gefühlte Entwicklung», dass in letzter Zeit immer mehr «Beizen» hätten schliessen müssen. Bereits seit längerem gehe der Trend an zentralen Lagen zu Gastroketten und standardisierten Restaurants. Lokale im teuren Zentrum brauchten eine gewisse Kundenfrequenz, um überleben zu können. Wirte, welche eine Miete bezahlen müssten, hätten deshalb in der Innenstadt einen immer schwereren Stand. Die Schliessung kommt deshalb für Burkhalter nicht überraschend. Und der «Aufschrei» um die Schliessung des Côté Sud? Es seien wahrscheinlich vor allem die Stammgäste, die dem Côté Sud nachtrauerten, sagt Gastro-Präsident Burkhalter: «Jedes Lokal hat seine Fans.»

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Der Bund

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