«Die Digitialisierung hat einschneidende Auswirkungen»

Das Internet wird den Schulunterricht der Zukunft nachhaltig verändern, ist Bildungsforscher Nando Stöcklin überzeugt.

Digitalexperte Nando Stöckli arbeitet in der alten Schulwarte – im untergegangenen Reich der Schulwandbilder.

Digitalexperte Nando Stöckli arbeitet in der alten Schulwarte – im untergegangenen Reich der Schulwandbilder. Bild: Adrian Moser

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Herr Stöcklin, überall ist die Rede von Digitalisierung. Was heisst das für die Schule?
Mittlerweile bin ich ziemlich sicher, dass sie einschneidende Auswirkungen haben wird auf unser Schulsystem.

Weshalb?
In der Berufswelt fällt laut Prognosen von Ökonomen in den nächsten 15 Jahren rund die Hälfte der Jobs weg. Betroffen sind vorab Jobs mit einem hohen Anteil an Routinetätigkeiten. Im Gegenzug werden viele Arbeitsstellen neu entstehen, die Kreativität erfordern. Die Fähigkeit, selbstständig zu denken und komplexe Probleme zu lösen, gewinnt an Bedeutung. Dadurch ergeben sich andere Anforderungen an die Schulbildung.

Was wird sich verändern?
Nehmen Sie den Schulort. Heute lernen Kinder in Klassen an bestimmten Orten. Aus jetziger Sicht ist das eine künstliche Einschränkung. Das Internet erlaubt es mir, Wissen an einem beliebigen Ort und zu einem beliebigen Zeitpunkt zu erwerben. Zentral ist, mit technischen Geräten umgehen und die Möglichkeiten des Internets für meine Interessen kompetent nutzen zu können – ohne dass mir immer jemand sagt, was ich zu tun habe.

Wo bleibt da der Sinn fürs Kollektiv?
Sozialkompetenz ist wichtig und wird es bleiben. Das heutige System ist nicht für alle Kinder ideal. Aussenseiter leiden in einer Klasse oft mehrere Jahre lang. In einem System, wie ich es mir vorstelle, wäre es für solche Kinder einfacher, weil sie stärker mitbestimmen könnten, mit wem sie zusammenarbeiten wollen.

Wie stellen Sie sich den Schulunterricht der Zukunft vor?
Ich nehme an, dass die Kinder einer Schule vermehrt zwischen verschiedenen Projekten auswählen können. Das Drehen eines Dokumentarfilmes über Schusstechniken im Fussball oder der Bau einer Halfpipe könnten solche Projekte sein. Auf diese Weise entstehen Ad-hoc-Gruppen. Selbstverständlich wird es dabei Gespanne geben, die ihre Projektwahl stets aufeinander abstimmen.

Glauben Sie, ein solches System entspricht Kindern besser?
Menschen sind von Natur aus neugierig. Sie wollen lernen und Dinge beherrschen. Wenn ihre Freude am Lernen nicht beeinträchtigt wird, was in der Schule leider noch viel zu oft geschieht, bleiben sie ein Leben lang begeisterte Lernende. Davon bin ich überzeugt. Entscheidend ist, dass sie ihren individuellen Interessen nachgehen und ihre persönlichen Talente einbringen können.

Aber was ist denn das wirklich Neue an der Digitalisierung?
Das Internet löst aus meiner Sicht einen Leitmedienwechsel aus – so wie im Mittelalter der Buchdruck. Dank Büchern wurde Wissen eine Massenware. Bloss: In jedem Buch einer Auflage steht exakt das Gleiche. Wenn ich aber im Internet recherchiere, erhalte ich Ergebnisse, die auf mich zugeschnitten sind. Zudem kann jeder im Internet publizieren. Schliesslich kann ich mich übers Internet einfach mit Leuten vernetzen – selbst wenn die ganz woanders leben. Unser Kommunikationsverhalten wird somit individueller – aber dank den Vernetzungsmöglichkeiten nicht weniger sozial. (Der Bund)

Erstellt: 03.06.2016, 07:09 Uhr

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