«Die Clubs sparen zuerst bei den Frauen»

Das YB-Männerteam hat vor über 30 Jahren den letzten Titel errungen. Die Frauen haben seither siebenmal die Meisterschaft und neunmal den Cup gewonnen.

Florijana Ismaili auf der Tribüne des Stadions Neufeld, wo-die YB Frauen trainieren.

Florijana Ismaili auf der Tribüne des Stadions Neufeld, wo-die YB Frauen trainieren. Bild: Adrian Moser

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Frau Ismaili, Sie sind das einzige Mitglied einer ersten Mannschaft von YB, das weiss, wie es ist, mit YB Schweizer Fussballmeister zu werden. Wie fühlt es sich an?
Ich habe das damals gar nicht so richtig realisiert. 2011 war ich gerade mal 16, ein junger Schnaufer. Ich war erst seit ein paar Monaten in der ersten Mannschaft. Aber klar, es war ein super Gefühl.

Wann haben Sie begriffen, was da passiert?
Wir durften das letzte Spiel gegen den FC Zürich im Stade de Suisse austragen. Vor dem Spiel hiess es in der Garderobe: Frauen, heute werden wir Meister, heute wird gefeiert. Da dachte ich noch: Okay, cool, wir werden Meister. Begriffen habe ich es erst nach dem Spiel, als die Meisterfeier abging.

Wovon haben Sie damals geträumt?
Ich wollte einen Stammplatz in der ersten Mannschaft, und ich wollte für die Nationalmannschaft spielen. Und natürlich ganz viele Tore schiessen.

Wir sagen beide «Mannschaft», obwohl wir von einem Frauenteam sprechen. Wie weit ist der Weg noch zur Gleichstellung der Geschlechter im Fussball?
Leider noch recht weit. Mit der Nationalmannschaft konnten wir während der WM 2015 einen kleinen Boom auslösen. Das Schweizer Fernsehen übertrug die Spiele live, Zuschauer und Medien begannen sich dafür zu interessieren. Aber insgesamt bekommen wir immer noch viel weniger Aufmerksamkeit und viel weniger Geld als die Männer.

Weshalb ist das so?
Schwierig zu sagen. Die Medien haben sicher einen grossen Einfluss. Wenn sie über etwas berichten, wird es als wichtig wahrgenommen, wenn sie nicht berichten, betrachten es die Leute als unwichtig. Wir haben auch kaum Zuschauer. Und die Clubs sparen zuerst bei den Frauenteams, wenn sie sparen müssen.

Wo könnte man ansetzen, um die Situation zu ändern?
Ich finde, dass die Vereine mehr tun sollten. Zum Beispiel könnten sie Anlässe organisieren, an denen das Männer- und das Frauenteam gemeinsam auftreten. Und man könnte die Zuschauer der Männer-Spiele auf die Frauen-Spiele aufmerksam machen. Umgekehrt machen wir das bei jedem Spiel. Die meisten Saisonkartenbesitzer wissen wohl nicht einmal, dass sie sich mit ihrer Karte auch alle Spiele der Frauen anschauen dürfen.

Sepp Blatter hat 1995 gesagt, 2010 werde der Frauenfussball genau so gross sein wie der Männerfussball.
Nun ja, die reale Entwicklung verlief etwas langsamer. Immerhin kann man sagen, dass etwa ab 2010 das Interesse am Frauenfussball zuzunehmen begann. Ich hoffe, dass wir diese Entwicklung weiter beschleunigen können, indem wir mit der Nationalmannschaft gut spielen. Bei YB ist es schwieriger. Da müsste mindestens ein Meistertitel her, aber selbst dann hielte sich die Aufregung womöglich in Grenzen.

Ist die Nationalmannschaft der entscheidende Faktor?
Ganz klar. Dort sind wir sichtbar in den Medien, dort bekommen es die Leute mit, wenn etwas geht.

Welchen Fussball haben Sie als Kind verfolgt?
Den Männerfussball. Bis ich zehn war, wusste ich nicht einmal, dass es Frauenfussball gibt.

Dann wollten Sie vorher noch gar nicht Fussball spielen?
Doch, aber ich habe immer mit den Jungs gespielt. Als ich zehn war, haben meine Eltern dann eine Frauenmannschaft für mich gesucht, weil sie nicht wollten, dass ich mit Männern spiele. Erst damals, beim FC Walperswil, begann ich zu verstehen, dass es diese ganze Fussballwelt mit Profiteams und Nationalmannschaften auch für Frauen gibt. Und dass ich mir auch Fussballerinnen zum Vorbild nehmen könnte.

Welches waren Ihre Vorbilder?
Zinédine Zidane, Ronaldo – der Brasilianer – und mit der Zeit auch Cristiano Ronaldo. Unter den Frauen wurde Lira Bajramaj mein grosses Vorbild. Sie stammt aus Albanien – wie ich – und spielte in der deutschen Nationalmannschaft. Ich sah mich in ihr, ich wollte für die Schweiz spielen und natürlich genau so gut werden wie sie.

Aber den Männerfussball haben Sie wohl weiterhin verfolgt.
Natürlich. Männerspiele sind interessanter. Männerfussball ist immer noch schneller, härter. Aber wir holen auf.

Wie genau verfolgen Sie die erste Mannschaft der Männer bei YB?
Ziemlich genau. Wir gehen oft an die Spiele, weil wir ja alle eine Jahreskarte haben. Wenn sie diesen Meistertitel jetzt endlich holen würden, das wäre top.

Wenn Sie an die Spiele gehen, sind Sie da ein Fan, oder tun Sie das eher mit professioneller Zurückhaltung?
Zweiteres. Ich will mich einfach hinsetzen und guten Fussball schauen.

Würde der Titel auch der Frauenmannschaft etwas bringen?
Kaum. Aber vielleicht werden wir ja an die Meisterfeier eingeladen.

Kennen sich die Frauen- und die Männermannschaften?
Nicht wirklich. Aber ich wünsche mir, dass sich das ändert. Wir sind auch die erste Mannschaft – ich finde, dass wir mehr Berührungspunkte haben sollten. Schliesslich spielen wir alle im selben Verein.

Die Träume, die Sie mit 16 hatten, haben Sie alle erreicht. Wovon träumen Sie heute?
Ich will im Ausland spielen, am liebsten in Deutschland. Dort könnte ich Profi sein, müsste nicht mehr nebenher arbeiten, so wie ich das heute muss. Das möchte ich einmal erleben. (Der Bund)

Erstellt: 16.04.2018, 06:31 Uhr

Zur Person

Florijana Ismaili ist 1995 in Aarberg zur Welt gekommen und in Worben im Seeland aufgewachsen. Ihre Eltern sind 1992 aus dem damaligen Jugoslawien in die Schweiz eingewandert. Ihre Juniorenzeit verbrachte sie beim FC Walperswil.

2011, mit 16 Jahren, wechselte sie zu YB, wo sie bald zu Einsätzen in der ersten Mannschaft kam. Seit 2014 steht sie regelmässig im Aufgebot der Schweizer Nationalmannschaft. Auch bei der Weltmeisterschaft 2015 in Kanada war sie dabei.(amo)

Zur Mannschaft

Die Geschichte der heutigen YB-Frauen begann 1970 beim FC Bern. Frauenfussballvereine waren verboten, so dass die Frauen sich einem Herrenverein anschliessen mussten. 2005 wurde die Frauenabteilung des FC Bern eigenständig, der FFC Bern wurde gegründet.

Seit 2009 gehört das Team zu YB. Seit dem letzten Titel der YB-Männer 1987 feierten die Frauen deren 16: 1992, 1995, 1996, 1997, 2000, 2001 und 2011 wurden sie Schweizer Meister. 1991, 1994, 1995, 1996, 1997, 1998, 1999, 2000, 2001 gewannen sie den Cup.(amo)

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