Die Chilbi, welche die Politik feckt und zwickt

Die jenischen Organisationen bereiten derzeit ihren grössten Kulturanlass des Jahres vor: Die Feckerchilbi.

Die beiden Jenischen, hier an der Chilbi in Brienz, werfen nicht bloss Steine – sie bootschnen.

Die beiden Jenischen, hier an der Chilbi in Brienz, werfen nicht bloss Steine – sie bootschnen.

(Bild: Sigi Tischler (Archiv))

Marc Lettau

Dass das «fahrende Volk» oft unterwegs ist, ist ziemlich naheliegend. Doch derzeit sind zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter der jenischen Organisationen so unermüdlich auf Achse, dass sich die Frage stellt: Was treibt sie denn derzeit dermassen an?

Die Antwort ist simpel: Zu zusätzlichen Fahrkilometern im jenischen Milieu führt der grösste jenische Kulturanlass, also die Feckerchilbi, die ab dem 15. September in Bern stattfinden wird. Erstmals in Bern, muss hier präzisiert werden, zumal Bern bisher für die Jenischen eher für Konflikt als für Kultur stand.

So wirkt etwa die «Schande von Bern», die von der Polizei ziemlich unzimperlich aufgelöste Protestversammlung Jenischer auf der Kleinen Allmend im Jahr 2014, bis heute nach.

Perfektes Timing

Die angekündigte Chilbi ist keine verkappte Neuauflage des damaligen Protests, sondern primär ein bunter Anlass – mit Markttreiben, Folklore, Gesprächen am Feuer und der Schweizer Meisterschaft im Bootschnen, also quasi das Eidgenössische der Jenischen.

Allerdings: Allein mit der Verlegung der Feckerchilbi in die Bundesstadt wird der jenische Anlass gewollt politisch – mit einem ungewollt perfekten Timing: In Bern sind just jetzt auf jeder staatlichen Ebene politische Entscheide zu fällen, die für Jenische – sowohl für die fahrenden wie die sesshaften – von Belang sind.

Alte Plätze, jetzt ganz neu

Bereits heute Donnerstag wird der bernische Grosse Rat entscheiden, ob der im Kanton Bern ausgewiesene Mangel an Halteplätzen für jenische Fahrende entschärft wird. In Erlach, Herzogenbuchsee und im Froumholz bei Muri sollen für insgesamt 2,7 Millionen Franken drei neue Halteplätze geschaffen werden.

Dieses Vorhaben steht gleich für zweierlei. Erstens signalisiert es den Willen der Kantonsregierung, den Bedürfnissen der anerkannten Minderheit jetzt gerecht zu werden. Zweitens dokumentiert es gleichzeitig, wie unwillig bisher auf Minderheitenrechte reagiert wurde: Den vorgeschlagenen Platz in Muri als neu zu bezeichnen, ist schon fast kühn.

Das Areal wurde nämlich bereits 1994 planungsrechtlich als Platz für Fahrende ausgeschieden. Nur, diesen zu bauen, hatte man vergessen. Er belegt somit primär das Talent des Ausblendens der Mehrheitsgesellschaft.

Radikal-Opposition gegen Roma

Der zweite im Grossen Rat anstehende Entscheid ist weit stärker aufgeladen: Dem von der Regierung vorgeschlagenen Transitplatz für ausländische Fahrende in Meinisberg weht ein eisiger Wind entgegen, einerseits wegen grundsätzlicher Opposition, anderseits wegen Vorbehalten gegenüber den Kosten des über zehn Millionen Franken teuren Ansinnens.

Nur: Das sachte wachsende Wohlwollen gegenüber schweizerischen Fahrenden und die gleichzeitige Fundamental-Opposition gegenüber den Anliegen der oft in grösseren Verbänden reisenden Roma schaffen aus Sicht der Jenischen eine knifflige Situation. Ihre Sicht: Erst die Schaffung von Transitplätzen nimmt von den schweizerischen Jenischen im erhofften Mass Druck weg.

Ausbauträume in Bern-Buech

Heute Donnerstag in einer Woche wird die Feckerchilbi eröffnet. Am Abend des gleichen Donnerstags wird der Berner Stadtrat ein dringliches jenisches Anliegen beraten: die drohenden Räumungen auf dem Standplatz für Sinti und Jenische in Bern-Buech respektive die Forderung nach einem Ausbau dieses chronisch überbelegten Winterquartiers.

Für den Stadtrat ists eine besondere Situation: Die potenziell betroffene Klientel ist schön zeitgerecht in der Stadt versammelt.

Im Zentrum die Anerkennung

Bleibt noch Bern als Bundesstadt. Auch sie – respektive der Bundesrat – ist gefordert, eine für die Jenischen politische Frage zu klären. Sie betrifft das Selbstverständnis der Jenischen und dreht sich um die Anerkennung im weiteren Sinn. Zwar hielt der Bundesrat 1997 fest, er anerkenne die schweizerischen Fahrenden als nationale Minderheit.

Doch die Reduktion auf «die fahrende Lebensweise» stellte die Jenischen vor eine neue Zerreissprobe, denn die meisten sind sesshaft. Insbesondere sesshafte Opfer der Aktion «Kinder der Landstrasse» erlebten die enge Auslegung als Infragestellung ihrer Selbstwahrnehmung als Jenische.

Im Frühjahr forderten die Organisationen der Jenischen und der Sinti den Bundesrat deshalb per Petition auf, die Minderheiten an sich anzuerkennen und nicht nur das Mobilitätsverhalten einer Minderheit dieser Minderheiten. Fällt die Feckerchilbi auch da mit der von Jenischen erhofften politischen Klärung zusammen?

Zumindest ist das gut möglich. Bundesrat Alain Berset hat sein Kommen angekündigt und wird die Eröffnungsansprache halten. Was Berset sagen wird, ist zwar offen. Was die Jenischen von ihm hören möchten, ist hingegen klar.

Der Bund

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