Die Blutprobe kommt mit der Drohne statt mit dem Taxi

Künftig werden die Laborproben vom Tiefenau- ins Inselspital geflogen. Das spart wertvolle Minuten, kostet herkömmliche Transportunternehmen aber Aufträge.

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Das Spital Tiefenau hat einen Notfall: Eine Frau mit starken Schmerzen muss sofort behandelt werden. Der verantwortliche Arzt vermutet ein Nierenversagen. Um sicherzugehen, ob seine Diagnose stimmt, schickt er eine Blutprobe in das spezialisierte Inselspital – mit einer Drohne.

Mittlerweile ist das keine Zukunftsmusik mehr. In Lugano hat die Post laut eigenen Angaben bereits 1000 Flüge erfolgreich und ohne Zwischenfälle durchgeführt. Nächste Station ist nun das Inselspital in Bern. Das Projekt beginnt am Mittwoch und läuft zwei Wochen. Es ist ein gemeinsames Projekt der Post und der Insel-Gruppe. Die beiden Partner sind überzeugt, dass sich die Drohne bewähren wird. «Normalerweise dauert der Transport einer Probe 15 Minuten, mit der Drohne sind es nur 5», sagt Fried-Michael Dahlweid, der Leiter Abteilung Forschung und Entwicklung der Insel-Gruppe. Mit 70 Kilometern pro Stunde überfliegt die Drohne die Stadt und landet innert weniger Minuten im Labor, wo die Auswertung sofort beginnen kann.

Keine Angst vor Unfällen

Die Insel-Gruppe beschäftige sich schon lange mit neuen Technologien. Die Drohne sei eine extrem gute Anwendungsmöglichkeit, um effizienter zu arbeiten, sagt Dahlweid. Die Drohne, die jetzt im Einsatz ist, hat ein Eigengewicht von 10 Kilogramm und kann bis zu 2 Kilogramm laden. An Menschen, die mit Drohnen in das Inselspital gebracht werden, denkt Dahlweid deshalb noch nicht. «Der nächste Schritt könnte aber der Medikamententransport sein.»

In den nächsten zwei Wochen flitzt die Drohne etwa 10 Mal pro Tag über Bern hin und her. Damit es zu keinen Kollisionen kommt, gibt es laut der Post Vorkehrungen. «Die Drohnenflüge sind vom Bundesamt für zivile Luftfahrt (Bazl) bewilligt», sagt Claudia Pletscher, Leiterin Entwicklung und Innovation bei der Post. Da die Flugroute der Drohne mehr als fünf Kilometer vom Flughafen Bern-Belp entfernt ist, braucht es keine Sonderbewilligung vom Flughafen.

Auch bestehe kein Anlass zur Sorge, dass die Drohne mit einem Helikopter auf dem Inselareal zusammenstossen könne, sagt Pletscher. «Wenn ein Helikopter ankommt, wird das dem System gemeldet, und die Drohne bleibt am Boden.» Erst Minuten nachdem der Helikopter wieder gestartet ist, darf die Drohne abheben. Sollte die Drohne abstürzen, hat sie einen Fallschirm eingebaut, der den Fall abfedern soll. Nicht starten kann die Drohne bei starkem Wind, Regen oder Schnee.

Die Software für die Drohnenflüge stammt von der amerikanischen Firma Matternet. Sie führt das Pilotprojekt im Auftrag von Post und Insel-Gruppe durch.

Umsatz für Taxis bricht weg

Direkt betroffen von den neuen Transporten ist Nova Taxi. Nachts, wenn kein Transportunternehmen unterwegs ist, bringt Nova Taxi die Laborproben so schnell wie möglich an ihr Ziel. Der Transport ist vertraglich geregelt. Der Geschäftsleiter Markus Kunz sagt, dass es «eine Entwicklung sei, die man nicht aufhalten könne». Laut dem Unternehmer ist jedes Taxiunternehmen froh um Zusatzfahrten. «Die Labortransporte dürften künftig wegbrechen», sagt Kunz.

Er hat sich selbst auch schon mit den Drohnen beschäftigt. So hat er abklären lassen, ob sein Unternehmen selbst ein solches Angebot durchführen könnte. Es habe sich aber schnell gezeigt, dass «die Auflagen des Bazl und der administrative Aufwand für uns zu gross sind». Bei der gestrigen Vorführung klappte die Landung auf dem Inselheim gut. Die Drohne flog an, durch ein Infrarotsignal erkannte sie ihren Bestimmungsort. Kaum sichtbar senkte sie sich über den Köpfen immer mehr hinunter und landete schliesslich sanft am dafür vorgesehen Platz.

(Der Bund)

Erstellt: 05.06.2018, 21:03 Uhr

Michel Guillaume
Leiter Zentrum für Aviatik
an der ZHAW Winterthur

«Pizza-Lieferungen sind nicht sinnvoll»

Herr Guillaume, das Inselspital setzt auf Transportdrohnen. Hängt bald der ganze Schweizer Himmel voller Drohnen?
Ich glaube nicht, dass in der Schweiz bald ganze Schwärme an Drohnen verkehren. Die Nutzung von grösseren Drohnen ist klar geregelt, es braucht entsprechende Dokumente und Sicherheitsnachweise, um sie einsetzen zu können.

Wie sinnvoll ist ein Transport von Blutproben mit Drohnen überhaupt?
Drohnen für den Gütertransport sind dann sinnvoll, wenn es schnell gehen muss und die Güter wertvoll sind. Insofern ist das Projekt sinnvoll. Was sich nicht lohnen würde, wäre etwa, Pizzas mit einer Drohne auszuliefern.

Wo ist der Einsatz von Drohnen sonst noch sinnvoll?
Sicher bei der Überwachung von kritischer Infrastruktur, zum Beispiel von Starkstromleitungen. Wir glauben zudem, dass in fünf bis zehn Jahren die Personentransportdrohne auch in der Schweiz zum Einsatz kommt, etwa als VIP-Transportmittel vom Flughafen Kloten in die Stadt Zürich.

Welche Risiken sehen Sie, wenn Drohnen vermehrt zum Einsatz kommen?
Eine Drohne wird dann zum Problem, wenn sie nicht mehr zu kontrollieren ist. Wer eine Bewilligung beantragt, muss erklären, wie er mit diesem Risiko umzugehen gedenkt.

Kürzlich ist im Tessin eine Drohne mit einem Helikopter kollidiert. Wie können solche Vorfälle in Zukunft verhindert werden?
Zuerst: Der Drohnenpilot war in der Sperrzone des Flughafens unterwegs, was illegal ist. Wichtig ist, dass die Drohnen und ihre Besitzer künftig identifiziert werden können. Zudem ist man daran, die Drohnen so in den Luftraum zu integrieren, dass Flugzeuge und Helikopter sie erkennen können – und umgekehrt. (zec)

Rechtliche Situation

Drohnenfreundliche Schweiz

In der Schweiz sind Drohnenflüge im weltweiten Vergleich sehr unkompliziert. Ist eine Drohne weniger als 30 Kilogramm schwer, brauchen Piloten grundsätzlich keine Bewilligung. Sie müssen aber einige Bedingungen einhalten. Vorgeschrieben ist der ständige Sichtkontakt zum Fluggerät. Wer mit Videobrille fliegen will, braucht einen zweiten Piloten, der den Sichtkontakt zum Gerät wahrt und im Notfall eingreifen könnte. Grössere Einschränkungen gibt es in der Nähe von Flughäfen und -plätzen. In einem Umkreis von fünf Kilometern dürfen hier keine Drohnen geflogen werden. In der Kontrollzone, ein weitergezogener Schutzbereich um die Flughäfen, darf die Drohne nicht höher als 150 Meter steigen. Tabu sind zudem Flüge über militärische Anlagen und Naturschutzzonen, etwa für Vögel. Mit grösseren Drohnen ist es ohne Bewilligung zudem nicht erlaubt, näher als 100 Meter an eine Menschenmengen zu fliegen. Ist die Drohne aber leichter als 500 Gramm, ist dies dennoch möglich. Aber Achtung: Sollte eine solche Mini-Drohne abstürzen, ist ihr Pilot für allfällige Schäden haftbar. Wer mit einer Kamera-Drohne über die Gärten in der Nachbarschaft fliegt, sollte sich zudem bewusst sein, dass er die Privatsphäre des Nachbars verletzen könnte. (zec)

Von Rehkitzen bis zu Rebhängen

Der kommerzielle Einsatz von Drohnen in der Schweiz nimmt zu

Der Trend zur Drohne ist nicht zu übersehen: «Die Zahl der in der Schweiz verkauften Drohnen dürfte mehr als hunderttausend Stück betragen», sagt Nicole Räz vom Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl). Genaue Zahlen sind nicht bekannt. Wer eine Drohne kauft, wird nicht registriert. Das soll sich in Zukunft ändern – auch um die Sicherheit in der Luftfahrt zu gewährleisten, so Räz. Künftig sollen Drohnen und ihre Besitzer identifiziert werden können. Bereits im nächsten Jahr könnten Drohnenpiloten zudem zu einer Führerprüfung verpflichtet sein.
Noch aber gehört die Schweiz zu den liberalsten Ländern, was Drohnen betrifft (kleiner Text rechts). Das hat Folgen: «2018 verzeichneten wir im Durchschnitt jeden Tag ein neues Mitglied», sagt Reto Büttner vom Schweizerischen Verband Ziviler Drohnen. Von den etwa 700 Mitgliedern des Verbandes sei etwa die Hälfte kommerziell tätig. Dominierend sei dabei die Luftbildfotografie. Aber auch in der Vermessungstechnik würden bereits viele Drohnen eingesetzt. Ebenfalls eine immer wichtigere Rolle spielten Drohnen – neben ihrem Einsatz im Transportwesen – auch in der Landwirtschaft, wie Büttner sagt.
So setzen Bauern auf Drohnen, um vor dem Mähen Rehkitze im hohen Gras zu lokalisieren. Auch gegen den Maiszünsler kommen Drohnen zum Einsatz: Mithilfe der Fluggeräte lassen sich Larven der Trichogramma-Schlupfwespen ausbringen, welche von den Eiern des Maiszünslers leben. Künftig sollen auch Spritzmittel per Drohne ausgebracht werden können. Dazu ist aktuell noch eine Spezialbewilligung erforderlich. Die erste davon hat eine Walliser Firma erhalten, die schwer zugängliche Rebberge mit Drohnen spritzen will.
Auch die SBB setzen auf Drohnen: Mit den Fluggeräten kontrollieren sie den Zustand der Leitungsmasten.(zec)

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