Die Berner Wespen stechen zu

Gelb-schwarzes Signal zum Start der Fussballsaison: YB verdient sich das 2:0 gegen Basel – der Meister enttäuscht.

Der Berner Michel Aebischer, rechts, im Duell mit dem Basler Taulant Xhaka.

Der Berner Michel Aebischer, rechts, im Duell mit dem Basler Taulant Xhaka.

(Bild: Keystone Peter Schneider)

Ueli Kägi@ukaegi

Sie sind wie Wespen. Schwärmen aus. Umkreisen die Gegner. Und holen sich dann, was sie sich holen wollen.

So ist das beim Super-League-Auftakt. YB empfängt Basel. Ewiger Zweiter gegen ewiger Meister. Aber in Bern ist die Lust gross, das zu ändern. 31 120 Zuschauer sind ins Stade de Suisse gekommen, um die Show mitzuerleben. Und als sie nach fast zwei Stunden nach Hause gehen könnten, bleiben sie da. Vor Freude.

45 Minuten lang ist der Match schwere Kost, in Erinnerung bleibt einzig der Bodycheck des Baslers Suchy gegen YB-Stürmer Assalé. Aber dann kommt Halbzeit 2. Und damit auch einer, der auf Knien über den Kunstrasen schlittert. Yoric Ravet erlöst YB in der 58. Minute und gibt dem Spiel die erste gehaltvolle Geschichte. Er umkurvt Luca Zuffi mit einem Trick, den er vermutlich gar nicht so geplant hat. Dann setzt der 27-jährige Franzose zum Flachschuss in die Ecke und zum Jubel an der Cornerflagge an.

1:0 für YB, das nach der Pause schneller und kräftiger wird, das den FC Basel angreift, sticht. Und besiegt. Sulejmani trifft in der 80. Minute mit wunderschönem Freistoss via Lattenunterseite zum 2:0. Als das Spiel zu Ende ist, greift der ­Stadion-DJ in Zürich West in die Kiste mit den lokalen Musik-­Memorabilien: Hütt hei sie ebe wieder mau gwunne. An einem Abend, den nicht nur Ravet geprägt hat.

David von Ballmoos – Weil es die Lehrerin wollte
David von Ballmoos steht im Tor, weil es die Lehrerin so wollte. Man solle den lebendigen Buben doch in den Fussballclub schicken, schlägt sie in der 3. Klasse vor. Von Ballmoos also geht zum SV Koppigen und ist zuerst Feldspieler, bis er sich so fest über den zu klein gewachsenen Goalie ärgert, dass er selbst die Handschuhe anzieht. Im Emmental ist der 22-Jährige aufgewachsen. Wenn er vom elterlichen Bauernhof ins Tal blickt, sieht er die Glungge, den Hof aus dem Film «Uli der Knecht». Und genau so, wie sich das alles anhört, ist Von Ballmoos. Bodenständig. Er hat eine Lehre als Landmaschinenmechaniker gemacht. Und wenn es dem Vater auf dem Hof etwas zu helfen gibt, dann steht er bereit.

Die vergangenen zwei Jahre verbringt der 192-cm-Mann leihweise in Winterthur, nach dem Abgang von Mvogo ist er jetzt als Nummer 1 zurückgekehrt. Von Ballmoos sagt über von Ballmoos: «Ich bin der Typ, der sich alles erarbeiten muss, dem nichts zufliegt.» Er kann dem Ball nicht entgegenschweben wie Yann Sommer. Er ist mit dem Fuss nicht so stark wie Roman Bürki. Aber arbeiten, das kann er. «Ihn kannst du morgens um drei Uhr zum Goalietraining aufbieten, und er käme sofort.» So erzählt das Winterthurs Goalietrainer Paolo Cesari. Oliver Kahn ist Von Ballmoos’ Vorbild. Das Debüt des 88-Kilo-Brocken ist bemerkenswert. Wenn der Ball auf ihn zufliegt, hält und faustet er stilsicher. Seinen besten Moment hat er, als er einen zischenden Schuss Langs an sich abprallen lässt wie King Kong die Flugzeuge beim Ausflug auf die Wolkenkratzer von New York. Nach dem Match spürt Von Ballmoos «enorme Erleichterung».

Ricky van Wolfswinkel – Der Neue ohne Einfluss
Wenn es Nacht wird, streift sich ­Ricky van Wolfswinkel das FCB-Dress von Marco Streller über. Er benutze das Trikot als Pyjama, hat er bei seiner Ankunft in Basel erzählt. Die zwei Stürmer haben einst im Europacup gegeneinander gespielt und die Leibchen getauscht.

28-jährig ist van Wolfswinkel. Er findet, er habe eindeutig zu ­viele Clubs hinter sich. Im Ausland ist er zuletzt bei Norwich und Betis Sevilla gescheitert. Nach einem ­guten Jahr zu Hause in Holland bei Vitesse Arnheim ist Basel seine neunte Station im Profifussball.

Wobei sich an diesem Samstagabend bald einmal die Frage stellt, ob er wirklich schon angekommen ist in der Mannschaft. Van Wolfswinkel, das einzige neue Gesicht in der Basler Aufstellung, hat keinen Abschluss. Und keinen guten Moment. Er ist damit zwar un­gefähr gleich unbedeutend wie Guillaume Hoarau auf der anderen Seite. Nur kann sich YB den Ausfall seines eigentlich besten Stürmers leisten.

Raphael Wicky – Gelassener Debütant
Unter der Woche sagt Raphael ­Wicky Sätze wie: «Die Fans sollen uns gern zuschauen.» Oder: «Wir wollen taktisch flexiblen Fussball zeigen.» Sieben Jahre lang hat er ­Junioren trainiert, zuerst bei Servette, ab 2013 beim FCB, jetzt ist er zu den Profis aufgestiegen. Er muss da gleich hohe Ansprüche der neuen Vereinsführung erfüllen: das Team verjüngen, eine neue Dynamik entfachen, die Attraktivität steigern – und Pokale gewinnen. Er sagt: «Ich kann mich mit den Zielen zu hundert Prozent identifizieren.»

Der 40-Jährige wirkt nicht nur gelassen, er ist es auch. Das bestätigen Leute, die mit ihm zusammenarbeiten. Er ist aber entschlossen: Er will beweisen, dass ihn die Aufgabe nicht überfordert.

Er überlegt vor dem YB-Match verschiedene Varianten: Dreierkette, Regisseur Delgado ins defensive Mittelfeld zurückzuziehen, Nachwuchsmann Schmid von Beginn an im offensiven Zentrum – und belässt dann doch alles beim bewährten 4-2-3-1. Am Abend seines Debüts trägt Wicky eine Trainerhose, ein rotes Polo-Shirt und eine Brille, er erinnert ein bisschen an einen Sportstudenten. Er coacht, klatscht, ­dirigiert, manchmal verwirft er die Hände, die Emotionen hat er trotzdem immer unter Kontrolle: Als das 0:1 fällt, als das 0:2 folgt, auch hinterher. «Ich kann meinem Team keinen Vorwurf machen. Wir nahmen die Zweikämpfe bis zum Rückstand gut an und verhielten uns dann einmal in der Defensive nicht gut.» Niedergeschlagen wirkt Neu-Trainer Wicky so wenig wie Neu-Sportchef Marco Streller. «Wir bleiben ruhig», betont Streller, «unsere Spieler sind es sich nach den vergangenen Saisons nicht gerade ­gewohnt, zu verlieren. Das Lachen wird aber bald zurückkehren.» Trotzdem: Machen Sie sich aufgrund dieses Auftritts irgend­welche Sorgen für die nächsten Wochen? «Nein.»

Christoph Spycher – Mit guter Mentalität
Nach 65 Minuten wird auf der Anzeigetafel die Blitztabelle eingeblendet. Viel Sinn macht das zwar nicht, aber lustig ist es trotzdem für die Fans in Gelb-Schwarz: Platz 1. Sie jubeln. Und sie dürfen am Ende weiter jubeln. Über einen Sieg, der perfekt in die ­aktuelle Berner Gefühlswelt passt: Wann, wenn nicht in diesem Jahr, soll es noch gelingen, den FC Basel zu überholen?

Ihre Hoffnung hat auch mit einem Mann zu tun: Sportchef Christoph Spycher. Der 39-Jährige hat in der lokalen Presse viel Gutes über sich lesen dürfen. Wie er bei YB Altlasten beseitigte. Wie er klug einkaufte. Wie er auch hohe Transfererlöse generierte. Am Morgen vor dem Match sagt er: «Die Erwartungshaltung ist sehr hoch, das spüre ich schon. Aber wir lassen uns davon nicht beeinflussen. Von uns sagt keiner, dass wir Basel angreifen und Meister werden wollen.»

Am Abend setzt er sich auf die Tribüne, sieht eine Mannschaft, die am Anfang ihre Nervosität nicht verbergen kann. Die ihm aber danach mit ihrer Mentalität imponiert: «Wir hielten mit unseren physischen Qualitäten dagegen, hatten die klareren Chancen und verdienten uns das 2:0.» Nur lässt ihn das bei weitem nicht euphorisch werden: «Es wird Rück­schläge geben, das ist doch logisch. Aber darauf sind wir eingestellt.» Dann verabschiedet er sich in den VIP-Bereich: «Es ist ein ­schöner Anfang. Nicht mehr, nicht weniger.»

DerBund.ch/Newsnet

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