Die Belagerung von Karthago

Ritterspiele: Das Berner Stadtparlament hat am Donnerstag zum wiederholten Male sein publikumswirksamstes Stück aufgeführt: die Debatte um die Reitschule, ähh, Karthago.

Blaue Ritter und Herumstreicher, kürzlich in Karthago.

Blaue Ritter und Herumstreicher, kürzlich in Karthago.

(Bild: Stringer (Keystone))

Der Vorhang hebt sich. Das Theaterensemble (vulgo: Stadtrat) inszeniert die «Belagerung von Karthago». Ein gutes Stück, wahrlich, aber schon oft gezeigt. Der Anlass für die Neuaufführung: Vagabunden und Herumstreicher haben in der letzten Woche gleich mehrfach Rittersleute mit Pflastersteinen angegriffen und diese mit neumodischen Richtlaternen geblendet. Die Ritter wiederum wehrten sich mit einer Giftmischung und Gummigeschossen. Als die edlen Ritter die Übeltäter einsperren wollten, versteckten sich diese in Karthago. Mehr noch: Offenbar nutzte das elende Gesindel Karthago als Zwischendepot für seine Keulen und Morgensterne.

Erster Akt Auftritt Cato, gespielt von Alexander Feuz und Erich Hess (beide SVP) in Doppelbesetzung. Cato I dankt den Rittern in den blauen Rüstungen und verurteilt die Vagabunden: «Es sind Kriminelle; sie haben Tote und Schwerverletzte in Kauf genommen.» Nun gelte es, ein Zeichen zu setzen und diese «mit aller Härte des Gesetzes» zu bestrafen. «Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss», sagt Cato II, mit Haaren so spitz wie Hellebarden. Denn alle Chaoten zögen sich immer dorthin zurück, nachdem sie die Stadt kaputt geschlagen hätten.

Zweiter Akt

Auftritt Publius Cornelius Scipio Nasica Serapio, gespielt von Lea Bill (Grünes Bündnis). [Anmerkung des Verfassers: Der Stadtrat ist bekannt für seine postmodernen Inszenierungen.] Publius Cornelius Scipio Nasica Serapio mag Karthago, weil dort die besten Barden der Region auftreten. Die Schuld der Geschehnisse sieht sie darum auch nicht bei den Puniern, den Bewohner Karthagos, sondern hauptsächlich bei den Rittern mit den blauen Rüstungen. Das Verhalten der Übeltäter sei zwar «schwach» und «unnötig», zu einer Eskalation brauche es aber immer zwei, sagt die holde Maid mit dem kastanienbrauen Haar. Es sei gar besonders unverständlich, dass die Ritter die Vagabunden aus ihrem besetzten Haus verjagt und alle Protestkundgebungen verhindert hätten.

Dritter Akt

Auftritt Chor, gespielt von Milena Daphinoff (CVP). Der Chor singt: «I weiss, das macht eim heiss, verschlat eim d Stimm. Doch dünkt eim mängisch o s syg nid so schlimm. S isch glych es Glück, o we mirs gar nid wei. Dass mir Gsetz u Astand hei. Was unterscheidet üs ir Politik de vom Chaot. S isch nid dr fehlend Stei u ds täglich Brot. Nid dass mir üs nid informiere, nei. Dass mir Hemmige hei. Me stell sich ds Ganze vor, wenns anders wär. Und s chäm e neue Gwaltumzug dehär. Itz chönt me handle wie bisher no nie. Ohni Hemmige, nei! Will mir Verantwortig hei!»

Vierter Akt

Auftritt Zauderius, gespielt von Stadtpräsident Alec von Graffenried (GFL) in Neubesetzung. Er lobt zuerst die Punier. Sie seien im Austausch mit den Rittern in blauer Rüstung gestanden, sagte er. Auch hätten diese die Touristen heil aus der umriegelten Stadt geführt. Es gebe aber schon noch gewisse Fragen, die er mit den Bewohnern Karthagos «diskutieren» wolle, fuhr Zauderius fort. Die Ritter mit den blauen Rüstungen forderten etwa, dass die Punier das Stadttor auf Geheiss schliessen sollen. «Sie müssen überlegen, wie lange sie noch als Besammlungs- und Rückzugsort der Übeltäter dienen wollen.»

Fünfter Akt

Auftritt Inquisitor, gespielt von Ratspräsident Christoph Zimmerli (FDP). Lieber Zauderius, sagt er: «Sie haben zu lange gesprochen, Ihre Zeit ist um.» Im Artikel 49, Absatz 3 des Geschäftsreglements des Stadtrats sei dies schwarz auf weiss festgehalten. Zauderius stockt. Der Vorhang fällt. Das nächste Traktandum beginnt.

Der Bund

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