Die Bauern werden ins Computerzeitalter gedrängt

Ohne Internet kein Geld: Erstmals mussten alle Bauern im Kanton Bern die Daten für die Direktzahlungen elektronisch erfassen. Ein Vorstoss im Grossen Rat erachtet die Änderung als Diskriminierung der Landwirte ohne EDV und Internetanschluss.

Landwirt Walter Mani aus Entschwil hat keinen Computer, weiss sich aber zu helfen.

Landwirt Walter Mani aus Entschwil hat keinen Computer, weiss sich aber zu helfen.

(Bild: Yoshiko Kusano)

Anita Bachmann@anita_bachmann

Einen Computer bedienen, das kann doch jedes Kind. Für Kinder mag das wohl zutreffen, für Erwachsene, vor allem für ältere, ist das aber keine Selbstverständlichkeit. «Ich bin in einem Alter, in dem ich das sicher nicht mehr lerne», sagt Walter Mani. Der 59-jährige Landwirt aus Entschwil besitzt keinen Computer und hat keinen Internetzugang. Damit ist er nicht der Einzige. Aber gerade Landwirte sind seit diesem Herbst nun auf EDV angewiesen. Denn im Kanton Bern mussten erstmals alle Landwirte die Agrardaten für die Direktzahlungen elektronisch erfassen.

Mani bewirtschaftet einen Aufzuchtbetrieb mit 22 Hektaren Land inklusive Alp zusammen mit seinem älteren Bruder, Kinder hat er keine. Um die Agrardaten zu erheben, bat er deshalb eine Bekannte um Hilfe. Natürlich habe er ihr etwas bezahlt dafür. «So viel Anstand habe ich», sagt Mani. Begeistert über die neue Anforderung ist er nicht. Es gehe wohl nur darum die «alte Mandleni» zu tyrannisieren, sagt er.

Gegen Diskriminierung

Schlechte Erfahrungen hat Mani auch mit der Tierverkehrsdatenbank gemacht. Dort ist die herkömmliche Meldeform auf Papier zwar noch möglich, aber weil es in den Daten von Sömmerungstieren auf seiner Alp angeblich Fehler gehabt habe, habe er prompt eine Busse bekommen. Dass sich bei der Datenerhebung für die Direktzahlungen keine Fehler einschlichen, dafür sorgten bis anhin vielerorts die Ackerbaustellenleiter, die die Datenblätter vor dem Abschicken zusammen mit den Bauern kontrollierten. Einer der Ackerbaustellenleiter, die jetzt neu Erhebungsstellenleiter heissen, ist Hansruedi Gertsch aus Weissenburg. Die elektronische Erhebung der Daten wäre kein Problem, wenn auch die Papierform daneben weiterhin angeboten würde, sagt er. Seine Ansicht deckt sich mit SVP-Grossrat Thomas Knutti aus Weissenburg, der in einer Motion fordert: «Keine Diskriminierung für Landwirte ohne EDV und ungenügenden Internetanschluss». Analog der Steuererklärung, die wahlweise im Internet oder auf Papier ausgefüllt werden kann, verlangt Knutti in seinem Vorstoss, dass auch die Bauern auf Wunsch die Agrardatenerhebungsformulare noch in Papierform erhalten.

Im Frühling wirds schwieriger

Nach einer Pilotphase, in der die Erhebungsstellenleiter ihre Daten elektronisch eingaben, wurde die Umstellung nun für alle vollzogen. Gertsch, selber Landwirt, sagt, dass die erste elektronische Datenerhebung für alle in diesem Herbst relativ einfach gewesen sei. Bei der Herbsterhebung gehe es praktisch nur darum, ein Kreuzchen zu setzen. Im Frühling müssten dann aber Flächenangaben, Ökoflächen, Tierdaten und allfällige Mutationen bei der Betriebsleitung erfasst werden. Als Erhebungsstellenleiter habe ihn ein Landwirt auf die Datenerhebung angesprochen. «Wie soll ich das jetzt machen?», habe ihn der Bauer gefragt, sagt er. Zudem würden wohl ebenfalls eher ältere Landwirte die Daten ihres Betriebs nur ungern preisgeben, wenn sie ausserhalb der Familie Unterstützung suchen müssten.

Wer keine computerversierten Kinder oder Nachbarn hat, kann bei den sogenannten Unterstützern Hilfe holen. Die tendenziell jüngeren Landwirte mit EDV-Kenntnissen aus allen Kantonsteilen figurieren auf einer langen Liste. Für ihre Aufgabe als Unterstützer besuchten sie eigens eine halbtägige Ausbildung, wie Andreas Beutler aus Weissenburg erklärt. Ihn habe als Unterstützer bis jetzt aber lediglich ein Bauer aufgesucht. Gar niemand suchte Hilfe bei seinem Kollegen in Diemtigen, Anton Kernen. Er werde aber auch den zweiten halben Ausbildungstag für die Frühlingserhebung besuchen und als Unterstützer zur Verfügung stehen.

«Niemand muss PC kaufen»

Wenig Verständnis für das Anliegen der Motion zeigt der Regierungsrat in seiner Antwort und empfiehlt den Vorstoss zur Ablehnung. Die korrekte Ausrichtung von landwirtschaftlichen Direktzahlungen an mehr als 11'000 beitragsberechtigte Bewirtschaftende stelle nach wie vor eine besondere Herausforderung für die Agrarverwaltung dar, schreibt der Regierungsrat. Deshalb sei eine Lösung für eine effiziente Erhebung der Daten entwickelt worden. Das führe zu einer spürbaren Arbeitserleichterung und reduziere Übertragungsfehler. Der Regierungsrat rühmt zudem die Benutzerfreundlichkeit des Programms.

Der Aufwand an Zeit und allenfalls an Geld für diejenigen Bauern, die die Erfassung machen lassen müssen, sei vertretbar, findet Ueli Scherz, Leiter Abteilung Direktzahlungen beim Kanton. «Es geht um Direktzahlungen in der Höhe von vier- bis sechstelligen Beträgen», sagt er. Im Agrarkanton Bern werden jährlich rund 555 Millionen Franken Direktzahlungen ausbezahlt. Auf der anderen Seite koste das Erfassenlassen der Daten bei einem Unterstützer 45 bis 70 Franken.

Weil die erste elektronische Erhebung in diesem Herbst sehr gut gelaufen sei, sei man über den Vorstoss im Grossen Rat erstaunt, sagt Scherz. Dass die Umstellung nicht abgestuft, mit Weiterbestehen der Papierform, erfolgt sei, begründet Scherz so: «Wir haben einen Schritt vorwärts gewagt.» Die jungen Bauern hätten auf eine solche Lösung gewartet. Trotzdem habe er Verständnis für die älteren Bauern. Aber, «wir zwingen niemanden, sich einen Computer anzuschaffen oder eine Internetverbindung einzurichten», sagt Scherz.

Der Bund

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt