Der Unauffällige

Er ist jeden Abend an Anlässen, um für die Interessen der Stadt zu weibeln: Wie sich Alec von Graffenried die Zukunft Berns genau vorstellt, bleibt aber unklar.

Ein, zwei, viele Alecs? Der Berner Stadtpräsident Alec von Graffenried geht auf alle Interessengruppen zu.

Ein, zwei, viele Alecs? Der Berner Stadtpräsident Alec von Graffenried geht auf alle Interessengruppen zu.

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Beinahe. Beinahe wäre das Mehrheitsbündnis von Rot-Grün-Mitte (RGM) wegen der Wahl Alec von Graffenrieds (GFL) ins Stadtpräsidium zerbrochen. Denn anstelle des ersten grünen Stadtpräsidenten hätte mit Ursula Wyss (SP) die erste Frau in den Erlacherhof einziehen sollen. Aber die SP liess mehrere rot-grüne Kandidaturen zu und von Graffenried die Konkurrenz in zwei Wahlgängen hinter sich. Viele im RGM-Bündnis waren konsterniert, aber das Bündnis war gerettet. Allerdings ist der Stadtpräsident auf Gedeih und Verderb auf den Goodwill seiner Bündnispartner von der SP und vom Grünen Bündnis (GB) angewiesen.

Gefangen im Bündnis

Der Stadtpräsident als Geisel seiner Bündnispartner im Gemeinderat. So denken einige im bürgerlichen Lager. Die grosse Mehrheit nimmt es ihm aber bis heute übel, dass er sich nach seiner Wahl nicht mehr für eine Steuersenkung einsetzte, obwohl die Rechnungsabschlüsse es zugelassen hätten. Stattdessen hat der Gemeinderat sogar einen Ausbau des Etats um 56 Stellen präsentiert. Es schien, als ob das Gremium die «Bestellzettel» der Direktionen einfach durchgewinkt hätte. Sogar auf linker Seite wurde eine Prioritätensetzung vermisst.

Manche sagen, dass von Graffenried seine Führungsaufgabe nicht wahrgenommen habe. Schliesslich strich der Gemeinderat einige Stellen wieder. Ob das dem Stadtpräsidenten zu verdanken oder bloss dem öffentlichen Druck geschuldet ist, bleibt offen. Ebenso unklar ist letztlich die Haltung von Graffenrieds zur Frage der Steuersenkung. Klar ist einzig, dass die verhinderte Steuersenkung ein Paradebeispiel für die Abhängigkeit von seinen Bündnispartnern ist.

Es gelingt ihm,
seinen Bekanntheitsgrad zu erhalten, ohne sich angreifbar zu machen. Sein politisches Profil bleibt aber diffus.
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Dabei kommt dem Softgrünen entgegen, dass die geheime Entscheid­findung im Gemeinderat noch etwas geheimer geworden ist. Dies vor allem deshalb, weil Rot-Grün aufgrund der Zersplitterung der Bürgerlichen vier von fünf Sitzen in der Exekutive erobern konnte – trotz eines Wähleranteils von knapp 62 Prozent. Dem Stadtpräsidenten ist so die Rolle des Züngleins an der Waage verwehrt. Eine Rekonstruktion des Abstimmungsverhaltens ist nicht möglich. Dies trägt dazu bei, dass vom rechten bis zum linken Rand des politischen Spektrums niemand so recht weiss, für welche Politik von Graffenried eigentlich einsteht und wie er sich Berns Zukunft vorstellt.

Im Schatten der anderen

Für Schlagzeilen sorgen die anderen. Ex-Konkurrentin Wyss konnte sich mit der Velo-Offensive und den Platzgestaltungen derart in Szene setzen, dass sie von der «Berner Zeitung» zur heimlichen Leaderin im Gemeinderat erkoren wurde. Finanzdirektor Michael Aebersold (SP) inszenierte sich als Schutzherrn der Mittellosen, indem er die Stadt zur Bauherrin für subventionierte Wohnungen machen will. Und Franziska Teuscher (GB) konnte neuen Schulraum einweihen, für deren Sanierung aber eine Abteilung der Präsidialdirektion zuständig ist. Und von Graffenried?

Er ist zwar vielerorts präsent, aber oft abseits der Mikrofone. Er geht auch an Anlässe, die seine Anwesenheit nicht zwingend erfordern, und vermittelt so den Leuten das Gefühl, ihren Anliegen Gehör zu schenken. Damit gelingt es ihm, seinen Bekanntheitsgrad zu erhalten, ohne sich angreifbar zu machen. Sein politisches Profil bleibt aber diffus. Dies allein dürfte für eine Wiederwahl in zwei Jahren wohl reichen. Das ist aber nur die halbe Geschichte.

Knoten gelöst

Die andere Hälfte hat mit der Vermittlerrolle zu tun, die seinem Naturell entspricht. Da geht es um die Lösung dringlicher Personalfragen wie etwa die Neubesetzungen an den Spitzen des Stiftungsrates von Konzert Theater Bern und des Kulturamtes. Und es geht um Neulancierungen wie die Gründung der Vermarktungsorganisation Bern Wel­come. Geprägt war die erste Hälfte der Amtszeit aber vor allem durch die Deblockierung von Planungen und durch das Aufflammen der Fusionsdebatte. Bei den Planungen kann der einstige Losinger-Manager aus dem Vollen schöpfen. In der Mediatorenrolle gelingt es ihm, die Dünnhäutigkeit vergessen zu machen, die im informellen Gespräch oft durchdringt. Von Graffenried möchte beliebt sein und geht offen auf die Menschen zu. Der politische Schlagabtausch ist aber weniger sein Ding. Entsprechend schwer fällt es ihm, die Ebenen der Politik und des persönlichen Umgangs immer auseinanderzuhalten.

In der Vermittlerrolle gilt das aber nicht. Auf dem Viererfeld liess er Raum für eine Workshop-Phase und konnte den Zeitplan bis anhin einhalten. Und die Fusionsdebatte hat er lanciert, obwohl das F-Wort als Unwort galt. Der Stadtpräsident kommt gut an bei den Nachbarn, weil er sich nicht nur im Plenum der Regionalkonferenz, sondern auch an Tagungen zeigt. Die Fusionsavancen aus Ostermundigen dürften jedoch auf die finanzielle Schieflage der Gemeinde zurückzuführen sein. Von Graffenried hat aber erkannt, dass die Zeit in der Fusionsfrage reif ist. Denn die Steuersätze der Nachbarn liegen kaum mehr unter dem Stadtberner Niveau. (Der Bund)

Erstellt: 24.11.2018, 08:15 Uhr

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