Der umstrittene Nachtleben-Präsident

Porträt

Ein Jungfreisinniger ist zum Wortführer der unzufriedenen Berner Jugend geworden. Das gefällt nicht allen: Der 25-jährige Thomas Berger polarisiert.

Ein Jungfreisinniger und Eigensinniger: Thomas Berger, Präsident von Pro Nachtleben.

Ein Jungfreisinniger und Eigensinniger: Thomas Berger, Präsident von Pro Nachtleben.

(Bild: Valérie Chételat)

Als Thomas Berger im letzten Herbst in der Lokalpresse zitiert wurde, meinten die Arbeitskollegen bei den SBB: «Du, da ist einer in der Zeitung, der den gleichen Namen hat wie du.» Seit der Tanzdemo von letzter Woche passiert das nicht mehr: Der Betriebsökonom wird auf der Strasse angehauen, am Dienstagabend hat er im «Club» mit einem souveränen Auftritt dem Stadtpräsidenten und Debattenmeister Alexander Tschäppät (SP) Paroli geboten. Der 25-Jährige ist in kurzer Zeit zu einer öffentlichen Person geworden, zu einem Wortführer der Berner Nachtleben-Bewegung.

Dass er diese Rolle nicht gesucht habe, behauptet der Jungfreisinnige nicht. Schliesslich sei er Politiker, und jeder Politiker suche Öffentlichkeit, um für seine Anliegen zu werben. Aber dass er nicht Organisator der eigentlich antikapitalistischen Kundgebung «Tanz dich frei» gewesen sei, habe er in den Medien kaum noch vermitteln können. «Die Medien haben mich ständig angerufen, weil die Organisatoren anonym blieben», sagt Berger, der Nachtleben Bern vorsteht – die überparteiliche Gruppe ist auf Initiative Bergers gegründet worden und setzt sich gegen das Clubsterben ein.

Kein Problem hat Berger aber damit, Schulter an Schulter mit Reitschule-Aktivisten und Antikapitalisten für seine Anliegen zu kämpfen: «‹Tanz dich frei› steht eben für die Freiheit, gegen das einzustehen, was einen einengt», sagt Berger. Unfrei sei, Antikapitalisten vorzuschreiben, was sie zu denken hätten.

Feinde in der eigenen Partei

Solche Sätze lassen in der eigenen Partei aufhorchen. Die Präsidentin der FDP Stadt Bern räumt ein, dass sie in den letzten Tagen viele – und unterschiedliche – Reaktionen zum umtriebigen Jungfreisinnigen erhalten habe. «Wer sich exponiert, polarisiert halt auch. Er vertritt eine klare Meinung, das passt nicht jedem», sagt Dolores Dana. Für rote Köpfe sorgte in der Partei etwa, dass sich Berger für eine Demo engagierte, für die keine Bewilligung eingeholt wurde.

Auch dass sich Berger zusammen mit Reitschülern gegen die Vorplatz-Verfügung starkmacht, sehen nicht alle Freisinnigen gerne – schliesslich gibt es in der Partei nicht wenige, die das linksalternative Kulturzentrum am liebsten schliessen würden. Vor zwei Jahren hat sich die FDP Stadt Bern deutlich für die SVP-Initiative ausgesprochen, die einen Verkauf der Reitschule gefordert hat.

Die Reitschule sei halt «eine Art EU auf Stadtebene», sagt Berger – ein hoch emotionales Reizthema. Und eines, bei dem viele Vorurteile und Räubergeschichten kursierten. «Es würde einigen meiner Parteikollegen guttun, sich mal vor Ort ein Bild zu machen.» Aber pauschal mag auch Berger die Reitschule nicht in Schutz nehmen. Die Vandalenakte oder Personenangriffe einiger Tunichtgute aus dem Umfeld verurteile er scharf.

Streit um Deutungshoheit

Berger, der in seiner Freizeit Rugby spielt, kommt aber auch von der anderen Seite ins Sandwich. Reitschule-Aktivist Tom Locher etwa kritisiert, dass Berger die antikapitalistische Tanzdemo als Plattform für seine Interessen annektiert habe: «Er versucht sich nun mit fremden Federn zu schmücken.»

Locher mokiert sich etwa darüber, wie Berger im «Club» versucht habe, die Inhalte der «Reclaim the Streets»-Demos zu erklären, die aus der Anti-Globalisierungs-Bewegung entstanden: «Wenn einer den Protest der Jugend mit dem Beispiel, dass sie unter 25 keine Kreditkarte bekämen, zu erklären versucht, dann hat er einfach keine Ahnung.» Berger sei ein Lobbyist der kommerziellen Clubs – diese seien aber nicht nur Leidtragende, sondern auch Teil des Problems, dass der Jugend zunehmend die nicht kommerziellen Freiräume fehlten.

Clau Dermont sitzt für die Juso im Unterstützungskomitee von Nachtleben Bern und richtet ebenfalls harte Worte an den eigenen Präsidenten: «Er ignoriert die politischen Hintergründe von ‹Tanz dich frei› und reduziert sie auf seine eigenen Interessen.» Auch kritisiert Dermont, dass sich bei Nachtleben Bern vieles auf Berger fokussiere: «Es ist schade, dass der Verein als One-Man-Show wahrgenommen wird und nicht als überparteiliche Organisation.»

Respekt für die Knochenarbeit

Solche Aussagen zeigen: Die über 10 000 Jungen und Unzufriedenen, die am Samstag eine friedliche Party feierten, bilden keine homogene Bewegung – es tobt auch intern ein Kampf um die Deutungshoheit. Berger sagt dazu: Nicht er habe dafür gesorgt, dass aus der antikapitalistischen Tanzdemo eine Kundgebung fürs Nachtleben geworden sei – sondern die Teilnehmer. Und freilich ist es durchaus die freisinnige Gesinnung, die ihn zum Kämpfer fürs Nachtleben macht: Clubs seien KMU, die Clubkultur ein Wirtschaftsfaktor, ist eines der Argumente, die Berger gerne anführt.

Dem Präsidenten von Nachtleben Bern wird aber auch weit herum Respekt gezollt – für seine Knochenarbeit hinter den Kulissen etwa: «Er hat extrem viel für die Sache gemacht», attestiert ihm Flavia Wasserfallen, Co-Präsidentin der städtischen SP und ebenfalls bei Nachtleben Bern dabei. Berger sei politisch sehr ehrgeizig und ein Vertreter einer neuen, gesellschaftsliberaleren FDP-Generation. «Mir fällt auf, dass er sich häufig von der Mutterpartei distanziert.»Berger bestreitet nicht, am linken Flügel der Partei zu stehen. Wenn er sagt, dass er die nächsten zehn Jahre beim Jungfreisinn bleibe, meint Berger damit auch, Differenzen zur Mutterpartei zu haben: «Für mich bedeutet liberal vor allem gesellschaftsliberal.»

Berger will in den Stadtrat

Von der Stadtberner FDP wünscht er sich, dass sie sich bemüht, vom Law-and-Order-Image wegzukommen: «Law and Order bedeutet häufig, dass man die Freiheit beschneidet, weil sich ein Einzelner nicht im Griff hat.» Den FDP-Kurs wird Berger vielleicht schon bald mitbestimmen können – in der Stadtratsfraktion. Im Herbst tritt er bei den Parlamentswahlen auf der Liste des Jungfreisinns an. In den letzten Wochen sind seine Wahlchancen zweifellos gestiegen.

Der Bund

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