Der Uhu lässt grüssen

Poller-Kolumnist Markus Dütschler berichtet von seinen Ferien.

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Markus Dütschler

Mit dem Satz: «Zu Hause ist es immer am schönsten», kann man die Familie auf die Palme bringen. Besonders wenn man von einer (Dienst-)Reise zurückkehrt, die Annehmlichkeiten wie einen Business-Class-Schlafsessel im Flugzeug bot, ein Bett in einem Fünf­sternhaus oder ein Dinner in einem Sterne-Restaurant. Die Daheimgebliebenen werden dann bleich um ihr Näschen. Doch das kommt leider selten vor. Und in diesem Sommer gar nicht.

Weiss der Kuckuck, weshalb keine Fernreise zustande kam, weder dienstlich noch privat. Keiner Palme am Strand wurde ich ansichtig, keine Strassenschlucht in einer fremden Metropole verschluckte mich, kein trutziges Gebirge nötigte mir Respekt ab. Lese­rinnen und Leser mit Langzeitgedächtnis erinnern sich an das pannenreiche Unterfangen, einen Fernsehsessel in einem Lieferwagen von einem Möbelhaus am deutschen Bodenseeufer nach Bern zu schaffen. Von daher war es ganz gut, dass ich nicht erneut dem «Unbehagen im Kleinstaat» zu entrinnen trachtete. So bliebs bei sogenannten Uhu-Ferien («ums Huus ume»).

Die kürzlich bezogene Wohnung, von Freunden mit lobenden Kommentaren überschüttet, ist ein angenehmer Ort. Und die Katze, die ihre Bedürfnisse stets mit einem klaren «Mau!» auf den Punkt bringt, freute sich, dass sich nicht alle ihre Untertanen entfernten. Zudem brauchte man sich nicht unter einem weinenden Himmel nach südlicher Sonne zu sehnen, denn diese beschien auch uns Nordlichter grosszügig – bis an die Grenze zum Kreislaufkollaps. Zudem haben wir in Bern eine prächtige Möglichkeit, uns abzukühlen, einen Ort, um den uns Fremde aus aller Welt beneiden: die Aare. Oder den Brienzer- oder den Thunersee. An ihren Gestaden habe ich mir einen Sonnenbrand geholt, kann also nicht klagen.

Und doch. Sagte nicht sogar Bundesrätin Doris Leuthard beim kürzlichen «‹Bund› im Gespräch», sie habe zwar täglich E-Mails gecheckt und einen amtlichen Bericht gelesen, aber abgesehen davon richtige Ferien gemacht? Wenn das Weltenlenker können, müsste das für kleine Rädchen wie unsereins doch auch möglich sein.

Andrerseits war es gut, dass die Ferien nicht verplant waren. Angehörige im Spital wollten besucht werden. Auch klingelten die Zeugen Jehovas diesmal nicht umsonst, sondern bekamen über die Gegensprechanlage persönlich den Bescheid, dass man nicht über die künftige Welt zu diskutieren wünsche. Briefpost und Zeitungen türmten sich nicht zu bedrohlichen Haufen auf, sondern liessen sich in homöopathischen Dosen fortlaufend erledigen.

Man freut sich dann um so mehr an den Berichten der anderen, die «füdleblutt z Ibiza» waren, sich in Amsterdams Rijksmuseum an Gemälden sattsahen, mit dem Zug durch Amerika fuhren oder im Wallis mehrere Viertausender bestiegen. Hm, wir fuhren mit dem Postauto auf den Gurnigel und wanderten dort. Das war auch sehr schön. Ohnehin vergönnen wir niemandem etwas. Wir haben uns ehrlich mitgefreut, dass unser Kind – auf dem Rückflug von einem Jugendferienlager am Schwarzen Meer zwischenlandend – von der Aeroflot-VIP-Lounge in Moskva-Scheremetewo äusserst angetan war. Mag sein, aber zu Hause ist es halt immer noch am schönsten.

Markus Dütschler ist Lokalredaktor beim «Bund». Heimlich sinnt er auf eine Chance, der Enge zu entfliehen und von einer Fernreise berichten zu können.

www.derpoller.derbund.ch

Der Bund

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