Der Treffpunkt der internationalen Sprayer-Szene

Auf der Berner Warmbächli-Brache geben sich nationale und internationale Graffiti-Sprayer die Dose in die Hand. Sie finden, dass Graffiti eine verkannte Kunstform sei.

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Anonym wollen sie bleiben. Das war die Bedingung für ein Treffen auf der Warmbächlibrache in Bern. Drei Männer, sie sind zwischen 20 und 40 Jahre alt. Die Kleidung sitzt locker. Graffiti-Künstler, die nicht öffentlich erkannt werden möchten, weil ihre Sprayerszene allzu oft mit Illegalität und Sachbeschädigung in Verbindung gebracht werde. Und weil ihre «Kunstwerke für sich stehen» und es keine «Köpfe in der Zeitung» dazu brauche. Sie stellen sich als Jonny, Nick und Römu vor. Zwei Kleinkinderzieher und ein «bunter Hund», wie Nick sein Tun beschreibt. Es ist ein sonnig warmer Herbstabend auf der Brache.

Gerade machen die Graffiti-Künstler, wie sie sich verstehen wollen, einen neuen «Character», ein «Scary» an den riesigen Wänden der ehemaligen Kehrichtverbrennungsanlage aus. Den Laien starrt eine drei Meter hohe Komikmaus an. Die drei Sprayer sind vom Werk angetan. «Eine saubere Outline, exakte Linienführung mit Schwung. Die Farben: schlicht, aber passend in ihrer Kombination», so lautet ihr Urteil. Die Betonruinen des Geländes sind mit Graffiti übersät. Für den Laien: das Chaos.

Für die seit 10 Jahren in der Szene verkehrenden Sprayer verstecken sich dahinter jedoch Geschichten und Botschaften. Sie können «Bombings» und «Throwups» – schnell hingeworfene Graffiti also – von «Wildstyle» und «Characters» unterscheiden.

«Geile Location»

An den Wänden der Brache sind Graffiti von Sprayern zu sehen, die in der Szene einen gewissen Bekanntheitsgrad geniessen. Aber nicht nur das. Der «Spot» ist beliebt für Sprayer aus der ganzen Schweiz und zieht auch Graffiti-Künstler aus aller Welt an. Jonny hat vor kurzem eine spanische «Crew» angetroffen, Römu eine brasilianische. Ja, die Brache sei durchaus ein internationaler Treffpunkt für Graffiti-Künstler in Bern. Weshalb? «Weil die Location einfach geil ist. Hier kann man machen, was man will.» Nick ergänzt: «Wir haben auf der Brache riesige Wände und die Atmosphäre ist nicht vergleichbar.» Nicht vergleichbar zum Beispiel mit der Unterführung in Bümpliz, wo ständig Autos und Züge vorbeirauschten. Jene Unterführung in Bümpliz ist, wie die Brache auch, offiziell von der Stadt Bern für die bunten Sprayereien freigegeben. Auf der Bilder-App Instagram können die Spuren internationaler Graffiti-Künstler, die auf der Brache zu Werke waren, verfolgt werden. Ein Japaner war auf der Brache und auch einer aus Hongkong.

Aus Bulgarien und Venezuela

Der Szenenkenner und Berner Graffiti-Fotograf Peter Lauener bestätigt den Eindruck, dass sich die Wände der Warmbächlibrache zu einem internationalen Treffpunkt von Graffiti-Künstlern gemausert haben. Lauener habe Sprayer aus Bulgarien, Venezuela, Frankreich und Österreich angetroffen. Unter anderen. Aber auch Künstler aus vielen Schweizer Städten pilgern nach Bern. Aus Zürich, Basel, Fribourg etwa. Der 70-jährige ehemalige IT-Einkäufer hat das Schaffen auf der Brache im letzten Jahr im Detail verfolgt. Ende September hat Lauener einen Fotoband über die Graffiti-Kunstwerke auf dem Warmbächliareal veröffentlicht. Dabei beobachtete er, «dass viele Künstler auf der Durchreise einen Halt in Bern machen, um etwas zu gestalten». Die Künstler seien sehr spontan und bestens vernetzt. «Ausländische Sprayer übernachten im Zuhause ihrer Berner Freunde, um am nächsten Tag gemeinsam einen Ausflug auf die Brache zu unternehmen.» Man besucht sich gegenseitig. Die Kunstwerke von Berner Sprayern können so auf der ganzen Welt entdeckt werden.

Fotos von Graffiti-Fotograf Peter Lauener

Ein Graffito ist harte Arbeit

Lauener ist in der Szene bestens vernetzt und einer der wenigen Graffiti-Fotografen der Schweiz. Mit seinen Bildern will Lauener denn auch die Kunst hinter den Sprayereien sichtbar machen. «Die Wertschätzung von Graffiti in der Gesellschaft ist sehr gering. Die Bilder erzählen Geschichten.» Die meisten Leute gingen einfach daran vorbei, ohne die Kunst zu erkennen. Am Bahnhof Freiburg ist zum Beispiel das Menschwerden vom Affen bis zum heutigen Homo sapiens dargestellt. «Das erkennt aber nur, wer vor dem Gemälde stehen bleibt», so Lauener und resümiert: «Graffiti sollten nicht nur als Mist betrachtet werden.»

Zurück auf der Brache. Nick sagt: «Es ist ein Kampf. Graffiti sollen endlich als Kunst verstanden werden.» Und Jonny: «Viele meinen, dass ich in der Innenstadt vermummt randaliere und vor der Polizei flüchte. Die Wahrheit ist, dass ich fünf Stunden lang hart an einem Graffito in der Brache arbeite.» Dass jeder Sprayer schon mal illegal gemalt hat, ist indes kein Geheimnis. «Wenn in einem Krachen irgendwo ein grauer Betonklotz steht, will ich diesen bemalen», sagt Jonny und gibt ein weiteres Beispiel, wo er die Sachbeschädigung durch Graffiti als «Sachveränderung» betrachtet: die Kreisel in der Agglomeration Bern. «Weshalb dürfen die nicht bunt sein?», ärgert er sich. «Weshalb lassen die Gemeinden die Plätze immer wieder grau übermalen? Die ganze Stadt ist doch grau.» (Der Bund)

Erstellt: 14.10.2017, 08:22 Uhr

Der Graffiti-Fotograf

Peter Lauener kennt die Schweizer Graffitiszene wie kein anderer

Als Peter Lauener noch IT-Einkäufer einer grossen Firma war, fuhr er mit dem Zug jeden Tag an den zahllosen Graffitiwänden an der Bahnlinie vorbei. «Mich hat die Vergänglichkeit dieser Kunst jedes Mal fasziniert», sagt Lauener. Immer wieder seien neue Bilder an die Wände gesprayt worden.

Nach seiner Pensionierung entdeckte der heute 70-Jährige die Fotografie. «Doch statt Blumen begann ich Graffiti zu fotografieren.» Inzwischen hat er zwei Fotobücher herausgegeben, welche die Graffitiszene in Bern dokumentieren. Im Jahr 2014 erschien sein erstes Buch zur Unterführung an der Freiburgstrasse in Bümpliz. Innerhalb kürzester Zeit verkaufte Lauener 300 Stück davon.

2015 hatte er eine eigene Ausstellung im Berner Generationenhaus. Ende September hat er nun einen Fotoband zur Warmbächlibrache publiziert. «Mein Ziel ist, jedes Jahr ein Buch zu einer neuen Graffiti-Location herauszugeben.» Seit kurzem ist Lauener auf der Suche nach einem Verlag für seine Werke. Interessierte können seine Bücher bestellen unter der E-Mail-Adresse:
lauener.peter@bluewin.ch (msc)

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