Der Streikführer sass gleich selber im Gemeinderat

Der Landesstreik vor 100 Jahren hat die Schweiz nachhaltig geprägt. In Bern verlief der November 1918 weitgehend friedlich – dank Sozis im Gemeinderat und eines «diskreten» Militärkommandanten.

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In der Stadt Bern hatten die Bürgerlichen 1918 die Waffen gestreckt. Im Gemeinderat übernahmen faktisch die Sozis das Ruder. Gustav Müller war seit dem 7. Juli neuer Stadtpräsident, weil der Freisinnige Adolf von Steiger Vizekanzler des Bundes wurde. Robert Grimm, Präsident des Oltener Aktionskomitees, wurde Ende September als ständiger Gemeinderat gewählt und übernahm Anfang November die neu geschaffene Direktion der industriellen Betriebe. Man kann sagen: Mitten in den grossen Wirren baute sich der Revolutionär eine bürgerliche Existenz auf. Polizeidirektor war Oskar Schneeberger, der Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes. Alle drei sassen überdies im Nationalrat. Auch für eine Ersatzwahl im Dezember 1918 stellten die Bürgerlichen gar keinen Kandidaten mehr auf.

So lagen die Verhältnisse, als für den Samstag, 9. November, in Zürich, Bern und anderen Städten ein Proteststreik angekündigt war. Um die brisante Situation zu besprechen, rief der bürgerliche Regierungsrat des Kantons Bern die Stadtregierung zu sich. Polizeidirektor Schneeberger brachte vor, der Proteststreik sei als «Blitzableiter» oder «Sicherheitsventil» zu sehen. Die Ordnung könne aufrechterhalten werden. Der Regierungsrat hielt Rücksprache mit dem Bundesrat, der befand, alleine mit dem Hinweis auf die Grippegefahr lasse sich die Menschenansammlung nicht verbieten. Platzkommandant Eduard Wildbolz, kein Scharfmacher und Heisssporn wie Emil Sonderegger in Zürich, sagte, er werde die Truppen «diskret» aufstellen, um keine Ausschreitungen zu provozieren. Der Bundesrat hatte Wildbolz, der einen sozialen Ausgleich befürwortete, auch wegen dessen Besonnenheit gewählt, nachdem General Ulrich Wille mit Fritz Gertsch einen umstrittenen Offizier vorgeschlagen hatte.

Gegen die «ewigen Provokationen»

Der Regierungsrat liess die Stadt gewähren, weder eine Bewilligung noch ein Verbot wurde beschlossen. Der Kanton hatte aber eine klar andere Haltung als die Stadtbehörden. In einer Proklamation an das Berner Volk schrieb der Regierungsrat: «Steht in der schweren Zeit treu zum Gemeinwesen, bewahret es vor Unruhe und Kampf, erhaltet ihm Gesetz und Recht.»

Rund 4000 bis 5000 Personen versammelten sich dann am Samstagnachmittag auf dem Waisenhausplatz in Bern, ohne dass es zu nennenswerten Schwierigkeiten gekommen wäre. Unter den Rednern war auch Grimm. Das Oltener Aktionskomitee hatte die Proteste wegen der Truppenaufgebote beschlossen, um «den ewigen Provokationen endlich einmal eine entschiedene Warnung» entgegenzusetzen. Man wollte auch das Heft in den Händen behalten, damit nicht unkontrollierbare Elemente sich der Strasse bemächtigten – wie im November 1917, als es in Zürich bei Unruhen vier Tote gegeben hatte. 1918 kam es immer wieder an zahlreichen Orten in der Schweiz zu Demonstrationen und Streiks. Seitdem in Zürich Ende September die Bankangestellten die Arbeit niedergelegt hatten, glaubten bürgerliche Kreise, die Revolution werde vorbereitet und könne jederzeit ausbrechen. Auch im Kanton Bern wurden Bürgerwehren gebildet.

Sein Amt als Gemeinderat brachte Grimm in eine schwierige Position. Als Gemeinderat hatte er die Verpflichtung, den Gang der öffentlichen Ordnung und die Versorgung der Bürger zu gewährleisten, als Streikführer verfolgte er entgegengesetzte Ziele. Mit den Truppen wollte sich der Bundesrat gegen Eventualitäten wappnen. Dass die Regierung die Soldaten zu Hilfe rief, brachte aber wiederum die Arbeiterschaft in Rage. Das sei leichtfertig, ja verantwortungslos, hiess es. So schaukelte sich die Stimmung auf. Nach schweren Zusammenstössen in Zürich am 10. November beschloss das Oltener Aktionskomitee den Landesstreik auf den 12. November. Die Arbeiter wurden gleichzeitig aufgerufen, Ruhe und Ordnung zu bewahren.

Im Ausland überschlugen sich unterdessen die Ereignisse: In Deutschland flammte die Revolution auf, der Erste Weltkrieg ging zu Ende, der Kaiser dankte ab und ging ins Exil. Auch die Donaumonarchie brach zusammen. In der Schweiz hegten viele die Befürchtung, die Welle der Gewalt könne in die Eidgenossenschaft überschwappen. Internationale rote Meinungsführer erwarteten «grosse Veränderungen im Lande von Wilhelm Tell». Andere glaubten, im Fall einer Revolution, an ein militärisches Eingreifen der Entente.

Freiburger singen Ranz des Vaches

Die einrückenden Einheiten stiessen in Bern nicht nur auf Ablehnung. Sie seien von den Menschen teilweise mit Begeisterung begrüsst worden. Als Freiburger Truppen den Kuhreihen Ranz des Vaches anstimmten, sei die Melodie von den Bernern am Strassenrand aufgenommen worden, berichteten Zeitungen. In einem Aufruf schrieb der Bundesrat: «Dieser Landesstreik setzt die Existenz und Wohlfahrt des Landes aufs Spiel.» Man wollte sich nicht zu Veränderungen, auch wenn sie zum Teil als sinnvoll erachtet wurden, zwingen lassen. Alles sollte auf dem demokratischen Weg geschehen. Der Bundesrat berief die eidgenössischen Räte zu einer ausserordentlichen Sitzung ein.

Scharfe Kritik kam an der Sitzung auch aus den Reihen der moderaten Grütlianer. Der Langenthaler August Rikli bezeichnete Streikführer Grimm als Diktator und Demagogen, der vor Lüge und Täuschung nicht zurückschrecke. Bei dieser Einschätzung wirkte auch Grimms verunglückte Russland-Mission nach. Rikli war Sozialdemokrat und befürwortete die Landesverteidigung, trennte sich aber später von der SP. Er rief dazu auf, man solle das Zeichen zum Abbruch des Streiks geben. Die Schweiz solle dankbar sein, dass sie vom Krieg verschont geblieben sei. Seine Frage drückte ein verbreitetes Unverständnis aus: «Und da sollen wir jetzt, wo der Krieg zu Ende gegangen ist, den Bürgerkrieg ins Land bekommen?»

Bajonette und die «Friedenshand»

Grimm erwiderte auf die Vorwürfe, eine Revolution im Schilde zu führen. «Wir Sozialdemokraten sind Revolutionäre. Aber das bedeutet nicht, dass wir den Begriff der Revolution im Heugabelsinn des Wortes auffassen. Das bedeutet nicht, dass die Revolution charakterisiert werde durch ihren äusseren Verlauf, sondern dadurch, dass eine neue Schicht in der Gesellschaft ans Ruder kommt und eine Umwälzung im Staat vollzieht.» Grimm sei, schrieb der «Bund» in einem kleinen Bulletin, weil die Druckereien bestreikt wurden, heiser gewesen, man habe ihm angemerkt, «dass er in den letzten Tagen offenbar viele Menschen überschreien musste». Grimm sagte weiter vor überfüllten Tribünen: «Die Friedenshand der Bürgerlichen können wir nur annehmen, wenn die Bajonette zurückgezogen sind.»

Eine ständige und berechtigte Quelle der Unzufriedenheit für die Arbeiterschaft war die mangelhafte Lebensmittelversorgung. Die starke Teuerung machte es breiten Bevölkerungsschichten unmöglich, sich ohne staatliche Hilfe durchzubringen. Suppenküchen, Rationierungs- und Verbilligungsmassnahmen linderten die Not, brachte sie aber keineswegs zum Verschwinden. Hinzu kam, dass es an Wohnraum fehlte: In Bern wurden obdachlose Familien teilweise in Schulhäusern einquartiert.

Der Zorn der Arbeiter richtete sich auch gegen die Bauern, die während des Kriegs ihre Einkommen stark steigern konnten. Die Drohung eines Generalstreiks stand bereits im August im Raum. Die Bauern drohten zurück: Ein Streik der Arbeiter werde mit einem Streik der Landbevölkerung beantwortet, sodass die Städte nicht mehr mit Lebensmitteln versorgt würden. Am 11. August erklärte der Bauernverband: «Der Bauernstand will Ruhe und Ordnung im Lande haben.» Die Bauern arbeiteten «14, 16 und mehr Stunden am Tag, während die Arbeiter den 8-Stunden-Tag ertrotzen» wollten. Es sei zwar richtig, dass die Einkünfte der Bauern infolge der Teuerung gestiegen seien, doch machten sich die Arbeiter eine «weit übertriebene Vorstellung» von den Einkünften der Bauern. An einer Tagung in Konolfingen am 22. September erklärte Bauernführer Ernst Laur, die Bauern seien bereit, «einen gerechten, sozialen Ausgleich innerhalb der verschiedenen Volksschichten durchzuführen».

Kraftprobe «ruhmvoll» bestanden

Das «Intelligenzblatt» berichtete ausführlich vom «Roten Samstag». Die Geschäfte, die noch offen hatten, wurden von Streikenden geschlossen. Sie hielten arbeitswillige Angestellte davon ab, ihre Arbeit anzutreten. Die Tramführer taten sich offenbar hervor: Sie behielten dabei ihre Uniformen an, hatten aber ihre Nummern von den Mützen genommen, um eine Identifizierung zu verunmöglichen. Eigentliche Gewaltakte kamen nicht vor, das Blatt schrieb aber nichtsdestotrotz von «Terror».

Nach dem Ultimatum des Bundesrats erfolgte nach langen Verhandlungen im militärisch besetzten Redaktionsgebäude der «Tagwacht» der Abbruch des Streiks auf den 15. November. Man weiche der Macht der Bajonette, hiess es. Etwa 250000 Arbeiter hatten sich beteiligt. Nach Ende des Streiks, vermerkte das «Intelligenzblatt», seien auf dem Theaterplatz und vor dem Bellevue patriotische Lieder gesungen worden. Der «Bund» befand, die Demokratie habe die Kraftprobe «ruhmvoll» bestanden. Platzkommandant Wildbolz hielt im Nachgang fest: «In Bern, wo noch nie Ruhestörungen stattgefunden hatten, lagen die Verhältnisse anders als in der Industrie- und Fremdenstadt Zürich.» Er verzichtete nach Abbruch des Streiks auf den Vorbeimarsch der Truppen, der vom General gewünscht worden war. Eine solche Machtdemonstration, wie sie in Zürich stattfand, schien ihm nicht angemessen.

«Bahn ernsthafter Reformen»

Nach dem Landesstreik, bei dem in Grenchen drei Arbeiter erschossen wurden, schlugen die Wogen in der Presse hoch. Eine aufschlussreiche Kurzzusammenfassung bot das «Berner Schulblatt»: «Während das ‹Berner Tagblatt› über das Misslingen des Streiks jubiliert und die Arbeiterschaft mit Ausdrücken wie vaterlandslos, frech und Pöbel regaliert, und die ‹Berner Tagwacht› eine neue Auflage des Streikes für die Zukunft verheisst, rät der ‹Bund› wohl zu unterscheiden zwischen dem Vorgehen des Oltener Komitees und den Forderungen des Aufrufes. ‹Wir sind dabei nicht nur das Frauenwahlrecht, sondern auch das Frauenstimmrecht einzuführen, ebenso die Arbeitspflicht und die Arbeitsbegrenzung, soweit diese möglich ist, und dann, was das Wichtigste ist, die Lebensmittelversorgung, die Alters- und Invaliditätsversicherung und die Tilgung der Staatsschuld durch die Besitzenden.› Hier war der «Bund» etwas gar voreilig: Die Umsetzung dauerte bei vielen diesen Forderungen Jahrzehnte. Das «Schulblatt» zitierte weiter aus der «Nationalzeitung»: «Wer der Schweiz wohl will, der muss gerade wegen des Streiks, der uns die tiefe Verbitterung von Hunderttausenden von Schweizern erschreckend zeigte, darauf bestehen, dass die Bahn ernsthafter Reformen beschritten werde, rasch und nicht mit zögernden Schritten.» Dass solche Haltungen mehrheitsfähig waren, hatte sich im Oktober gezeigt, als das Volk das Proporzwahlrecht mit grossem Mehr befürwortete.

Auch die Bundesstadt befand sich im Herbst 1918 fest im Griff der Grippe, nachdem eine erste grosse Epidemie im Sommer Lazarette und Spitäler mit Kranken und Sterbenden gefüllt hatte. Die Krankheit hatte sich zudem durch die Truppenaufgebote stark ausbreiten können. Der Regierungsrat schrieb später, während und nach dem Streikeinsatz seien «annähernd 180 Mann» gestorben. Schweizweit dürfte es in dieser Zeit in der Armee zwischen 800 und 1000 Tote gegeben haben. Ende November normalisierten sich die Verhältnisse in Bern, die Grippe ebbte ab. Der Regierungsrat hob das Versammlungsverbot auf und gestattete, den Zibelemärit durchzuführen. Es folgte ein langes Hickhack, wer für die Toten verantwortlich sei: Bürgerliche sahen die Schuld bei denen, die zum Streik aufgerufen hatten. Radikale Sozis dagegen jubelten, dass die Grippe die gebeutelten Arbeiter gerächt habe.

Während General Wille im Zusammenhang mit der ungebremsten Ausbreitung der Grippe-Epidemie jegliche Verantwortung für die mangelhafte Organisation entrüstet von sich wies, beeilte er sich, die Verdienste zur Beendigung des Streiks für sich in Anspruch zu nehmen. «Ich bin sehr glücklich über den Erfolg. Dass das ganze Land ihn ganz alleine mir verdankt, wissen die meisten nicht und will niemand wissen», schrieb er an seine Frau. Im Vorfeld des Streiks trat Wille, weil er einen bolschewistischen Umsturz befürchtete, für ein grosses militärisches Aufgebot ein.

Wie gross der Einfluss der Bolschewiki war, ist umstritten. Die Einrichtung der Sowjetmission in Bern löste Nervosität aus. Es gab Hinweise, dass über diese Kanäle nicht nur Propaganda, sondern auch Geld ins Land kam. Die Mission wurde während des Landesstreiks ausgewiesen, was in der Arbeiterschaft als «niederträchtige Hetze gegen ausländische Genossen» kritisiert wurde. Weil die Eisenbahn nicht fuhr, mussten die Diplomaten mit Armeeautos ausser Landes geschafft werden. Dass Russland nicht untätig war, geht aus dem Protokoll des Oltener Aktionskomitees hervor. So sagte der Berner Nationalrat August Huggler am 6. November: «Auch von Russland her werde versucht, unsere Bewegung zu beeinflussen. Solche Leute finden Anklang bei allen Unzufriedenen.»

Denkzettel bei den Wahlen

An der Urne erlitt Streikführer Grimm Ende Oktober 1919 bei den ersten Proporzwahlen eine herbe Niederlage. Im Gegensatz zu Müller und Schneeberger wurde er nicht wieder in den Nationalrat gewählt. Die doppelte Rolle hatte seiner Popularität Abbruch getan. Die SP sorgte aber dafür, dass er bald nachrückte. Süffisant schrieb die NZZ am 4. Februar 1920: «Um Grimm die Rückkehr in den Nationalrat zu ermöglichen, hat Dr. Brand sein Pult geräumt und ist in den ausschliesslichen Dienst Aeskulaps nach Melchnau zurückgekehrt.»

Immerhin war die Beschwerde auf Abberufung als Gemeinderat im Sande verlaufen: Der Regierungsrat beliess es bei einer Verwarnung für Müller, Schneeberger und Grimm. Bei den Gemeindewahlen im Juni 1920 folgte jedoch eine zweite Ohrfeige: Den Bürgerlichen gelang es, im Gemeinderat die Mehrheit zu erringen. Im Stadtrat dagegen konnten die Linken die Macht bewahren. (Der Bund)

Erstellt: 22.09.2018, 08:06 Uhr

Fräulein Nigg hörte mit

Während öffentlicher Verkehr und Briefpost lahmgelegt oder doch stark beeinträchtigt sind, bleibt die Kommunikation über Telefon und Telegramm während des Landesstreiks vom 12. bis 14. November 1918 bestehen, wenn auch unter Schwierigkeiten. Aus den Akten des PTT-Archivs in Köniz geht zudem hervor, wie alltäglich im Zeitalter der Stöpselverbindungen das Mithören war. Im Archiv befindet sich eine Notiz, wonach vom Telefonanschluss im Volkshaus Luzern ein reger Gesprächsverkehr in russischer Sprache nach Bern, Zürich, Genf und Interlaken abgewickelt werde. Am 8. November wurde sogar SP-Nationalrat Robert Grimm belauscht. Fräulein Beatrice Nigg rapportierte verschiedene nächtliche Gespräche zwischen Grimm in Bern sowie Ernst Nobs und Rosa Bloch, der einzigen Frau im Oltener Komitee, in Zürich. Grimm versucht in Erfahrung zu bringen, welche Beschlüsse in Zürich gefasst worden sind. Nobs aber war infolge Erkrankung nicht an der Versammlung anwesend. So wendet sich Grimm an Bloch, allerdings sind mehrere Versuche notwendig, bis die Kontaktaufnahme gelingt. Vorerst geht es darum, was am Samstag (9. November) geplant ist. «Zürich beschliesst trotz Militäraufgebot am Samstag mit anderen Städten der Schweiz geschlossen vorzugehen. Grimm teilt mit, dass sie die ganze Nacht durch Schaffung von Flugblättern sich beschäftigen werden, die morgens der Courier Kaufmann mit dem 10 Uhr Zug nach Zürich bringen wird.» So steht es im Protokoll. Vorerst solle man diese Informationen nicht weiterverbreiten. Grimm schliesst mit einer Ermunterung an Rosa Bloch: «Ihre süsse Nachtruhe, die Sie jetzt in dieser Nacht opfern, ist alles wert, unsere Protestkundgebungen durchzuführen. Arrivederci.» Die Rapporte gehen an die Polizei, Fräulein Nigg wird einvernommen. Ob die Sicherheitskräfte danach ihr Dispositiv anpassen, ist offen.

«Schaffed ihr nume, ihr Chäibe!»

Auf jeden Fall werden die Telefonzentralen militärisch bewacht. In Zürich erinnert sich die Telefonistin Lisa Maurer, die eben ihre Lehre abgeschlossen hatte, später: «An den Fenstern der Zentrale Bahnhofstrasse 66 sahen wir auf den grossen Streikumzug hinunter, und Fäuste schüttelnd schrien die Teilnehmer zu uns hinauf: ‹Schaffed ihr nume, ihr Chäibe!›» Demgegenüber haben die Austräger der Telegramme teilweise die Arbeit niedergelegt: In Zürich erklären sich gegen 100 ETH-Studenten bereit, in die Bresche zu springen.

Angestellte des öffentlichen Dienstes stehen unter grossem Druck, beim Streik mitzumachen. Wer auf den Strassen zu sehen ist, muss mit Anfeindungen rechnen. Kastenleerer Fritz Gerber etwa schrieb, er sei auf seiner Tour «fast an jedem Kasten belästigt worden», einmal sei er von vier Streikenden gar vom Velo gerissen worden. Der Vorgesetzte habe ihn dann nach Hause geschickt. (wal)

Es folgte die «schwere Sühne»

Prozess 21 Personen mussten sich vom 12. März bis zum 10. April 1919 vor dem Militärgericht in Bern wegen des Streiks verantworten. Unter den Angeklagten waren Robert Grimm, Ernst Nobs, Fritz Platten, der am Prozess nicht anwesend war, und Oskar Schneeberger. Sie machten geltend, dass sie am 10. November zur Auslösung des Streiks gezwungen gewesen seien, weil in Zürich, Winterthur und auch in anderen Städten bereits ein Streik beschlossen worden sei und weil die Verbitterung in der Arbeiterschaft zu grosse Ausmasse angenommen habe. Man wollte auch die Kontrolle behalten.

Zu einem späteren Zeitpunkt stellte es der auf bolschewistischer Linie politisierende Platten ähnlich dar: Zürich sei vorangegangen, und die Zentrale in Bern habe dann, aus Prestigegründen, die Parole für einen allgemeinen Streik herausgegeben. Grimm hatte die Sitzung am 10. November geleitet. Er hatte auch den Entwurf des Streikaufrufs verfasst. Angeklagt waren die Streikführer wegen «Meuterei». Der Aufruf zum Streik oder die damit zusammenhängenden Forderungen waren grundsätzlich nicht strafbar. Da aber die Bundesbeamten unter das Militärstrafgesetz gestellt wurden, konnte der Aufruf, die Arbeit niederzulegen, als Anstiftung zur Meuterei ausgelegt werden. Auch wurde untersucht, inwiefern Soldaten von der Ausübung ihrer Dienstpflicht abgehalten wurden. Aufrufe richteten sich auch an die «Klassengenossen im Wehrkleid». Sie sollten das Aufgebot und das Einrücken zwar nicht verweigern, wohl aber allfällige Befehle, von den Waffen gegen das Volk Gebrauch zu machen. Im Streikaufruf, von dem gemäss dem Urteil 20000 Exemplare gedruckt worden waren, war auch zur Bildung von Soldatenräten aufgefordert worden.

Haft auf Schloss Blankenburg

Grimm, Schneider und Platten erhielten 6 Monate Gefängnis – das waren keine drakonischen Urteile, vielmehr handelte es sich für die für die fraglichen Delikte vorgesehene Mindeststrafe. Zudem zeigte sich das Gericht in der Urteilsbegründung nicht unversöhnlich, indem die ausgesprochene Strafe als «eine schwere Sühne» des Rechtsbruchs qualifiziert wurde. Ausserdem hielt man den Verurteilten zugute, dass sie «als Führer einer politischen Gruppe glaubten, die eingeklagte Handlung in Erfüllung bestehender Parteibeschlüsse begehen zu müssen». Zudem hätten sich die Teilnehmer der Sitzung vom 10. November in Bern, die von Grimm einberufen und geleitet wurde, in grosser Aufregung befunden.

Grimm verbüsste die Haft im Schloss Blankenburg im Simmental unter erträglichen Umständen. Der Regierungsrat vermied es, den Streikführer ins Zuchthaus zu stecken. Die Verköstigung bezog Grimm aus einer Wirtschaft. Vor allem zu Beginn war die Bewachung eher lasch. Seine Strafe trat Grimm im Juli 1919 an, wobei er von Tausenden von Sympathisanten und Anhängern im Bahnhof Bern verabschiedet wurde. Kommunisten versuchten den Zug zu blockieren. Grimm fand während der Haft auch Zeit, die «Geschichte der Schweiz in ihren Klassenkämpfen» zu verfassen.

Bundesrat und «Bölimaa»

Zahlreiche andere Angeklagte wurden freigesprochen, so auch der städtische Polizeidirektor Oskar Schneeberger, der an der Sitzung vom 10. November nur zeitweise anwesend war und an der Abfassung des Aufrufs nicht mitgewirkt hatte. Stadtpräsident Gustav Müller wiederum, innerhalb der Partei auf dem gemässigten Flügel, war nur als Zeuge vorgeladen. Eine geringe Strafe erhielt Ernst Nobs, der am 12. November im «Volksrecht» wegen der Unterstellung des SBB-Personals unter das Militärstrafrecht spöttisch gefragt hatte: «Glaubt der Bundesrat wirklich, das Personal der SBB wie der Nebenbahnen mit dem ‹Bölimaa› der Militärstrafartikel zum Dienst veranlassen zu können? Das wäre doch zu naiv.»

Neben den Streikführern wurden auch sonst im Land zahlreiche Streikende oder Demonstranten verurteilt. Manchmal reichte ein unbedachtes Wort. So wurde Medizinstudent Ernest Gloor zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, weil er Soldaten zugerufen hatte: «Il faut résister.» Auch Angestellte des öffentlichen Dienstes, die sich am Streik beteiligt hatten, wurden bestraft. Leichtere Fälle sollten nicht geahndet werden, lautete die Devise, Organisatoren und Agitatoren dagegen nicht ungeschoren davonkommen. Wer an seinem Platz ausgeharrt hatte, durfte dagegen mit einer Belohnung rechnen. Grosskaufleute und Industrielle führten Sammlungen durch. (wal)

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