Der «Paradiesvogel» des diplomatischen Korps geht

Juan Manuel Alcántara, der Diplomat aus der Dominikanischen Republik war in Bern eine Art Kulturlobbyist für ganz Lateinamerika.

Lateinamerikanischer Kulturnetworker: Juan Alcántara.

Lateinamerikanischer Kulturnetworker: Juan Alcántara. Bild: Franziska Rothenbühler

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Seine Wohnung in Muri ist fast leer geräumt. Vor kurzem noch war sie erfüllt von Bildern, Skulpturen, Büchern und erlesenem Geschirr. Jetzt steht da nur noch das weisse Klavier, auf dem Juan Manuel Alcántara Rodriguez aus dem Gehör praktisch jede Melodie interpretieren konnte – fast nie nach Noten. Auch in seinem Metier, das ihn in die Schweiz führte, hielt sich der Diplomat aus der Dominikanischen Republik nicht sklavisch an die traditionelle Notenschrift der Diplomatie.

Seine Methode war die der Herzlichkeit, der freundschaftlichen Direktheit – und der Kultur. «Ich bin ein atypischer Diplomat», räumt Alcántara ein. Obwohl er nie den Posten eines Kulturattachés bekleidete, war Kultur sein Türöffner, sein Medium, das Grenzen überwindet, Menschen verbindet und Brücken baut. Das Latin Art Forum Suiza, das er erfunden hat und präsidiert, ist sein Baby.

Dichter aus Lateinamerika rezitierten, Musiker spielten, Maler stellten aus. In Vorträgen brachten Referenten auf Spanisch, Französisch oder Englisch Aspekte Lateinamerikas den Zuhörern nahe. Er, der in der Diplomatenszene und darüber hinaus für viele einfach Juan heisst, kümmerte sich um Tickets und Hotelreservationen und chauffierte Gäste in seinem Wagen umher – mit einem Fahrstil, den manche mit «speziell» umschreiben. Er sei keiner, der «lafere», sagt eine Freundin, «er macht auch etwas».

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Kultur war für Alcántara seit der Kindheit wichtig. Der Vater, ein Zuckerproduzent auf der Karibikinsel, rezitierte zu Hause Gedichte, die Mutter spielte Klavier. Der Diplomat verfasst selbst Gedichte und findet auch poetische Worte, wenn er auf den Abschied von der Schweiz zu sprechen kommt. Er sei die Aare, die Berge, die Luft, sagt der enthusiastische Juan. «Ich lasse die Schweiz allein, niemand wird dich so lieben wie ich.»

Die Aare habe ihm auf einem Spaziergang zugeflüstert: «Sei wie ich, lass dich fliessen.» Alcántara teilt das Los vieler Diplomaten: Irgendwann wird ein Wechsel fällig. Bei ihm ist das nach unüblich langen zwölf Jahren, zuerst bei der UNO in Genf, seit 2006 in Bern. Sein nächster Posten wird Chile sein, ein Land, dessen lateinische Kultur ihm vertraut ist, ein «hoch entwickeltes» Land, wie er sagt.

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Alcántara hat nicht die übliche Diplomatenkarriere durchlaufen. Als junger Mann arbeitete er auf dem Flughafen von Santo Domingo im Verkauf und im Marketing. Später betreute er VIP-Gäste von Fluggesellschaften. «Dort habe ich Diplomatie gelernt», sagt er. Man ahnt es: Prominente Gäste sind oft anspruchsvoll und heikel. Doch nicht nur mit «Grosskopfeten» kommt er klar. «Ob mit einem Botschafter oder einer Putzfrau: Juan behandelt alle gleich zuvorkommend», vernimmt man aus seinem Freundeskreis.

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Und dieser Kreis ist gross. Auf seiner Facebook-Seite, wo er sich verabschiedet («Muchos gracias a todos»), wimmelt es von guten Wünschen. Er kennt Bern – und Bern kennt ihn. Als er vor einigen Jahren zur Geburtstagsparty einlud, brauchte es die Villa Mettlen, damit die rund 500 Gäste Platz fanden. Natürlich spielte auch dort Kultur eine Rolle. Dank Alcántaras Vitamin B trat die junge dominikanische Violonistin Aysha Syed auf: Heute zählt sie zu den zehn wichtigsten britischen Musikern.

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«Für die lateinamerikanischen Vertretungen ist es ein grosser Verlust», sagt Isabel Montero de la Camara, Botschafterin von Costa Rica, über den gesandten Botschaftsrat aus Santo Domingo. Eine solch intensive Vernetzung dieser Staaten und Kulturen habe es in Bern noch nie gegeben. Traurig über Juans Abgang sind auch der Muriger Zahnarzt Raymond C. Bloch und Gattin Monique. Beide kennen ihn von vielen kulturellen Anlässen her: Juan sei «ein distinguierter Mann», aber gleichzeitig locker. Man sei mit ihm rasch vertraut und Duzis, was in der eher förmlichen Diplomatie nicht üblich sei.

Der Bildhauer Housi Knecht nennt Juan liebevoll «einen Paradiesvogel», eine Apostrophierung, die Juan durchaus gefällt. Ein anderer Freund findet, Juan sei es durch sein Engagement gelungen, «das Image seines Landes positiv zu verändern». Ein einziges Mal hatte auch Juan ein anderes Image, wenn auch nur auf der Bühne. Im Teatro Español de Berna spielte er, wie sich ein Akteur erinnert, einen bösen Mann, der seine Frau züchtigte. Ausgerechnet Juan, der überaus charmante Junggeselle. Begegnungen mit Menschen

www.montag.derbund.ch (Der Bund)

Erstellt: 18.07.2016, 09:53 Uhr

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