Der letzte Stapi geht

Ob Wyss oder von Graffenried: Mit dem Rücktritt von Alexander Tschäppät geht in Bern – ja, in der Schweiz – eine Ära zu Ende. Die neue Generation von Stadtpräsidenten zählt mehr Manager als Charismatiker.

Alexander Tschäppät inszenierte sich gerne: Am Stadtfest liess er sich etwa medienwirksam aus Kaffeesatz die Zukunft voraussagen.

Alexander Tschäppät inszenierte sich gerne: Am Stadtfest liess er sich etwa medienwirksam aus Kaffeesatz die Zukunft voraussagen.

(Bild: Franziska Scheidegger)

Simon Preisig@simsimst

Nach einem YB-Sieg schwingt sich der YB-Fan und Berner Stadtpräsident Alexander Tschäppät auf die Bühne und besingt SVP-Grössen als «Motherfuckers». Die Gesangseinlage von 2010 ist nur eine von vielen Aktionen, mit denen Tschäppät während seiner Amtszeit aneckte – ja für die er sich später sogar entschuldigen musste.

Man konnte sich für Tschäppät jeweils schämen, doch er gab Bern auch ein Gesicht. Und dieses gefiel den Bernerinnen und Bernern so gut, dass sie ihrem Stadtpräsidenten die Ausrutscher jeweils rasch wieder verziehen.

Doch in Zukunft dürfte es weniger zu entschuldigen geben. Egal ob am 15. Januar Ursula Wyss (SP) oder Alec von Graffenried (GFL) gewählt wird, die Zeit, in der Berns Stadtpräsidenten Sprüche klopften und die Vorzüge ihrer Stadt in die Welt hinausschrien, sind vorbei. Weder Wyss noch von Graffenried sind solche Selbstdarsteller wie Tschäppät. Er könne nicht so gut Witze reissen und sei dünnhäutig, sagte von Graffenried kürzlich. Auch Wyss ist nicht für spektakuläre Auftritte vor Publikum bekannt: Sachlichkeit vor Spässen, ist bei ihr das Credo.

Die Patriarchen räumen das Feld

Tschäppät geht nicht alleine. Die abtretende Burgdorfer Stadtpräsidentin Elisabeth Zäch ist ebenfalls ein Stadtvater. Dass sie eine Frau ist, spielt keine Rolle. Da der Stadtvater dem Rollenbild eines klassischen Patriarchen nahe kommt, wäre Stadtmutter die falsche Bezeichnung. Zäch agiert sehr volksnah. «Ich bin mit der Hälfte der Stadt per Du», sagt sie im Interview mit dem «Bund». Zudem ist die ehemalige Radiojournalistin eine starke und humorvolle Rednerin. Wie Tschäppät ist auch Zäch Meisterin darin, trotz Volksnähe ernst genommen zu werden und sich nicht anzubiedern. Dabei hat sie ihre Ziele nie aus den Augen verloren: Konsequent setzte sie sich für die Fachhochschule Burgdorf und das Stadtschloss als Ort der Kultur ein.

Andere charismatische Stadtpräsidenten sind schon länger abgetreten. Nach 20 Jahren nahm der Bieler Stadtpräsident Hans Stöckli (SP) 2011 den Hut. Stöckli, der es angeblich nicht ertragen konnte, bei einer Sache mitzumachen, bei der er nicht im Mittelpunkt stand. Stöckli, der aber mit seinen Visionen das verwahrloste Biel der 1980er-Jahre von einem Schuldenberg befreite und in die Zukunft führte.

Nun kommen die Technokraten

Auf Stöckli folgte der nüchternere Erich Fehr. Auch in Zürich wurde 2009 die Sozialdemokratin Corine Mauch gewählt. Im Gegensatz zu ihrem Vorgänger Elmar Ledergerber (SP), der die öffentlichen Auftritte liebte, sagt Mauch: «Es fährt kein Auto weniger durch die Stadt, wenn ich einfach laut auf den Tisch haue.» Damit verkörpert Mauch, die sich im früheren Beruf mit Verifikation und Evaluation befasste, den politischen Zeitgeist in den Exekutiven der Schweizer Städte.

Dass in den städtischen Regierungen heute eher der Typ Manager gefragt ist, kommt nicht von ungefähr. «Stadtverwaltungen sind mittlerweile komplexe Grossbetriebe, da ist Führungskompetenz gefragt», sagt Fritz Sager, Politikprofessor am Kompetenzzentrum für Public Management der Universität Bern. Da würden «Saft im Ranzen», eine integrierende Art und ein starker Aussenauftritt einfach nicht mehr genügen. «Die Zeit der charismatischen Stadtväter scheint tatsächlich vorbei zu sein», sagt Sager. In einer Zeit, in der die Menschen zurück in die Städte ziehen, wird erwartet, dass die Stadt entsprechende Dienstleistungen erbringt. «Wer in einer Stadt wohnt, will vor allem, dass alles reibungslos funktioniert.»

Vorbei sind also die Zeiten, in denen Vollblut-Patriarch Reynold Tschäppät das Allmendstadion rhetorisch fragen konnte: «Wollt ihr ein Dach über dem Kopf?», und dieses dann baldmöglichst gebaut wurde. Die neue Generation von Städtern und Städterinnen will lieber mitreden und mitgestalten. «Das sind alles Prozesse, die gemanagt und koordiniert werden müssen», sagt Sager.

Natürlich bleibe der Kontakt zur Bevölkerung wichtig. Doch dieser geschieht laut Sager heute eher bei geplanten, professionellen Anlässen. So etwa während Sitzungen von Quartierkommissionen, an Standaktionen oder bei moderierten Veranstaltungen. Um regelmässig in der Beiz ein Bier zu trinken, fehle heutigen Exekutivpolitikern oftmals schlicht die Zeit.

Kandidat von Graffenried versucht in seinem Wahlkampf dennoch, beim Mythos des Stadtvaters anzuknüpfen, und gab sich bereits vor dem ersten Wahlgang volksnah. Er präsentierte sich in den Medien als unerschrockener Aareschwimmer. Auch als er den Zibelemärit besuchte, machte er dies publik. Für die finale Wahlrunde setzt nun auch Wyss vermehrt darauf, Nähe zu kommunizieren. So meldete sie es etwa auf Social Media, als sie sich als Teil einer Menschenkette auf der Kirchenfeldbrücke für die Rechte von Flüchtlingskindern einsetzte. «Eine gewisse Rolle spielt die Volksnähe für das Selbstverständnis eines Stadtoberhaupts also doch noch», sagt Politologe Sager.

Der Bund

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