Der letzte grosse Wurf

Das Siegerprojekt für die Berner Grossüberbauung Viererfeld/Mittelfeld kommt bei Genossenschaften gut an. Nicht zuletzt, weil es auf Hochhäuser verzichtet.

So soll das Berner Viererfeld dereinst aussehen: Visualisierung des Siegerteams.

So soll das Berner Viererfeld dereinst aussehen: Visualisierung des Siegerteams.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Keine Hochhäuser, ein breiter Mix an Wohnformen, viele Orte mit Potenzial für Begegnungen: So soll das neue Quartier auf dem Vierer- und Mittelfeld einst aussehen. Gestern präsentierte die Stadt Bern die Sieger des städtebaulichen Wettbewerbs. Prämiert wurde das Projekt VIF_2 eines Planungsteams aus Zürich und Meilen. Prägendes Merkmal sind zwei sich kreuzende diagonale Strassen. Bei den Zugängen und den Kreuzungen sind kleinere Plätze vorgesehen, die mittels Läden und gastronomischer Angebote belebt werden sollen. Insgesamt dominiert aber die Wohnnutzung. Rund 3000 Personen sollen einst in den angedachten 1200 Wohnungen ein Zuhause finden.

Vierer- und Mittelfeld gehören zu den letzten grossen Flächen, auf denen sich die Stadt wohnbaumässig austoben kann. Dass auf der zentral gelegenen grünen Wiese künftig Menschen hausen, ist aber umstritten. Beides Gründe, wieso die Stadt hohe Ansprüche an die Überbauung stellt. Im Vorfeld versprach sie nichts weniger als ein Quartier mit Pioniercharakter; grün, lebendig, hindernisfrei und sozial durchmischt soll es sein, Vorreiter urbaner Lebensqualität sowieso und gleich noch schweizweites Vorbild in Bezug auf Planung und Umsetzung.

Keine autarke Siedlung

Zumindest die Verantwortlichen in der Stadtregierung, Stadtpräsident Alec von Graffenried (GFL) und Gemeinderat Michael Aebersold (SP), sehen die Ansprüche als erfüllt. Am Siegerprojekt überzeuge ihn vor allem, dass es nicht als abgeschlossene Siedlung konzipiert sei, sondern die bestehende Stadt zwischen Länggasse und Äusserer Enge harmonisch weiterbaue, sagte von Graffenried gestern vor den Medien.

Im oberen Bereich der Karte ist die neue Überbauung zu sehen, im unteren Teil die bestehenden Häuser des Länggass-Quartiers. Bild: zvg

In den Kommentarspalten und auf Social Media gibt es aber auch skeptische Stimmen. Vor allem der Verzicht auf Hochhäuser wird von einigen kritisch beurteilt. Auf dem Viererfeld erlaubt die Überbauungsordnung nur – wie von VIF_2 vorgesehen – sechs Stockwerke (inklusive Attika-Geschoss). Auf dem Mittelfeld wären aber Hochhäuser möglich. Das Preisgericht begründet den Verzicht mit dem bestehenden Burgerspittel: Dieser «solitäre Zeitzeuge» würde durch weitere Hochhäuser «marginalisiert und bedrängt», heisst es im Jury-Bericht. In der Genossenschaftsszene kommt der Entscheid gut an. Es herrscht die Meinung vor, dass sich Hochhäuser wegen der Vorschriften nur schwer preisgünstig bauen lassen.

Ein bisschen Gewerbe

Dass Wohnbaugenossenschaften bei der Überbauung zum Zug kommen werden, ist bereits heute klar. Die Hälfte des Viererfelds soll an gemeinnützige Investoren abgegeben werden, auf dem Mittelfeld ist ein noch grösserer Anteil möglich. Doch auch die Stadt selber hat bereits vor Jahresfrist bekannt gegeben, dass sie Anspruch auf ein Viertel des Areals erhebt. Wie Finanzdirektor Aebersold gestern ausführte, ist noch offen, ob die Stadt ihren Anteil selber bebauen will oder ob sie sich einer Wohnbaugenossenschaft anschliesst und dann die Wohnungen von dieser übernimmt und teils verbilligt weitervermietet.

Ein möglicher Partner für eine solche Zusammenarbeit ist die neu gegründete Hauptstadt-Genossenschaft. Vorstandsmitglied Claudia Thiesen ist zufrieden mit dem Siegerprojekt. Es lasse den Investoren sehr viel Spielraum, sagt die Architektin auf Anfrage. So biete die flexible Parzellierung kleinen wie auch grossen Bauträgergruppen die Möglichkeit, Projekte zu realisieren.

Für die Hauptstadt-Genossenschaft von zentraler Bedeutung ist, dass ein lebendiges Quartier entsteht. Das Ziel wird von der Stadt geteilt, doch vermag es das Siegerprojekt auch einzulösen? Ein erster Blick macht skeptisch. So solle das Mass an «publikumsorientierten» Nutzungen «nicht überschätzt» werden, heisst es im Jury-Bericht. Realistisch sei die Konzentration auf zentrale Orte. Projekte mit «zu vielen Gewerbeflächen» haben es nicht in die engere Auswahl geschafft, wie Jury-Moderator Rainer Klostermann sagt.

Baustart frühestens 2023

Architektin Thiesen betont zwar die Bedeutung von Gewerbe- und Gemeinschaftsflächen für ein lebendiges Quartier, macht sich aber im Hinblick aufs Viererfeld keine Sorgen. Dafür sorgten nicht nur die Begegnungszonen des Gesamtprojekts, «auch die prämierten Bauprojekte sind so konzipiert, dass ein reges Nachbarschaftsleben stattfinden kann».

Neben einem Gesamtkonzept hat die Jury sechs Bauprojekte prämiert, die auf dem Areal umgesetzt werden können. In einem nächsten Schritt wird es nun darum gehen, die einzelnen Bauprojekte sinnvoll in das Gesamtkonzept einzufügen. Der entsprechende Masterplan soll bis Ende 2019 ausgearbeitet werden. Erst dann können sich Investoren um die Baufelder bewerben. Baubeginn ist frühestens 2023.

Zum Interview mit Jurymitglied Rainer Klostermann.

So könnten die Häuser der Viererfeld-Überbauung dereinst aussehen. Bild: zvg

spr/sda

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