Der Kurswechsel vom ÖV zum Velo kommt zu früh

Die rot-grünen Parteien sollten die Tramplanung weiter unterstützen. Man kann diese immer noch abbrechen, falls sich erfolgreichere Alternativen zeigen.

Wendeschlaufe Länggasse 1959: Das Tram fuhr zum Ostring.

Wendeschlaufe Länggasse 1959: Das Tram fuhr zum Ostring. Bild: Peter Willen (Archivbild)

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Es hat etwas Erfrischendes, wenn die rot-grünen Regierungsparteien der Stadt Bern es wagen, bisherige rot-grüne Prioritäten zu hinterfragen. Konkret bezweifeln sowohl die städtische SP als auch ihre beiden grünen Partner GB und GFL, dass eine neue Tramlinie in die Länggasse nötig ist. Die Frage, ob insbesondere die Förderung des Veloverkehrs die Zunahme der ÖV-Passagiere bremsen kann, ist legitim. Nicht falsch ist auch der Einwand, dass diese Strecke viel kürzer wäre als die eben beschlossene nach Ostermundigen. Zudem kommt die Grundsatzdebatte im richtigen Moment, da die neuen Trampläne erst ganz am Anfang stehen.

Dennoch ist eine Verschiebung der Prioritäten weg vom Ausbau des Tramnetzes und hin zum Veloverkehr riskant. Bern ist heute eine ausgesprochen gut funktionierende ÖV-Stadt – eine Velostadt soll sie hingegen erst noch werden. Ob und in welchem Ausmass dies gelingt, ist völlig offen. So etwa, ob auch bei Regen und im Winter massiv mehr Personen aufs Rad statt in die warmen Busse oder Trams steigen werden. Wird bei Schlechtwetter doch der öffentliche Verkehr benutzt, bleibt seine Spitzenbelastung hoch. Zudem ist der Anstieg in die Länggasse ein Musterbeispiel dafür, dass Bern mühsame Steigungen aufweist.

Falls die Verlagerung hin zum Fuss- und Veloverkehr nicht klappen sollte, werden die schwächsten Bevölkerungsgruppen den Preis dafür bezahlen: Ältere, Behinderte oder Eltern mit kleinen Kindern leiden am stärksten unter überfüllten Bussen. Die neue Devise der rot-grünen Parteien, dass man zuerst alles andere probieren und erst danach ernsthaft über ein Länggass-Tram reden sollte, ist problematisch. Besser wäre es, sie umzukehren: die Tramplanung weiter vorantreiben – und allenfalls abbrechen, falls die Alternativen denn tatsächlich den erhofften Erfolg zeigen. (Der Bund)

Erstellt: 11.07.2018, 06:31 Uhr

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